NZZ Folio 03/98 - Thema: Die Geburt   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Jener Tag

Von Ursula von Arx

Wir setzten uns ins Tram. Er war nicht gerade die Stütze, die zu sein er angekündigt hatte. Er lehnte sich an meine Schulter und schluchzte. «Du, das wäre jetzt doch meine Rolle», sagte ich. «Ja», sagte er. Drei Stunden zuvor waren wir beim Psychiater gewesen. «Sie haben also keine wirtschaftliche Basis?» fragte der in einem Praxiszimmer mit Pferdchen, Malstiften, Puppen. Ein Kinderpsychiater also. Ausgerechnet. Wir schwiegen.

Es roch nach Desinfektionsmitteln. Als erstes bekam ich eine Spritze zur Kreislaufstabilisierung. Dann setzte ich mich ins Wartezimmer. Ich war auf zehn Uhr bestellt worden, und nun war es bereits halb elf, der Arzt hatte noch einen Notfall. Wir versuchten, Zeitung zu lesen. Ich musste dauernd auf die Toilette. Das muss ich immer, wenn ich aufgeregt bin. Noch ein anderes Paar war da - älter, Ende dreissig. Sie weinte hemmungslos. Ihr Mann erklärte: «Wir haben schon drei Kinder. Es wäre einfach zuviel gewesen.» Die Frau nickte und weinte wieder. Der Mann fragte uns: «Und wie viele habt Ihr?» - «Sonst keins», sagten wir.

Um halb zwölf kam der Arzt. Ich fror. Der Desinfektionsgeruch stach mir in die Nase. Der Arzt machte einen Ultraschall, um die Grösse festzustellen und ob es irgendwelche Besonderheiten gab. Die Spritze zur lokalen Anästhesie war schmerzhaft. Die Assistentin hielt meine Hand. Der Arzt öffnete den Muttermund auf etwa einen Zentimeter. Mit einer Serie von immer grösser werdenden Metallstiften. Es folgte das Sauggeräusch. Nach einer Viertelstunde war alles vorbei.

Im Nebenzimmer stand eine Liege. Ich bekam Tee. Zur Entspannung. Die Maschine saugte noch dreimal, während wir dort waren. Es war das Geräusch eines Hoover-Staubsaugers, und das Industrielle an der ganzen Sache, sagte er, habe ihn fast etwas beruhigt. Später gingen wir essen, etwas Gesundes, in ein vegetarisches Restaurant.

Ein Jahr darauf rief eine Freundin an, zum - könnte man sagen - Todestag unseres ersten Kindes. Ich hatte das Datum vergessen oder verdrängt.

Was sechs Monate später auf uns zugekommen wäre, hätte es jenen Tag so nie gegeben - davon handelt dieses Heft.


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