NZZ Folio 01/08 - Thema: Jung und jüdisch   Inhaltsverzeichnis

Sportmärchen -- Wie der Teufel Schiedsrichter wurde

© Markus Roost
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Von Richard Reich
Es war einmal ein Richter, der ging jeden Morgen ins Gericht, um Recht zu sprechen. Dies tat er von Montag bis Samstag, den Sonntag aber verbrachte er auf dem Fussballfeld – natürlich nicht als Verteidiger, sondern als Schiedsrichter.

Wie vor Gericht nahm es der Richter auf dem Rasen sehr genau. Er beurteilte seine Fälle streng, aber menschlich und gab nach jedem Urteil kluge Rechtsbelehrungen ab. Erkannte er auf Abseits, erklärte er dem fehlbaren Stürmer: «Wussten Sie, dass nicht Ihre Füsse, sondern Kopf und Rumpf für die Beurteilung Ihrer Abseitsposition ausschlaggebend sind?» Liess sich aber ein Vorstopper vorsätzliches Beinstellen zuschulden kommen, so donnerte der Richter: «Betrachten Sie sich als vorbestraft! Im Wiederholungsfall gibt’s drei Spieltage unbedingt!»

Daher war der Richter sonntags unter Fussballspielern nicht minder gefürchtet als wochentags bei zivilen Straftätern. Kein Verwarnter, kein Ausgeschlossener hätte je gegen das Verdikt des Richters Einspruch erhoben, obwohl der auf dem Sportplatz statt seiner schwarzen Robe bloss eine kurze Hose trug sowie Kniestrümpfe.

Eines Sonntags jedoch – der Richter befasste sich gerade mit der Causa FC Kriegstetten versus FC Konolfingen – kam der Teufel beim Fussballplatz vorbei, und weil er nichts Schlechteres zu tun hatte, mischte er sich unter die Zuschauer. Man schrieb die 66. Minute, die Partie stand 1:1 und näherte sich unter der umsichtigen Aufsicht des Richters in Anstand und Minne ihrem Ende, was den Teufel ärgerte: «Potz Höllenfeuer! Jener schwarze Pfeifenmann spielt sich auf wie der Herrgott am Jüngsten Gericht! Wollen doch sehen, ob hier nicht demnächst ein paar arme Sünder den Aufstand proben!»

Flugs schlüpfte der Leibhaftige in die Haut eines Konolfinger Abwehrrecken und streckte mit einem üblen Foul den erstbesten Kriegstetter nieder. «Sind Sie des Teufels, Numero zwo?!» rief der Richter, nachdem er das Spiel mit einem Pfiff unterbrochen hatte. «Ich werde Sie gemäss Paragraph 12, Absatz 4, Ziffer 6 b wegen gewaltsamen Spiels des Feldes verweisen!» Mit diesen Worten griff er in seine Brusttasche, um dem Übeltäter, der statt Reue bloss grinsend seine Zähne zeigte, die rote Karte vor die Nase zu halten – doch was war das? Die gezückte Karte war plötzlich nicht mehr rot, sondern sie leuchtete in grellstem Teufelsblau!

Verzweifelt durchwühlte der Richter sämtliche Taschen seiner Montur, konnte jedoch weder seine rote noch seine gelbe Karte finden. Was blieb ihm übrig, als den Bösewicht ungeschoren weiterspielen zu lassen? Der Teufel aber grunzte vor Vergnügen, zumal sein schlechtes Vorbild alsbald Schule machte. «Rache für unseren Kameraden!» brüllten die Kriegstetter und fuhren den Konolfingern in die Beine, dass die Knochen krachten, die Knöchel splitterten, die Kreuzbänder rissen und die Nasenbeine entzweigingen.

«Halt! Stop! Aufhören!» zeterte der Richter. «Das war ein übles Foul! Und das eine Tätlichkeit! Und das …» Allein, kein Mensch auf dem Fussballfeld hatte noch Respekt vor ihm, weder die Spieler, deren Füsse jetzt dem Faustrecht gehorchten, noch das Publikum, das in Sprechchören höhnte: «Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?! Wer hat …?!»

Nur zu gern hätte der Richter stante pede abgepfiffen, doch die Zeiger seines Chronometers krochen, als ob der Leibhaftige sie zurückhielte. «Himmel! Wie soll ich dieser Hölle je entrinnen?!» stöhnte er. Da fuhr der rotäugige Teufel krachend aus der geborgten Spielerhaut, dass es im ganzen Stadion nach Schwefel stank, und kreischte: «Ganz einfach, Euer Ehren, überlass deine Trillerpfeife mir, und dann mach, dass du fortkommst!»

Von diesem Tage an liess der Richter das Richten sein. Er liess sich zum Pflichtverteidiger umschulen, und den Fussballplatz scheute er wie der Teufel das Lattenkreuz.

PS: Laut Pressemeldungen kommt es auf schweizerischen Fussballplätzen neuerdings zu unerklärlichen Zwischenfällen: Immer öfter treffen Schiedsrichter zu spät am Spielort ein, vergessen daheim ihre Karten und melden dem Verband mitunter gar falsche Schlussresultate.

Richard Reich ist Autor, er lebt in Zürich.

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