NZZ Folio 04/02 - Thema: Unterwegs   Inhaltsverzeichnis

Kuss aus Irkutsk

Warum sind Afghanen nicht wie Russen, was unterscheidet Amerikaner von Chinesen? Unterwegs erfährt man es am besten. Notizen eines NZZ-Auslandkorrespondenten.

Von Ulrich Schmid

Im Sommerlager, irgendwo bei Andelfingen, durfte ich jeden Morgen beim Bauern die Milch holen gehen. Zwanzig Minuten durch den Wald, eine halbe Stunde zurück, wegen der schweren Kanne. Ich hatte mich freiwillig gemeldet, ich mochte den Wald, und ich mochte das Atmen der Kühe, ihre Wärme. Zudem gab mir der Bauer jedes Mal einen Apfel. Aber am schönsten war es unterwegs im Wald.

Einmal, ich war eben am Abbeissen, stand mitten auf dem Weg, keine drei Meter vor mir, ein Fuchs. Man hatte uns vor Tollwut gewarnt, ich hatte Angst, aber der Fuchs schien nicht gefährlich zu sein. Er hatte weder Schaum vor dem Maul, noch zitterte er. Er stand nur einfach da und schaute. Klein war er, nicht viel grösser als eine Katze, und eher braun als orange, blasser als die Füchse im Biologiebuch, und in seinem Blick war deutliche Missbilligung. Ich dachte an die Ermahnungen der Grossen und daran, dass ich jetzt einen Stecken in die Hand hätte nehmen sollen. Aber ich tat nichts, ich wartete nur, atmete kaum und war glücklich. Schliesslich erschreckte ihn das Gelächter eines Eichhörnchens, er zuckte zusammen, drehte sich um und rannte weg.

Ich war glücklich, weil der Fuchs etwas Neues war. Von Füchsen hatte ich einiges gehört, aber ihnen zu begegnen, war besser. Drum bin ich gerne unterwegs. Ich mag das Neue, das Andere. Natürlich ist es lehrreich und manchmal auch amüsant, nach dem überall Gleichen, nach dem uns allen Gemeinsamen zu suchen, kulturneutrale «Strukturen» zu finden. Aber bereichert oder erregt hat mich die Erfahrung der Miss Marple, dass die Menschen unter der dünnen Schicht ihrer Kultur «irgendwie» alle gleich sind, ähnliche Emotionen und ähnliche Interessen haben, nie. Diese Erkenntnis ist lapidar, und zur Begründung des Postulats, dass wir gleich viel wert sind, egal ob vor Gott oder säkularer Ethik, ist sie unnötig. Ungleichheit stellt weder die Gleichwertigkeit noch die Menschenrechte in Frage.

Das Andere ist weit lohnender. Die Kulturen unterscheiden sich: Das macht das Reisen so reizvoll. Warum sind Afghanen nicht wie Russen, was unterscheidet Amerikaner von Chinesen? Unterwegs erfährt man es am besten. Ich habe nur wenige intensiv Reisende getroffen, die sich nach den Anschlägen in New York und Washington wie so manche europäische Kulturkritiker sofort gefragt haben, was «wir» falsch gemacht haben, wo «unsere» Schuld liegt und wie «wir» den Islam besser verstehen können. Unterwegs entwickelt man rasch einen Sinn für die beeindruckende Schwere und Eigenverantwortlichkeit der Kulturen. Trotz Pepsi, Marlboro und McDonald’s: Auch Afghanen, auch Chinesen können denken, fühlen und entscheiden (das haben sie nun wirklich mit uns gemein); sie sind weder Marionetten noch ausgebeutete Opfer des Globalismus. Nicht, dass der Westen fehler- oder schuldlos wäre, bewahre. Aber die Wurzeln des Terrors nur im Westen zu suchen, ist Anmassung, ja Arroganz.

