MAURIZIO V. WEISS NOCH NICHT, wohin der Rausch ihn heute führen wird. Vor ihm liegen in einem kleinen Plasticbecher sechs weisse Kapseln, gefüllt mit einem der stärksten Halluzinogene aus der Natur. Wenige tausendstel Gramm des Götterstoffes Psilocybin sind darin enthalten. Diesen Inhaltsstoff aus Pilzen verwenden zahlreiche Indianerstämme in Süd- und Mittelamerika für ihre religiösen Zeremonien, um sich in Trance zu versetzen. Kurz entschlossen greift Maurizio zu, schluckt die Rauschdroge hinunter und spült mit einem Schluck Wasser nach. Die Spannung und Erwartung auf den veränderten Bewusstseinszustand, den die Chemikalie hervorrufen wird, steht ihm ins Gesicht geschrieben. Lässig lehnt er sich zurück. Psilocybin verspricht eine Reise in Zeit und Raum, bei der sich die Grenzen der Alltagserfahrung auflösen. Doch dieser Trip wird nicht einfahren. Aber das weiss Maurizio noch nicht.
Wir befinden uns in einem Labor der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli in Zürich. Durch das Fenster flutet Sommerlicht in den wohnlichen Raum. An den Wänden hängen Posters und psychedelische Bilder. In der Ecke steht eine Couch. Nur ein Computer und verschiedenes technisches Gerät bewahren noch einen Rest von Laboratmosphäre.
Hier führen Wissenschafter unter der Leitung von Franz Vollenweider seit 1989 Versuche mit Modellpsychosen durch. Ziel ist es, bei gesunden Versuchspersonen mit Halluzinogenen Störungen der Wahrnehmung hervorzurufen, die den psychotischen Zuständen von Schizophrenen ähnlich sind. Dadurch möchten die Wissenschafter den biochemischen Vorgängen der Erkrankung auf die Schliche kommen.
Auf Grund der Erfahrungen bei seinem ersten Versuch rechnet Maurizio mit rund einer Stunde, bis das Psilocybin wirken wird. Doch die Visionen wollen sich heute nicht einstellen. So erzählt er von seinem ersten Trip, auf den er sich zwei Wochen zuvor eingelassen hatte. «Zu Beginn fühlte ich im ganzen Körper ein angenehmes Wärmegefühl. Meine Umgebung begann zu strahlen. Alles war sehr klar und luzide. Dann folgten Visionen. Aus der Lampe wurde eine Schlange. In das Fenster ragte ein Regenbogen hinein. Der Versuchsleiter erschien mir zeitweise als Heiliger. Ich musste oft lachen und fühlte mich der Umgebung sehr verbunden. Das Zeitgefühl verschob sich. Dabei wusste ich immer, dass es sich um einen Versuch handelt. Ich verlor die Selbstkontrolle nicht ganz, wusste immer um mein Ich.»
Das Burghölzli ist heute der einzige Ort in der Schweiz, wo solche Versuche durchgeführt werden. An der Zürcher Klinik führt Franz Vollenweider eine Tradition fort, die bis in das letzte Jahrhundert zurückreicht, als der Franzose Moreau de Tours mit Haschisch die Entstehung psychischer Krankheiten zu verstehen suchte. Um die Jahrhundertwende zeigten die Psychiater wachsendes Interesse an den neuen Möglichkeiten, via Chemie temporäre Geistesstörungen hervorzurufen. Sie wurden von den Naturwissenschaftern mit immer neuen psychedelisch wirkenden Stoffen beliefert, die sie aus Pflanzen der ganzen Welt isolierten, etwa aus dem Peyotl-Kaktus ein, der den Wirkstoff Meskalin enthält.
Gewaltigen Auftrieb erhielt das Gebiet mit LSD, das der Basler Chemiker Albert Hofmann 1938 zum erstenmal herstellte und 1943 im Selbstversuch testete. Es war eine Droge, die in kleinsten Dosen zu dramatischen Veränderungen des normalen Bewusstseins führte. Wissenschafter verschiedener Disziplinen experimentierten mit dem Stoff, wobei die Beweggründe durchaus unterschiedlich waren: Die einen hofften, die Wirkung des Stoffes auf die Milliarden von Nervenzellen im Gehirn zu verstehen. Die anderen sahen in der «Wunderdroge» ein Mittel, das sich bei der Behandlung von psychisch kranken Menschen zur Lösung innerer Blockaden einsetzen liess. Künstler aller Sparten hofften auf neue kreative Erfahrungen.
