NZZ Folio 01/03 - Thema: Angst   Inhaltsverzeichnis

Hallo Taxi -- Ich glaube nicht an Ferien

© Hanspeter Künzler
LAC SINGH, BIRMINGHAM (GB) Linktext
Von Hanspeter Künzler

LAC SINGH, BIRMINGHAM (GB)
Er ist 33 Jahre alt, verheiratet und hat drei Töchter (11, 8 und 2 Jahre alt). In seiner Freizeit betreibt er Fitnesstraining und ist ein passionierter Supporter des FC Liverpool, dessen Heimspiele er oft mit seiner ältesten Tochter besucht. Er fährt ein Taxi der Marke Carbodies, Modell TX1, ausgerüstet mit einem Nissan-Motor («der beste Ackergaul der Welt»), Jahrgang 2001, Zählerstand 90 000 Kilometer. Birmingham hat 977 100 Einwohner und liegt in den Midlands.
Lac Singh verdient im Monat etwa 3500 Franken, davon leben er, seine Frau und die drei Töchter. Die Hypothek seines Hauses kostet im Monat 920 Franken.


Lac Singh, wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?

Etwa acht Stunden am Tag, fünf oder sechs Tage in der Woche. Das hängt davon ab, ob ich am Samstag die Nerven habe, mich mit all den Shoppern herumzuschlagen oder nicht. Alte Taschen mit alten Taschen. Kinder, Kegel und Kinderwagen. Ich bin selbständig, das Taxi gehört mir. Ich bezahle dem Taxibetrieb eine Gebühr, damit ich an seine Infrastruktur angeschlossen bin.

Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?

Gar nicht. Reine Zeitverschwendung. Ich habe noch 32 Arbeitsjahre vor mir. So wie die Dinge liegen, sehe ich keine Chance, dass mir der Staat oder eine private Kasse 2035 noch eine Pension auszahlen kann. Da steckt man sein Geld doch besser in ein Haus.

Wann haben Sie zum letzten Mal Ferien gemacht und wo?

Ich glaube nicht an Ferien. Bullshit. Sich das ganze Jahr abrackern, nur damit man in den sogenannten Ferien nicht auf jeden Penny schauen muss. Da sitze ich lieber in meinem Garten, trinke ein Bier und schaue dem Sonnenuntergang zu. Oder ich mache einen Ausflug mit den Kids.

Warum wurden Sie Taxifahrer?

Familientradition. Mein Vater wuchs im Punjab, in Indien, auf und war Lastwagenfahrer, wie sein Vater und sein Grossvater. Es liegt im Blut. Paps kam 1961 nach England, er arbeitete in einer Giesserei. Taxifahrer wurde er 1979. Ich wurde Busfahrer. Seit zehn Jahren fahre ich Taxi. Ich schätze die Freiheit. Man muss sich nicht zur Arbeit zwingen, wenn man einen Kater hat.

Wie viele Kilometer legen Sie pro Tag zurück?

Etwa 160 Kilometer.

Was tun Sie in den Wartezeiten?

Mit den Kumpels plaudern. Wir kommen gut aus miteinander. Hie und da lese ich. Bücher über wahre Verbrechen.

Wer war Ihr schwierigster Gast?

Ein Priester, der auch Gemeinderat ist. Ein schrecklicher Typ. Raucht, flucht, hat keine Manieren und ist immer total unfreundlich. Ich weigere mich unterdessen, ihn mitzunehmen.

Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?

Ein Kinderwagen! Immerhin war kein Baby mehr drin.

Wie reagieren Sie im Stau?

Seit ich Automatik habe, ist es mir egal. Solange der Taxameter tickt, bin ich glücklich.

Reden Sie mit den Fahrgästen?

Immer. Ich möchte, dass sie sich daheim fühlen. Das ist mein Stil. Ich würde es nicht aushalten, dass ein Fahrgast denken könnte, da hocke wieder ein ganz müder und unfreundlicher Bursche am Steuer.

Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Was kostet die Fahrt dorthin?

Ich habe Birmingham noch nie als Ort gesehen, den man besuchen möchte, weil es schöne Ecken gäbe. Die Fahrt vom Flugplatz zum Stadion des FC Aston Villa kostet 35 Franken.

Haben Sie Angst vor Überfällen?

Nein, ich habe vor niemandem Angst. Schliesslich habe ich drei Töchter. Da lernt man, wie man Stärke zeigen muss. Dazu spielt in meinem Leben die Sikh-Religion eine grosse Rolle. Wenn ich ein neues Taxi habe, gehen alle Einnahmen des ersten Tages an den Tempel. Stärke und Respekt sind wichtige Aspekte der Religion.

Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?

Ich würde meinen Freunden die Hypotheken abzahlen. Die sind die grösste Last im Leben. Ich glaube, ich würde trotzdem weiterhin Taxi fahren. So um 9 Uhr würde ich anfangen, nach zwei, drei Fahrten würde ich beim Hyatt-Hotel vorfahren, dem Typ an der Pforte die Taxischlüssel geben – «hier, parken Sie den, bitte schön» –, und dann gäbe es ein feudales Frühstück. Ich würde wohl auch Gratisfahrten machen, nur, um das Gesicht der Passagiere zu sehen, wenn ich sage: «Das war gratis.» Jedes Mal, wenn ich einen neuen Wagen habe, ist die erste Fahrt gratis. Natürlich bibbere ich dann, hoffentlich geht’s nicht nach London! Das letzte Mal wollte eine ältere Jamaikanerin an den Stadtrand fahren. 30 Franken hätte es gekostet. Sie war vollkommen baff, als ich ihr sagte, es koste nichts. So ein Gesicht würde ich gern öfters sehen.


GROSSBRITANNIEN
Einwohner: 59 778 002
BIP pro Kopf: CHF 37 050
Benzin: 1 l CHF 1.68
Milch: 1 l CHF 1.38
Coca-Cola: 1 l CHF 1.61
Brot: 1 kg CHF 2.30
Reis: 1 kg CHF 2.90
Kinobillett: CHF 11–23
Zigaretten: 1 Packung CHF 10.35


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