NZZ Folio 07/02 - Thema: Tanzfieber   Inhaltsverzeichnis

Das erste Mal -- John Irving, brauchen Sie den Erfolg?

© Jane Sobel, Diogenes Verlag
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Ursula von Arx
JOHN IRVING 1942 in Exeter, New Hampshire, geboren, ist einer der bekanntesten Schriftsteller Amerikas. Einige seiner Romane wurden auch verfilmt, etwa «Garp und wie er die Welt sah», «Das Hotel New Hampshire», «Witwe für ein Jahr». Für das Drehbuch zu «The Cider House Rules» bekam Irving einen Oscar. Im Moment ist das Drehbuch zu «Die vierte Hand» in Arbeit, seinem neusten auf Deutsch erschienenen Buch. Braungebrannt und kompakt sitzt Irving da, stoisch lässt er das Interview über sich ergehen.


John Irving, wann wollten Sie das erste Mal Schriftsteller werden?

Ich war Legastheniker und ein hemmungslos schlechter Schüler. Es gab nur zwei Orte, wo ich nicht als Versager dastand. Der eine war die Ringerhalle. Es war zwar klar, dass aus mir nie ein Spitzenathlet werden würde, aber da fühlte ich mich o. k. Der andere Ort war English Writing. Jawohl, ich wollte schreiben lernen. Das war mein Traum.

Amerikaner haben das Sprichwort: If you can dream it, you can do it. Europäer setzen bei einem Schriftsteller eher auf Talent und Leidenschaft als auf den Willen und die Technik.

Ich sehe mich selber als talentierten Handwerker. Wobei ich nicht glaube, dass ich etwas lernte in diesen Creative-Writing-Kursen. Aber ich wurde von erfahrenen Schriftstellern ermutigt. Und das ist sehr wichtig. Ich konnte T. C. Boyle, der später ein Student von mir wurde, auch nichts beibringen. Er wusste, wie man schreibt. Aber ich konnte sagen: Good, Tom! Und daraufhin fühlte Tom sich gut. Denn er war jung, und ich war älter.

Älter und erfolgreich. Wären Sie auch ohne Erfolg beim Schreiben geblieben?

Ja. Denn ich bin ein Geschichtenerzähler. Und ich war vier Bücher lang ein erfolgloser Geschichtenerzähler. Man schreibt nicht vier Bücher und hört nachher auf, nur weil der Erfolg ausbleibt. Als Erfolgloser hätte ich nebenbei einen Job angenommen, der Geld bringt, und weitergeschrieben.

Leiden Sie beim Schreiben? Ihre amerikanische Kollegin Joan Didion etwa beschreibt, wie sie regelmässig an einen Punkt kommt, wo sie kein Wort mehr an das andere reihen kann. Sie wird dann krank.

Ich leide nicht, ich werde müde. Am Ende eines Buches sehe ich jeweils um Jahre älter aus als am Anfang. Ich schreibe acht Stunden am Tag, und wenn ich im Bett liege, kann ich nicht schlafen, weil ich an Sätzen herumstudiere. Aber wie gesagt: Ich sehe mich als Handwerker, nicht als Künstler. Ich fühle mich auch im Alltag mehr zu Leuten hingezogen, die mit den Händen arbeiten, als zu Intellektuellen. Und so ist Leiden nicht mein vorherrschender Gemütszustand.

Trotzdem: F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway, John Steinbeck, William Faulkner - alles grosse amerikanische Schriftsteller, und alle waren sie Alkoholiker. Wie erklären Sie sich das?

Es gibt viele Alkoholiker, und manche davon sind halt Schriftsteller. Sie litten wohl eher an der Welt als am Schreiben.

Kennen Sie Motivationsprobleme?

Nein. Das hat wohl damit zu tun, dass das erste Wichtige in meinem Leben das Ringen war. Vom Ringen habe ich meine Disziplin. Ich verstand sehr schnell: Wer nach dem Lustprinzip leben will, kommt nie auf einen grünen Zweig. Also: üben, üben, üben. Genauso ist es beim Schreiben. Man muss ziemlich hart arbeiten, bis ein Dialog natürlich wirkt, eine Figur stimmt. Die Sätze wirken zuerst plump, und gewöhnlich sagt man zu viel. Es ist nicht so natürlich, natürlich zu sein, sagte der Dichter Marvin Bell.

Manche sehen in der Literatur ein Erziehungsinstrument.

Ich nicht. Bücher sollen unterhalten. Das ist ihre Funktion.

Sie sind kein besserer Mensch geworden durchs Schreiben?

