NZZ Folio 09/92 - Thema: Der Krieg auf dem Balkan   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Privatiers

Diesen Dialog führen zwei Figuren aus verschiedenen literarischen Werken. Wer sind sie?

Von Manfred Papst

Ein vornehmer Londoner Club. Ledersessel, Spieltische, gedämpftes Licht. A, ein grossgewachsener Mann unbestimmten Alters, bleich, blond, bärtig, mit tadellosen Zähnen und unbeweglichen Wimpern, hat sich gerade in eine der vielen aufliegenden Tageszeitungen vertieft, als B, eine gepflegte Erscheinung um die sechzig, offenbar aus südlichen Gefilden, sich zögernd zu ihm setzt. B zieht ein Zigarettenetui aus der Tasche, zählt nach, sieht auf die Uhr und steckt das Etui wieder weg.

 B:    Störe ich?  

A:    Nicht doch. Sie sind zum erstenmal hier?  

B:     (verlegen) Ja, und natürlich kein eigentliches Mitglied. Ich . . .  

A:    Werden sich schon noch dran gewöhnen. Ich zum Beispiel verbringe täglich zwölfeinhalb Stunden hier.  

B:    . . . und beruflich?  

A:    (lacht) Weder Kaufmann noch Ritter, weder Landwirt noch Schiffseigner, weder Bankier noch Brauereibesitzer. Ich sitze in keinem Büro, übe kein Ehrenamt aus, erteile keine Befehle und nehme auch keine entgegen. Ich bin Mitglied dieses Clubs; das genügt mir vollkommen.  

B:    Nun, einen eigentlichen Beruf nenne ich auch nicht mein eigen. Günstige finanzielle Verhältnisse . . . Sie verstehen . . . Aber wenn ich ehrlich bin: Ob es mich glücklich macht? Manchmal denke ich, ich habe gar kein Schicksal, und betrachte nicht ohne Neid die gesunde Betriebsamkeit um mich herum.  

A:    Papperlapapp! Man muss nur ein System in seinen Müssiggang zu bringen wissen. Pünktlichkeit und Exaktheit sind mir Leidenschaft genug. Ich wünsche beispielsweise, dass das Wasser beim Rasieren eine Temperatur von 30 Grad hat. Heute hatte es nur 29 Grad. Um 11.26 Uhr hat mir mein Diener seinen Nachfolger vorgestellt.  

B:    Sie scheinen ein Mann von klaren Grundsätzen und festen Entschlüssen zu sein. Das kann ich von mir nicht behaupten. Sie finden es sicher lächerlich . . . Aber sehen Sie: Seit Jahr und Tag bin ich hauptsächlich damit beschäftigt, das Rauchen aufzugeben. Mein Psychiater . . .  

A:    Ihr was?  

B:    Mein Arzt, gewissermassen, rät mir, meine Träume und Einfälle aufzuschreiben, und sagt . . .  

A:    Aber ich bitte Sie! Hagestolze wie Sie und ich brauchen doch keine Ratschläge!  

B:    (zögernd) Ich bin kein Junggeselle; nur zurzeit allein auf Reisen. Wie soll ich sagen? ? Ich führe eine ruhige Ehe mit der Schwester einer schönen Frau.  

A:    So ruhig kann eine Ehe gar nicht sein, dass sie für mich in Frage käme. Aber kommen Sie, ein Blick auf meine Schweizer Präzisionsuhr zeigt mir, dass es Zeit ist, mit dem Whistspiel zu beginnen.

A wird sich kurz nach diesem Gespräch auf Grund einer Wette für fast ein Dutzend Wochen in die abenteuerlichsten Turbulenzen gestürzt sehen und am Ende eine schöne Parsin zum Traualtar führen. Sein Schöpfer stammt übrigens keineswegs aus London, sondern aus einer französischen Hafenstadt, die man im Zusammenhang mit Heinrich IV. lernen muss. B wird schliesslich durch den beherzten Eintritt ins Geschäftsleben seinen Hang zur Beschäftigung mit sich selbst überwinden - dies jedoch durchaus nicht zur Freude des Lesers.

Auflösung Rätsel Folio Nr. 9: A ist Phileas Fogg aus Jules Vernes «Reise um die Erde in achtzig Tagen» (1873); B ist Zeno Cosini aus Italo Svevos gleichnamigem Roman (1923).


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.