«IMMER DIESELBE FRAGE! Kausalketten haben mich nach Mallorca gebracht! Mit 18 wollte ich nach Australien und kam nur bis Ibiza und arbeitete ein bisschen. Mit 20 war ich nochmals dort, aber da war alles schon so versiechet wie in Mallorca allmählich auch. Dann ergab es sich, dass meine Eltern von England nach Mallorca zogen, und ich ging sie besuchen - und staunte: ein paar Touristenörtli am Meer, aber im Landesinnern schien die Zeit stillgestanden. Natürlich schon mit Töffli und so, aber eine Lebensphilosophie und Lebenshaltung wie vor tausend Jahren, absolute Autonomie, fast bis zur Wildheit. Es gab überall Ruinen, und ich entschied mich für eine davon.
Vor elf Jahren habe ich dann dieses Haus gekauft, weil es mir noch besser gefiel als das erste. Es war noch nicht angerührt, und es gefällt einem ja immer das besser, was man noch nicht angerührt hat, nicht wahr. In Mallorca gibt es die Fincas, kleine Bauernhäuser, und die Herrenhäuser, die organisch wie Bienenstöcke angebaut wurden, wenn die Familien, zum Teil richtige Clans, wuchsen. Dieses hier war ursprünglich eine solche casa de posesión, die grösstenteils von Ende des 18., Anfang 19. Jahrhunderts stammt. Zimmer hat es etwa vier, fünf, es kommt darauf an, was man als Zimmer bezeichnen will, und dann sind noch die Räume, die dazwischen durchfliessen, Ställe und so.
Wir wohnen hier zu viert, meine Frau Karin, unsere Töchter Maria und Sara, sie sind fünf und acht, und ich, Arti. Karin kenne ich noch von der Schweiz her. Sie ist lange nach mir nach Mallorca gekommen, zuvor hatte sie während dreier Jahre in Barcelona Schule gegeben. Ferner leben hier: zwei Hunde, drei Katzen, ein Esel, viele Hühner, die sich freundlicherweise vermehren. Ich habe diese Hühner jahrelang gemalt. Ab und zu essen wir auch eins.
Doch, ich kann gut einen typischen Tag beschreiben, bei mir gibt's fast nur typische Tage. Ich stehe früh auf, ab halb 8 ist sowieso Betrieb im Haus, weil die Kinder zur Schule müssen. Ich gehe mit den Hunden hinaus und schaue zu, dass wir vielleicht ein Kaninchen fangen, das wir braten können. Dann trinke ich meinen Kaffee, esse mein Brötchen. Manchmal gehe ich auch ins Dorf in die Bar meinen Kaffee trinken und mein Brötchen essen und Zeitung lesen. Dann arbeite ich, bis es dunkel ist, und dann habe ich Hunger. Ich bin es gewohnt, das Tageslicht auszunützen, darum arbeite ich meistens den ganzen Tag durch. Am Anfang gab es hier kein elektrisches Licht. Wir haben mit Kerzen und Funzeln gelebt, da konnte ich nachts gar nicht arbeiten. Jetzt haben wir Sonnenkollektoren, aber das reicht immer noch nicht, um nachts noch lange zu arbeiten.
Vor 15 Jahren war in Mallorca alles noch dreimal billiger. Die Lebenskosten sind unheimlich gestiegen, seit so viele wohlhabende Ausländer hierhergezogen sind. Aber die Lebensqualität ist trotz allem noch sagenhaft. Vielleicht hast du ja einen Garten, dann gehst du in diesen Garten und sagst: was essen wir heute? und nimmst dir ein paar Tomaten und ein paar Auberginen, und die sind dermassen gut, dass du nichts anderes dazu essen musst. Da sind Bauch und Seele erfüllt.
Früher hat man hier alles für sich gehabt, die ganze Landschaft. Da ist man von Ruine zu Ruine gewandert und hat den Eulen nachgeschaut oder dem, was sonst noch so kreucht und fleucht. Es war ziemlich geheimnisvoll, traumhaft. Jetzt sind die Ruinen alle aufgekauft und kaputtgebaut, die Steinhütten für einen Höllenpreis zutodegemacht. Im Sommer überziehen Ameisenstrassen aus Massentouristen die Insel und überschwemmen im Landesinnern die Märkte. Aber es hat unter den wohlhabenden Fremden natürlich auch gute Leute. Die armen Fremden lerne ich weniger kennen, ausser es sind Künstler oder sonst arme Sünder. Wenn du früher auf dem Land wohntest, warst du in der absoluten Wildnis. Direkt um uns herum ist immer noch Wildnis - so, wie wir leben.
Mallorca ist touristisch geworden, aber manchmal sind die Touristen ja auch ganz lustig. Ich möchte zwar nicht gleich daneben wohnen, aber Colonia San Jordi hier in der Nähe etwa ist im August voller Spanier, da ist jeden Tag bis in den Morgen hinein auf den Strassen Fest. Dann sind über Nacht die Spanier weg, und an ihrer Stelle kommen Rentner aus Nordeuropa, die misstrauisch schauen.
Irgendwann werden wir näher zu Palma ziehen müssen, wegen der Kinder, die in eine etwas bessere Schule müssen. Das Schulsystem ist eine Katastrophe, die Lehrer verdienen nichts, eine Miséria. Irgendwann werden wir das Haus verkaufen müssen. Aber ich habe in der Nähe noch mein Atelier, alte Schweineställe, mit wunderbaren alten Steinbrüchen und Höhlen nebenan, Wohnhöhlen und Nekropolis sozusagen.
Ich wollte herausfinden, wie man als Künstler ohne die Reaktionen und Anregungen lebt, die man in einer Stadt hat - ob einem da noch etwas einfällt. Ich habe erfahren, dass ich gleich viel oder mehr arbeite. Ich komme hier mehr zur Besinnung und zu meinen Arbeiten, als wenn ich irgendwo in einem Kulturkuchen herumbohren würde, als Wurm.
Seit ich hier bin, war ich nur einmal in der Schweiz, 1999, für eine Ausstellung. Ich habe die Schweiz gern, aber halt nicht für lange. Sie kam mir vor wie ein Zwergenländli, mit schönen Häuslein, eins neben dem andern. In Zürich war die Stimmung ganz langsam, die Menschen kamen mir schwer wie Bleifiguren vor. Und dann die Bauerei überall. Aber über die war ich schon wütend, als ich seinerzeit weggegangen bin. Da ist bald keine Landschaft mehr, da sind bald nur noch Schweiz Ost, Schweiz West, Schweiz Süd, oder?»