«HABE ICH SCHON GESAGT, dass die Fähigkeit, uns zu wundern, das einzige ist, was wir brauchen, um gute Philosophen zu werden? Wenn nicht, dann sage ich das jetzt: Die Fähigkeit, uns zu wundern, ist das einzige, was wir brauchen, um gute Philosophen zu werden.»
Diese struppige Passage ist dem Bestseller «Sofies Welt» entnommen, der Philosophiegeschichte von Jostein Gaarder, die in eine Erzählhandlung eingebettet ist. Die hartnäckige Wiederholung hat eine doppelte Funktion: Sie erleichtert es dem Leser, sich die Aussage einzuprägen, und noch vorher hat sie als Stolperstein gewirkt - hoppla, was ist denn hier passiert! Zweimal hintereinander dasselbe, das stösst unsere Gewohnheit um.
Und eben diese Störung erhöht die Durchblutung des Vorderhirns, wie der in Kanada lehrende Literaturwissenschafter David S. Miall 1995 nachgewiesen hat. Der kalkulierte Verstoss gegen eingerastete Erwartungen ist ein vorzüglicher Kunstgriff für jeden, der seinen Worten Aufmerksamkeit verschaffen will, ob er Journalist, Werbetexter, Lehrer oder Pfarrer ist oder ob die Umstände ihn zwingen, eine Tischrede zu halten.
Kalkulierter Verstoss, darauf kommt es an. Einen Weg über lauter Stolpersteine beschreitet keiner gern; die Kunst besteht darin, die Steine in Abständen zu placieren, die geeignet sind, den Spaziergänger am Träumen zu hindern, den Zuhörer am Abschweifen, den Leser am Einschlafen. Wer pausenlos seine Erwartungen bedient findet, der nickt vielleicht dann und wann, aber über kurz oder lang nickt er ein.
Was brachen die Teilnehmerzahlen? Die Erwartung ist eindeutig: alle Rekorde. Wie hast du geschlafen? Wie ein Murmeltier. Der langen Rede welcher Sinn? Der kurze. Womit hat er das Kind ausgeschüttet? Mit dem Bade. Das kennen wir alles, das plätschert vorüber, das strapaziert uns nicht, wie schön; aber es stimuliert uns nicht, wie schade. Lauschen wir einem Soziologen, so wird er alternative Lösungsansätze oder multikulturelle Aktivitäten thematisieren, und kein Politiker wird es versäumen, sich den unabdingbaren Herausforderungen der Zukunft entschlossen zu stellen. Ja doch, ja!
Wer uns als Leser oder Hörer gewinnen will, schuldet uns dann und wann die kleine Überraschung, das mutwillige Herausspringen aus den allzu ausgefahrenen Gleisen und die leichte Anspannung im Vorderhirn, die daraus folgt. Wer in der Sache etwas Aufregendes mitzuteilen hätte, der brauchte sich um die Form nicht zu sorgen - etwa wenn der Tischredner zur Silberhochzeit verkündete, das Jubelpaar habe soeben die Scheidung eingereicht. Den meisten Rednern oder Schreibern aber bleibt nichts, als sich der Form zu bedienen, wenn sie gelegentlich eine kleine Unruhe in das Gewohnte tragen wollen.
Sprachschablonen zu meiden ist dabei die Mindestforderung. Die Winterstarre des Murmeltiers kann nach den ersten siebenmal siebenhunderttausend Schlafperioden Leser und Hörer nur noch zum Gähnen bringen; wem also nichts Besseres einfällt, der behellige das Murmeltier nicht länger und habe einfach tief geschlafen. Aber erlaubt wäre es natürlich und eine höhere Form der Kunst, sich interessant zu machen, wenn einer geschlafen hätte wie eine Beutelratte; damit wäre, bei Wahrung der zoologischen Korrektheit selbstverständlich, eine Schablone zerbrochen, ein uraltes Bild mit neuem Leben aufgeladen, ein kleiner Stolperdraht gespannt. Das Spiel mit den allzu abgegriffenen Bildern lässt sich gar noch verfeinern, indem man sie auf den Kopf stellt: Da behauptet einer über einen Zeitgenossen, er habe versucht, aus seiner Mördergrube ein Herz zu machen, und im Ersten Weltkrieg schrieb Karl Kraus in einer scheinheiligen Naturbetrachtung, die Pilze schössen mal wieder wie die Munitionsfabriken aus dem Boden.
Eine ziemlich zuverlässig einschläfernde Wirkung geht von der konstanten Bosheit, der goldenen Mitte, dem bitteren Ernst, dem strengen Stillschweigen aus - jenen Zwangs-Ehen zwischen einem Substantiv und einem Adjektiv, deren Scheidung seit Jahrzehnten überfällig ist. Unter den Eigenschaftswörtern könnte man es mit jenen bildhaften versuchen, die jeder versteht, aber kaum einer noch verwendet: vierschrötig und bärbeissig, duckmäuserisch und hasenherzig. Robert Walser sagt den Reichen nach, ihre Herzen seien «kalt, weit, geheizt, gepolstert und vernagelt»; und wie schön, wenn Ramón Pérez de Ayala seinen Helden «scharf und sieghaft schnarchen» lässt.
Ein fruchtbares Feld (nicht ein «weites»: das ist längst abgeerntet durch Theodor Fontane und Günter Grass) sind frisch ersonnene Vergleiche, wenn sie denn treffen wie neulich im «Spiegel»: Es gebe Kapitäne, die von Navigation so viel verstünden «wie der Fisch vom Stäbchen». Die Mittel sind unzählig und stellen sich ein, wenn man nur den Zweck bedenkt: Hin und wieder rütteln muss ich jeden, auf den ich mit Worten wirken will. Das haben auch jene amerikanischen Firmen verstanden, in denen man das Schild hängen sieht «Learn from mistekes!» Ja, aus Fählern lernen, das sollten wir alle, habe ich das schon gesagt? Wenn nicht, dann sage ich es jetzt: Aus Vehlern lernen sollten wir.