NZZ Folio 06/95 - Thema: Kokain   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Ach, die Kunst!

Von Esther Ackermann

Dieses Gespräch führen zwei Figuren aus zwei literarischen Werken. Wer sind sie?

ERSCHÖPFT sitzt A in der Küche auf einem Hackklotz, umgeben von einer Unmenge von russgeschwärzten und fettverschmierten Pfannen. B, mehrere Zeitungen unter dem Arm, klopft sich beim Eintreten den Schnee von den Schuhen. Der Blick in den leeren Gästeraum nötigt ihm einen kleinen Pfiff ab. Dann setzt er sich auf den Küchenstuhl.  

B: Wie ich höre, fahren Sie nicht mit mir nach Paris.  

A: Nein, ich gehe nicht nach Paris. Was soll ich in Paris? Sie sind alle fort, ich habe alle verloren.  

B: Wenn es sich darum handelt zurückzutreten, auf dem Höhepunkt der Kunst, des Ekels vor der Kunst (lacht) - der Zeitpunkt ist noch nicht da.  

A: Aber alle sind sie fort! Der Herzog von Morny, der Herzog Decazes, der Fürst Naryschkin, der General Galliffet, Aurélien Scholl, Paul Daru, die Fürstin Pauline! Alle fort!  

B: Eine Reise nach Paris ohne die geringste Verpflichtung, stellen Sie sich vor, auf einer solchen Reise regenerieren Sie sich vollkommen.  

A: Ausserdem, wie soll ich denn nach Paris zurückfahren? Ich habe kein Geld. Die zehntausend Francs sind ausgegeben.

B: (blickt zum Gästeraum) Wie gewonnen, so zerronnen . . .  

A: (rasch) Arm bin ich nie. Ich bin eine grosse Künstlerin. Eine grosse Künstlerin ist niemals arm. Wir haben etwas, wovon andere Leute nichts wissen. (löst die Haube vom Haar) Die Leute, die ich genannt habe, waren bös und grausam. Sie haben das Volk von Paris hungern lassen, sie haben die Armen unterdrückt und gekränkt, sie haben meinen Mann und meinen Sohn erschiessen lassen. Gott sei Dank habe ich auf der Barrikade gestanden und habe für das Mannsvolk die Gewehre geladen. Aber trotzdem will ich nicht nach Paris zurück, wenn die Leute, von denen ich gesprochen habe, nicht mehr dort sind.
 
B: In dem, das man hasst, agieren zu müssen, weil man Talent, unter Umständen Genie hat, ist fürchterlich.  

A: (in aufwallender Verzweiflung) Ich bin eine grosse Künstlerin! Eine grosse Künstlerin, Monsieur! Sie müssen verstehen, diese Leute gehören zu mir, es waren meine Leute. Sie waren dazu erzogen und geübt, dass sie verstehen konnten, was ich für eine Künstlerin bin. Ich konnte sie glücklich machen. Wenn ich mein Allerbestes gab, konnte ich sie vollkommen glücklich machen.  

B: Das Genie ist eine Krankheit, der ausübende Künstler ist ein Krankheitsprozess, den die Öffentlichkeit mit der höchsten Aufmerksamkeit verfolgt. (wischt mit der Handkante über die Zeitungen) Aber was wir in den Zeitungen lesen, ist von einer erschreckenden Einfalt. Wie einer, was er nicht studiert hat und also nicht kapiert hat, beschreibt - diese Unverschämtheit.

A: Für einen Künstler ist es schrecklich und unerträglich, wenn er dazu ermutigt wird, nur sein Nächstbestes zu geben, und dafür noch Beifall bekommt. Durch die ganze Welt schallt unablässig der eine Schrei aus dem Herzen des Künstlers: Erlaubt mir doch, dass ich mein Äusserstes gebe!  

B: (deutlich weniger emphatisch) Wenn wir etwas erreicht haben, und sei es das Höchste, sehen wir, dass es nichts ist.

A holt bebend eine halbvolle Flasche aus dem Gästezimmer und schenkt B ein. B, leiblichen Dingen gewiss mehr zugetan als die vorherigen puritanischen Esser, für die das Festmahl angerichtet war, trinkt und bemerkt trotzdem nicht, welch unerhörten Wein er kostet. A lässt den Kopf auf die Brust sinken.

Wer und wer? A ist Babette Hersant aus Tania Blixens Erzählung «Babettes Fest» (1950). B ist der Doktor aus dem Stück «Der Ignorant und der Wahnsinnige» von Thomas Bernhard (1972).


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