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Sage und Schreibe -- Umstellt von Ikonen
Von Manfred Papst
AUCH DIE SPRACHE unterliegt der Mode. Einer tut etwas Originelles, andere übernehmen es, und schon ist es nicht mehr originell; so dass der weiterhin originell sein Wollende sich etwas Neues ausdenken muss. Dieser Prozess bestimmt, wie Thorstein Veblen in seiner «Theory of the Leisure Class» (1899) gezeigt hat, die Attribute, über welche die Oberschicht sich jeweils neu definiert, wenn ihre Errungenschaften Allgemeinbesitz geworden sind, und er beeinflusst auch den trendigen sprachlichen Ausdruck. Zwar müssen wir nicht überall originell sein. Sätze wie «Ich liebe dich», «Zweimal Pizza Diavolo» oder «Falsch verbunden» haben sich bewährt, und es macht nichts, dass auch noch andere sie verwenden.
Im Journalismus ist es etwas komplizierter. Der erste Lohnschreiber, der notierte, was er auf dem Weg zum Ort des Geschehens vom Taxifahrer erfuhr, war vielleicht originell, und die Idee ist nicht prinzipiell verwerflich: Man lässt einen Ortskundigen, halb Cicerone, halb Volkes Stimme, erzählen. Inzwischen ist die Taxifahrereröffnung aber so oft zum Einsatz gekommen, dass sie restlos verbraucht ist und als «No Go» gilt - übrigens ganz wie der Begriff «No Go» selbst, der zur Sorte der so hübschen wie rasch verderblichen Scherze gehört.
Auch die «Ikone» hat in den letzten Jahren eine galoppierende Inflation mitgemacht. Das griechische «eikon», vom Wort her einfach ein «Bild», wurde lange auf die Kultbilder der christlichen Ostkirche gemünzt, auf thematisch und formal streng an die Überlieferung gebundene Tafelmalereien. Inzwischen aber wird das Wort viel breiter verwendet, etwa in der Bedeutung von «Sinnbild»: Lady Di, Madonna und auch Ruth Handlers Barbie-Puppe sind Ikonen der Moderne. Eine Ikone sei eine «Person oder Sache als Verkörperung bestimmter Werte, Vorstellungen, eines bestimmten Lebensgefühls o. Ä.», erklärt der Fremdwörter-Duden; die Grenze zur «Legende», zum «Mythos», zum «Symbol» verschwimmt also. Manchmal ist die Bedeutung aber auch recht klar umrissen: Eine «Ikone der Selbstsucht» nannte die «Weltwoche» Madonna und lieferte als Synonym gleich den «Kotzbrocken» mit.
Im Feuilleton ist es nach wie vor chic, von «Ikonen» zu sprechen. Unlängst hat die «Basler Zeitung» Marianne Faithfulls Weg «vom Groupie zur Ikone» beschrieben und unter den Expo-Bauten sowohl den Monolithen von Murten als auch die Wolke von Yverdon als «architektonische Ikonen, noch ehe sie in Erinnerung sind», bezeichnet. Die NZZ hat die Szene in Billy Wilders «The Seven Year Itch», in welcher Marilyn Monroe sich über dem U-Bahn-Gitter der 52. Strasse in New York Kühlung verschafft, aber auch Giacomettis Skulpturen und Richard Princes Fotografien zu Ikonen des 20. Jahrhunderts erklärt.
Der Begriff ist indes nicht in Kulturbesitz geblieben. Der «Spiegel» nannte im Juni 2002 Hightech-Pleitiers wie John Rigas oder Ron Sommer «Ikonen», und die NZZ meldete den Tod der «Fussball-Ikone» Fritz Walter. So weit konnten wir noch folgen. Ob aber «der direktdemokratische Kampf von Gewerkschaften und Konsumentenschützern um den Erhalt des Schweizer Poststellennetzes», wie das gleiche Blatt schrieb, eine «Ikone dieser Abwehrhaltung» ist, welche «der Post schon fast den Stellenwert einer Kirche im Dorf» zuschreibt?
Das erscheint uns fast so wunderbar und rätselhaft wie die Preisung, die der «Blick» dem von uns durchaus heiss geliebten Eishockeyspieler Felix Hollenstein angedeihen liess: «Captain-Ikone aller Zeiten, Länder und Ligen.»
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