Doch. Aber das nützt meiner Umgebung nichts. Denn im Alltag bin ich immer noch sehr ungeduldig. Gerade vorher wollte ich das Fenster öffnen. Es ging nicht. Und schon ging das Gefluche los. Ich bin nur als Schriftsteller geduldig. Das Schreiben ist das Einzige, wo ich nicht in Eile bin. Wenn mein Verleger wissen will, ob ich das Schlusskapitel schon geschrieben habe, und es ist der Fall, sage ich ihm nie die Wahrheit. Denn dann will er den Text haben. Ich hingegen will ihn noch drei Monate auf die Seite legen und dann mal schauen. Vielleicht passt mir etwas plötzlich nicht mehr.

Was denn zum Beispiel?

Die erste Fassung von «Die vierte Hand» war melancholischer als jetzt. Mrs. Clausen war von Anfang an präsent, denn ich wollte zeigen, dass sie eine ganz normale Frau ist. Dann, aus der Distanz, war ich nicht mehr ein Pferd mit Scheuklappen und sah, dass es viel besser ist, wenn Mrs. Clausen einen überrascht. Wie sie zum ersten Mal im Büro des Arztes auftritt, denkt man, sie sei verrückt. Dass sie im Gegenteil die tiefsinnigste und mental gesundeste Figur im Roman ist, merkt der Leser erst mit der Zeit. Oder Dr. Zajac: Er war zuerst ein Doktor mit Grundsätzen. Eine Hand zu ersetzen, nur weil die Technik es erlaubt, das fand er oberflächlich. Er meinte: Lerne, ohne zu leben, und du wirst stärker. In der jetzigen Fassung ist Zajac eine komische Figur. Das passt besser zur Grundstimmung des Romans.

Ihre Bücher sind meist sehr umfangreich, und doch geht kaum eine Figur oder ein Handlungsstrang verloren.

Ja. Bevor ich anfange zu schreiben, weiss ich genau, wie die Geschichte verläuft. Denn beim Schreiben will ich mich auf die Sprache konzentrieren.

Hat das auch Nachteile? Etwa den, dass die Konstruktion wichtiger wird als die Figuren?

Die Figuren sind mir schon auch wichtig. In «Die vierte Hand» ist es diese Liebesgeschichte zwischen Mrs. Clausen und Patrick Wallingford, die mich interessierte. Die beiden sind wie Öl und Wasser. Wie können sie zusammenfinden? Was stimmt: Der Kontext bestimmt die Charakterisierung meiner Figuren stark mit. Ich muss zum Beispiel immer genau wissen, in welcher Tonart das Ende sein wird. Ich will nie auf demselben Ton aufhören, auf dem ich anfange. Meistens fangen meine Romane komisch an, gegen das Ende werden sie nachdenklicher und langsamer, die Kapitel werden länger.

Es gibt Schriftsteller, die sagen, dass ihre Figuren ein Eigenleben annehmen.

Alle meine Freunde behaupten das.

Bei Ihnen ist es anders?

Ich bin der Marionettenspieler, meine Figuren sind die Marionetten. So würde ich das Verhältnis charakterisieren.

Reden wir noch ein bisschen über die Männer und Frauen in Ihren Büchern. In «Die vierte Hand» wollen zwei Frauen unbedingt schwanger werden. Sie instrumentalisieren die Männer.

In «The Cider House Rules» gibt es auch eine Frau, die ein Kind will, aber keinen Mann. Ich musste sie als Radikalfeministin zeichnen, sonst wäre sie nicht glaubwürdig gewesen. Das war vor 17 Jahren. Heute ist das nicht mehr nötig. Mary und Mrs. Clausen sind ganz normale Frauen, sie haben einen Beruf und Pläne.

Sie als Mann, finden Sie die Rolle als Erfüllungsgehilfe in Ordnung?

Ja. Ich kenne eine Menge Frauen, die viel konservativer sind als ich, und eines Tages haben sie ein Kind, und sie legen niemandem Rechenschaft darüber ab, von wem. Es ist einfach so: Ab einem gewissen Alter müssen Frauen Entscheidungen treffen. Nicht nur, was Kinder, sondern auch, was die Beziehung betrifft. Ich glaube, es gibt viele Frauen, die Ende dreissig eine Beziehung akzeptieren, die sie Ende zwanzig nie und nimmer akzeptiert hätten. Die Frauen verabschieden den Märchenprinzen irgendwann und werden pragmatisch. Die Männer träumen ihr Leben lang weiter.

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