Mit dem Beginn der Hippie-Welle kamen die Versuche an den Kliniken zu einem abrupten Halt. Substanzen, die das Bewusstsein verändern oder erweitern, kamen in Verruf, als eine rebellische Generation deren Potential entdeckte. Den Ärzten wurden die Versuche mit Halluzinogenen zu heiss. Die chemische Industrie distanzierte sich von ihren Drogen. Zuoberst auf der Abschussliste stand LSD, das in seiner Wirkung mit Psilocybin eng verwandt ist. Der Stoff wurde innert kurzer Zeit auf der ganzen Welt verboten und verteufelt. Kein Wunder, steht Franz Vollenweider mit seinen Modellpsychosen allein auf weiter Flur - zumindest in der Schweiz, wobei in den letzten Jahren das Interesse an pharmakologisch ausgelösten Psychosen wieder erwacht ist. Vor allem in den USA und Deutschland beginnen die Wissenschafter vermehrt damit zu arbeiten.
Wer in Vollenweider nun einen abgehobenen Schwärmer Drogen vermutet, sieht sich getäuscht. Von seinem Äusseren her der korrekte Wissenschafter, finden sich in seinem Büro kaum Reminiszenzen an psychedelische Erlebnisse, dafür mit pharmakologischen, biochemischen und medizinischen Werken vollgestopfte Bücherregale. Als Psychiater und klinischen Forscher interessieren ihn auch weniger die psychedelischen Wirkungen der Drogen. Ihm dienen die Halluzinogene vielmehr als Modell zum Studium der Ich-Störungen, wie sie bei Schizophrenen auftreten.
Kann man künstlich ausgelöste Bewusstseinsveränderungen mit einer so komplexen Krankheit wie der Schizophrenie vergleichen, deren Ursache nach wie vor unklar ist? Ist die Schizophrenie nicht mehr als gestörte Chemie? «Wir können mit einer Modellpsychose unter kontrollierten Bedingungen einen Teil der Symptome vorübergehend hervorrufen», sagt der Arzt. Halluzinogene lösen die Grenze zwischen dem Ich und dem Du während einer begrenzten Zeit auf. Wer auf einen Trip geht, kann diese Ich-Auflösung als mystische Erfahrung, als Einswerden mit dem Universum erleben. Dieser positiven Erfahrung steht der Horrortrip gegenüber, bei dem das Ich zerfällt. Diese Desintegration ist den Symptomen ähnlich, die Schizophrene bei ihren akuten Anfällen erleben.
Moderne Analysegeräte am Paul-Scherrer-Institut in Villigen AG erlauben dem Team um Franz Vollenweider, die biochemischen Vorgänge zu verfolgen, die durch die Drogen im Gehirn ausgelöst werden. Das Stichwort dazu heisst PET, die Abkürzung für Positron-Emissions-Tomographie. Mit diesem bildgebenden Verfahren kann am Computer verfolgt werden, wo im Gehirn eine Substanz wirkt. Allgemein lässt sich sagen, dass Drogen auf das vernetzte System der Nervenzellkommunikation wirken. Rund hundert Milliarden Neuronen bilden in diesem Netzwerk unzählige Verbindungen. Zur Kommunikation untereinander verwenden die Zellen chemische Botenstoffe, die als Neurotransmitter bezeichnet werden.
Von diesen Gehirnbotenstoffen sind verschiedene Klassen bekannt. Ihre Kommunikation und Wechselwirkung untereinander ist bei Schizophrenen gestört. Weshalb und auf welche Weise, darüber bestehen verschiedene Hypothesen. Nach heutigem Kenntnisstand spielen bei Schizophrenen verschiedene Systeme eine Rolle, an denen mindestens drei verschiedene Transmitter beteiligt sind. Sie tragen die Namen Serotonin, Dopamin und Glutamat.