Ankommen im Unterwegssein. Endlich wieder dieses vertraute, rhythmische Klopfen, gedämpft und erkenntlich gemacht durch das Wachs in den Ohren; endlich wieder dieser rauchige, dunkelbraune Tee, den es nur hier gibt oder der nur hier so schmeckt; endlich wieder dieses Lachen, das durch die Abteilwand so weich, so verführerisch klingt. Was ginge über Züge? Züge bilden - zumindest die, in denen es noch Abteile gibt und Menschen, die erzählen, die Wurst und Kuchen auspacken und vielleicht sogar ein paar Fotos. Fliegen ist Distanzüberwindung. Ich bin nicht unterwegs, wenn ich fliege, sondern zwischen A und B, und die Landschaften und Wolken, die die Düsen in sich hineinsaugen, sind bestenfalls Objekte schläfrig-satter Kontemplation. Unterwegssein verlangt Stationen, Rhythmus, Gespräche; verlangt das Aussteigenkönnen.

Auch Busse und Schiffe taugen zum Unterwegssein, aber im Bus ist es eng, und zu viele Fahrer lieben das männlich forsche Rasen am Abgrund. Auf Reportage ist das Auto unentbehrlich. Der Fahrer hält, zündet sich eine Zigarette an und schaut, an die Kühlerhaube gelehnt, dem Journalisten nach, der die Menschen auf dem Markt ausfragt, statt ihnen etwas abzukaufen. In der Mongolei und in Afghanistan sind Kamele besser als Autos, zumindest in bergigen Gegenden und dort, wo es keine Tankstellen gibt. Aber sie schaukeln, kauen flockigen Schaum, sind störrisch am Morgen und schreien, dass es durch Mark und Bein geht. Und die Mühe, die ihnen das Aufstehen macht, herrje.

Unterwegs schrumpft die Persönlichkeit. Ein unvermeidliches, gesundes Schrumpfen. Man verliert die gewohnten Attribute des sesshaften Alltags (Auto, Wohnung, siegesgewisses Auftreten im Stammlokal), ist zurückgeworfen auf sich selber, auf eine Tasche, ein Buch. Ganz klein sitzt man in der Ecke des Abteils, und wenn man die Füsse streckt, ist man schon im Haus des Nachbarn. Die Kleider nehmen diesen ganz speziellen Geruch an, eine komplexe Mischung aus Koffer, Rauch, Schweiss und billigen Waschmitteln. Das Necessaire ist ganz zentral. Es ist auf jeder Reise dabei und deshalb gut gefüllt; man findet in ihm Skurriles wieder, das Erinnerungen weckt: eine Münze aus Tansania, eine militärische Anstecknadel aus Nowosibirsk, einen Kugelschreiber aus Austin, Texas, und dann dieses rotweiss gescheckte Ding, klein, spitzig wie eine Muschel - was ist es, woher kommt es, wozu dient es? Ich schrumpfe, aber gleichzeitig bin ich vergnügt, weil ich spüre, dass im Schrumpfen die Beeindruckbarkeit wächst, das Wichtigste beim Reisen, das Wichtigste überhaupt.

Langeweile? Sicher. Langeweile gehört dazu, da hilft alle Beeindruckbarkeit nichts. Es gibt Menschen, die sich nie langweilen, die sich für alles interessieren, überall und zu jeder Zeit, erbarmungslos. Meist haben sie geschliffene Optik um den Hals hängen und eine Serie verschiedenfarbiger Kugelschreiber in einem der vielen Behältnisse ihres Tarnanzugs; sie haben sich gründlich vorbereitet, ihre Notizbücher sind zum Bersten voll, ihre Pässe sind in Leder gebunden, und immer kennen sie die besten Preise und teilen sie einem hartnäckig mit. Sie schreiben viel, diese Menschen, und manchmal schauen sie auf, legen den Stift an die Lippen und ziehen langsam Luft ein, und dann weiss man, dass sie Wertvolles zu Papier gebracht haben, und man schämt sich ein wenig, dass man nur aus dem Fenster geschaut hat.

