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Sportmärchen -- Der aufrechte Bäuchling
© Markus Roost
Von Richard Reich
Es war einmal ein Junge, der lebte in einem fernen Land. Dieses Land war ein ganz normales Land mit einer Hauptstadt, einem König, einer Prinzessin und so weiter, nur war es von oben bis unten zugefroren. Weil es aber so kalt war, gingen die Menschen in dicke Jacken und Pelze gehüllt, bloss jener Junge nicht, dessen kugelrundes Bäuchlein lustig zwischen einem dünnen Hemd und dem Hosenbund hervorlugte. Weil alle Strassen und Wege unter Eis lagen, gingen die Leute Tag und Nacht auf Schlittschuhen. Dies tat auch der Junge, nur verlor er allzu leicht das Gleichgewicht und fiel so übel auf sein Bäuchlein, dass man es zusammennähen musste.
Als der Junge sieben war, kam er in die Eisschule. Dabei handelte es sich um eine ganz normale Schule, nur wurde hier weniger Lesen und Schreiben als Eislaufen und Eisfischen unterrichtet. Der Unterricht fand demzufolge im Freien statt, auf dem Mühlweiher hinter der Kirche. In der ersten Stunde sprach der Lehrer: «Zum Aufwärmen wollen wir Fangen spielen. Du, kleiner Bäuchling, beginnst!» Da wirbelten die Kinder durcheinander, bis die Kufen ihrer Schlittschuhe glühten – bloss der arme Bäuchling keuchte mühsam hinterher, mit eingeknickten Knien, mitunter gar auf allen vieren. Da lachten die Schulkameraden klirrend, und der Lehrer schüttelte den Kopf wie ein Scheibenwischer.
Als der Junge siebzehn war, kam er zum Militär. Dabei handelte es sich um ein ganz normales Heer, nur wurde statt Marschieren und Herumrobben der gefechtsmässige Eislauf geübt. Die Musterung der Rekruten nahm der Eisgeneral vor, auf dessen Schultern sieben Schneesterne prangten. Er sprach: «Zum Eingewöhnen ins Soldatenleben wollen wir das einkufige Salutieren üben. Wer es ordentlich macht, hat bis Mitternacht freien Auslauf.» Da legten sich die Jungsoldaten mächtig ins Zeug und paradierten und salutierten, dass es eine Art hatte – bloss der Bäuchling schlitterte jämmerlich über den Exerzierplatz, bis ihn der General zum Eisteufel schickte.
So schlich der Jüngling von dannen, stakste auf seinen krummen Kufen über vergletscherte Hügel, durch schneestarre Tannwälder. Immer weiter und noch weiter glitt er und war dabei so in trübe Gedanken versunken, dass er nicht bemerkte, wie seine Bewegungen sicherer wurden. Eines Abends kam er zu einem riesigen Eissee. Am Ufer waren viele Menschen versammelt, und es herrschte grosse Aufregung. «Was ist denn hier los?» fragte der Bäuchling eine Alte, die vermummt in sieben Röcke auf einem Findling hockte.
Da sprach die Hexe: «Die kühnsten Männer des Königreichs sind versammelt, um einen Eisschnelllauf auszutragen. Wer als Erster das andere Seeufer erreicht, bekommt die Eisprinzessin zur Frau.» – «Ach, wenn mir dies Kunststück gelänge», seufzte der Bäuchling, «wie wollte sich meine arme Mutter freuen!» – «Mach dich getrost auf den Weg», kicherte die Hexe, «wenn du dich immer brav aufrecht hältst, soll es dir schon gelingen!» Also stellte sich der junge Mann wie die andern an den Start, mit geradem Rücken und blossem Bauch, und kümmerte sich nicht um das Gespött. Als der Startschuss ertönte, lief er vorsichtig los und achtete auf eine gute Haltung. Seine Konkurrenten aber stoben davon und lieferten sich, Schulter an Schulter, einen wütenden Kampf.
Alles deutete auf eine sehr knappe Entscheidung hin, als ein besonders wilder Kämpe plötzlich ins Trudeln geriet. Im Fallen riss er aus Niedertracht den Nebenmann nieder, nun aber geriet das ganze Läuferfeld arg durcheinander! Feurige Kufen zischten durch die Nachtluft, Schreie ertönten, es färbte sich blutrot das Eis. Dann wurde es still.
Und fassungslos sah der König durch sein Fernglas, wie der aufrechte Bäuchling am andern Ufer gemächlich über die Ziellinie glitt. Bauch voran, versteht sich.
An den Winterspielen 2002 wurde Steven Bradbury völlig überraschend Olympiasieger im Eisschnelllauf (Shorttrack). Der als tolpatschig geltende Australier gewann die Goldmedaille, weil sich sämtliche Favoriten gegenseitig zu Boden gerissen hatten. Bradburys Autobiographie heisst «Last Man Standing».
Richard Reich ist Autor; er lebt in Zürich.
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