Halluzinogene Drogen greifen in diese Netzwerke ein und lösen dadurch psychotische Erlebnisse aus. Via PET lässt sich das Transmittergeschehen von aussen auf einem Bildschirm verfolgen. Auf einem räumlichen Abbild sieht Franz Vollenweider, wo das Gehirn aktiv ist, wobei die Nervenzellen-Aktivität auf Grund des Verbrauchs an Glukose ermittelt wird. Sowohl LSD als auch Psilocybin wirken auf die Serotonin-Kommunikation im Gehirn. Sie verstärken die Signale, welche vom natürlichen Neurotransmitter ausgehen, und bewirken dabei die eher angenehmen Symptome einer Bewusstseinsveränderung, die der Zürcher Wissenschafter Adolf Dittrich als ozeanische Selbstentgrenzung bezeichnet. Bei Maurizio stellt sich dieser Rauschzustand nicht ein, weil ihm der Versuchsleiter Thomas Joder zuvor einen Blocker verabreicht hat, der die Serotonin-Bindungsstellen auf den Nervenzellen besetzt. Es ist im Verlaufe der Versuchs eindrücklich zu verfolgen, wie das Psilocybin ins Leere zielt. Die unter normalen Umständen wirksame halluzinogene Dosis von sechs Kapseln prallt am Probanden ab. Es ist, als hätte er bloss Zucker geschluckt.
Psilocybin ist für Franz Vollenweider und seine Mitarbeiter eine von mehreren Modellsubstanzen. Die Wissenschafter am Burghölzli arbeiten daneben mit verschiedenen Drogen, die unterschiedliche Kommunikationswege im Gehirn beeinflussen. Dazu gehören verschiedene Derivate des Narkosemittels Ketamin, das chemisch eng mit PCP, bekannt als Angel Dust, verwandt ist, sowie Ecstasy, das allerdings nicht im Zusammenhang mit der Schizophrenie untersucht wird.
Für die Arbeiten zur Schizophrenie sind die Ketamin-Derivate besonders wichtig, weil diese Halluzinogene am ehesten auch emotionale Störungen auslösen, die sich bei chronisch schizophrenen Patienten finden. Im Unterschied zur eher lustvollen Selbstentgrenzung durch Psilocybin erleben manche Versuchspersonen den Ketamin-Trip denn auch als unangenehm. Die Angst vor der Ich-Auflösung, wie Dittrich es nennt, herrscht vor.
Dies gilt allerdings nicht für den Probanden Daniel L., dem die Ich-Auflösung sichtlich Spass macht. In einem Protokoll hält er am Tag danach folgende Erinnerungen an den Ketamin-Versuch fest: «Der Körper fängt an zu schweben und zu schaukeln . . . Sie holen mich zurück. In einem transparenten Rennwagen rase ich zur nächtlichen Tankstelle und warte dort ungeduldig auf den Treibstoff. Tatsächlich reisst es mich danach wieder über goldene Dächer und Türme; eine Stadt, durchzogen vom Geäder unzähliger Flüsse und Kanäle. Ich strebe in den hohen Aquamarinhimmel, und um meine Bahn wachsen Myriaden von Metropolen, New Yorks, Tokios, Kalkuttas. Plötzlich bersten die Fassaden, gläserne Geschäftshäuser und braune Kathedralen implodieren zu goldenem Staub und blinkenden Splittern. Ich falle in den weissen Schoss des wartenden Labors.»
Im Unterschied zum Psilocybin gelangt das Ketamin über eine Infusion in den Körper der Versuchsperson. Der Versuchsleiter kann dadurch den Trip steuern und die Reise innert weniger Minuten stoppen. Wie bei Halluzinationen üblich, entkoppeln sich auch beim Ketamin die äusseren von den inneren Wahrnehmungen. Dazu kommen ausgeprägte Denkstörungen. Fragt man den Probanden nach der Bedeutung des Satzes: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, so erkennt er den Symbolgehalt nicht mehr. Wir verwenden diese Aussage ja oft, um auf die Ähnlichkeit von Kindern und ihren Eltern hinzuweisen. Der Proband erkennt diese offensichtliche Bedeutung nicht mehr, weil er nicht mehr zur Abstraktion fähig ist. Der Gedankenstrang reisst dauernd ab.
Franz Vollenweider hat in den letzten sieben Jahren über 120 PET-Untersuchungen durchgeführt. Bei den aufwendigen und nicht ganz billigen Versuchen hat sich ein Befund verdichtet: Während des Rausches sind die frontalen Hirnbereiche besonders aktiv. Wichtig und für das Konzept der Modellpsychose ermutigend ist die Übereinstimmung mit dem Aktivitätsmuster, das sich bei akuten Schizophrenien findet. Bei diesen Patienten geht die Erkrankung mit einer Überaktivität im Frontalbereich des Gehirns einher. Gerade umgekehrt ist der Befund bei Patienten, die während Jahren an einer Schizophrenie leiden. Bei chronifizierten Schizophrenien ist die frontale Hirnregion weniger aktiv. «Diesen Unterschied verstehen wir noch nicht», sagt Vollenweider.