Ich mag die langweiligen Abschnitte des Unterwegsseins, vorausgesetzt, sie dauern nicht allzu lange. Sie erinnern mich an die etwas öden und doch schönen Nachmittage von einst, wenn die anderen weg waren oder krank, wenn ich allein unterwegs war im Gestrüpp hinter Unholzens Hof, mit dem Stecken in den Brennnesseln stocherte, Möglichkeiten wägte und sie wieder verwarf, Steine drehte und die Maden anschaute, nicht uninteressiert, aber doch eher gelangweilt, und eigentlich lieber Fussball gespielt hätte. Heute würde ich wohl Gameboy spielen; irgendwie bin ich froh, dass ich das damals nicht musste. Kommt heute Langeweile auf unterwegs, bekämpfe ich sie ein wenig - aber nur ein wenig - mit dem Versuch, mit den Augen anderer zu sehen. Das hält eine Weile wach, aber es führt im Allgemeinen nicht zur Landschaft hinter den Zugfenstern, sondern zu den anderen selber und damit zur Sehnsucht nach all denen, die ich zu selten sehe.

Enter die süsseste Verlockung der Moderne, das Handy. Select message, write message, empty screen, go. Hier bin ich in, sagen wir: Sibirien, und dort, Tausende von Kilometern weit weg, ist, sagen wir: Regula, und jetzt geb ich eine Botschaft ins All, etwas, das sich gut macht natürlich, zum Beispiel «With love from Swerdlowsk» oder «Kuss aus Irkutsk», und wenn ich Glück habe, piepst nach ein paar Minuten dieses Handy hier, und die Botschaft ist beantwortet, zurückgeschickt aus europäischer Enge in die grandiose sibirische Weite, aus stationärem Komfort in duftende, ratternde Enge.

Macht Spass, zugegeben. Unschön nur, wenn man merkt, dass vier von fünf Leuten, die sich zu Majakowskis Zeiten im Abteil noch mit der grössten Selbstverständlichkeit unterhalten hätten, schweigend in ihre Rechte starren, nur den Daumen bewegend, alles um sich vergessend. Rück mir nicht auf die Pelle, sagt mir ihr Scheitel; Telekommunikation ist wichtiger als Kommunikation. Schön, wenn dann plötzlich dieses kleine, böse Zeichen ins Bildschirmchen drängt, das das Handy zurück an den Gürtel befördert: No network coverage.

Der grösste Unterschied ist nicht der zwischen Zuhausesein und Unterwegssein, sondern der zwischen kurz Unterwegssein und lange Unterwegssein. Wenn ich nur ein paar Tage oder eine Woche reise, dann stellt sich jene erhabene Gelöstheit, die etwas schwindlig und ziemlich süchtig macht, kaum je ein. Erst nach drei Wochen beginne ich zu vergessen, wer ich bin, oder reagiere auf altbekannte Reize anders als sonst. Doch Journalisten bleibt diese Wohltat im Allgemeinen versagt, zumindest im Berufsleben. Man tröstet sich, indem man auf Märkten und Basaren nach Mitbringseln für die Tochter Ausschau hält: nach Briefmarken, möglichst dreieckigen, mit Sauriern oder Säbelzahntigern, nach Plakaten mit indischen Filmstars oder sowjetischen Nachtsichtgeräten.

Am Exotischsten ist das Unterwegssein in der Schweiz. Ich staune jedes Mal: Man wählt ein Reiseziel, geht zum Bahnhof, kauft ein Billett, fährt und kommt an, zur angegebenen Zeit, auf dem angegebenen Geleise, auf dem Sandwich kauend, das man gekauft hat, ohne sich vom Platz zu erheben, und dort, gleich neben dem Kiosk, wartet auch schon das Postauto, unerhört gelb und mit viel mehr Glas als früher, und der Chauffeur ist da und nüchtern und uniformiert, und wenn man ihm gespannt den unscheinbaren kleinen Passepartout zeigt, den man sich in irgendeinem Kaff gekauft hat, dieses winzige Ding aus Halbkarton, dann nickt er nur gleichmütig. Und er spickt die Kippe weg, bevor er einsteigt. Unfassbar.

Ulrich Schmid ist China-Korrespondent der NZZ in Peking. Zuvor war er für die NZZ in Moskau und Washington.


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