Bei einem halluzinogenen Rausch und einem schizophrenen Schub wird der vordere Hirnbereich mit Reizen überflutet. Ein Transmitter-Gewitter ergiesst sich über die Hirnrinde, das zur Auflösung des Ichs führt. Dabei beobachten die Zürcher Wissenschafter bei verschiedenen Drogen ein ähnliches Aktivitätsmuster im Stirnhirn, obwohl die Halluzinogene unterschiedliche Neurotransmitter beeinflussen. Es gibt somit eine gemeinsame Endstrecke verschiedener Transmitter-Kreisläufe. In einem nächsten Schritt will Franz Vollenweider die PET-Versuche auf schizophrene Patienten und Patientinnen ausdehnen. Es soll untersucht werden, inwieweit sich die Neurotransmitter-Aktivitäten der Modellpsychose bei den Kranken finden lassen. Daraus ergeben sich, so hofft er, neue Ansätze zur Therapie.
Beim Gespräch über veränderte Bewusstseinszustände, Neurotransmitter und Aktivitätsmuster im Gehirn taucht unweigerlich die Frage nach dem Substrat des Bewusstseins auf. Seit die «Dekade des Gehirns» ausgerufen wurde, tasten sich Heerscharen von Wissenschaftern näher an den Sitz der Seele und die Beschaffenheit des Bewusstseins heran. Immer zahlreicher werden jene, die der Seele eine materielle Basis zuordnen und den Dualismus zwischen Geist und Materie aufheben.
Wie sieht das der Gehirnforscher Franz Vollenweider, der die chemischen Veränderungen bei halluzinogenen Rauschzuständen beschreibt? Sind bildgebende Verfahren wie PET ein erster Schritt, das Bewusstsein zu verstehen und die Seele zu röntgen? «Davon sind wir weit entfernt», sagt er. Das Bewusstsein ist eine persönliche Struktur in Raum und Zeit, die sich einer naturwissenschaftlichen Erklärung entzieht. Zwar zeichnen PET-Messungen chemische Vorgänge auf, die mit Veränderungen des Bewusstseins einhergehen. Aber das ist nicht mehr als eine naturwissenschaftliche Beschreibung und erklärt noch nichts.
Der Psychologe und Statistikfachmann Adolf Dittrich, der in Zürich das Psychologische Institut für Beratung und Forschung leitet, hat in den vergangenen 20 Jahren eine weltweit einmalige Systematik des Rauschzustandes erstellt. Er hat gegen 2000 Berichte über ekstatische Zustände aus aller Welt gesammelt. Nicht alle wurden über Halluzinogene erreicht, manche entstanden durch den Entzug von Sinnesreizen bei Meditationen oder durch Reizüberflutung etwa beim Voodoo-Kult. Ihnen allen waren Halluzinationen und Ich-Auflösung gemeinsam, wenn auch zu unterschiedlichen Teilen. Ob jemand Psilocybin zu sich nimmt oder meditiert, er endet offenbar am selben Ort. Stellt man sich diesen Zustand als Insel vor, so spielt es keine Rolle, welches Reisemittel man wählt, um dorthin zu kommen. Der eine nimmt ein Ruderboot, der andere eine Rennjacht, der dritte schwimmt. Ankommen tut jeder. Diese Einheitlichkeit der Rauschzustände stimmt überraschend mit dem einheitlichen Aktivitätsmuster überein, das Franz Vollenweider im PET-Versuch im Stirnhirn nachweisen kann. Chemie und Psychologie kommen für einmal zum gleichen Ergebnis.
Was bedeutet ein veränderter Bewusstseinszustand, und weshalb trachtet der Mensch seit Jahrtausenden danach? Maurizio V. hat eine so einleuchtende wie banale Erklärung dafür: «Der Rausch relativiert die Wirklichkeit und bringt eine andere Wahrnehmung. Bewusstseinsverändernde Stoffe öffnen uns neue Räume und erlauben Zugang zu neuen Welten.»
Stefan Stöcklin, Basel, ist Wissenschaftsjournalist.