In Las Vegas muss man seine Herkunft, seine Identität, seine Träume und Ideale vergessen. Denn Las Vegas ist total, und dagegen hat man keine Chance. Es ist so seelenlos wie ein Warenhaus und dient allein dem Geld. Es fühlt sich frei von Schuld gegenüber Geschichte, es baut schnell und reisst ebenso schnell wieder ab, entlang der Rendite. Es ist hässlich und ohne Charme, doch es zeigt die Vitalität von Grössenwahnsinn, Just-do-it und Naivität. Mitten in den roten Wüstensand gebaut, ganz aus dem Nichts heraus, ist Las Vegas ein Albtraum und ein Paradies der schamlosen Künstlichkeit.
Durchschnittlich bleibt ein Tourist 3.5 Tage in Las Vegas. Zwei Tage genügen voll und ganz. Denn Las Vegas ist ja keine Stadt, sondern eine Ansammlung von Hotels, die alle etwa das gleiche anzubieten haben, jedes hat den most beautiful pool, die grösste Shopping Mall, das edelste Restaurant, die Show des Jahrhunderts, den heissesten Nachtclub, die romantischste Heiratskapelle und das gewinnversprechendste Casino. Judy, das überlebensgrosse Kamel mit Polyesterfell, das im Luxor-Hotel aufgestellt ist, wiederholt es dem Kamelhengst Elias gegenüber im Fünf-Minuten-Takt: «Elias, noch nie, nie, nie habe ich etwas so Wunderbares gesehen! Ich bin sprachlos. Hörst du mir überhaupt zu? Ich sage dir: Luxor is a winner!» - Wenn man ein Hotel gesehen hat, hat man im Prinzip alle gesehen. Über Brücken, Rollstege oder kleine Bahnen sind sie miteinander verbunden.
Wer also geschickt genug ist, wird gar nie richtig in der ofenwarmen Wüstenluft backen müssen. Den weltberühmten, schnurgeraden, fast zehn Kilometer langen Strip in der Totalen kann man sich ja auch auf einer Postkarte anschauen, am besten eine Nachtaufnahme, wenn Megatonnen von Neon und Lichtshows Las Vegas den Zauber verschaffen, der ihm tagsüber fehlt.
Die neueren Hotels wie das Bellagio oder das Venetian gehen zwar sparsamer damit um, aber beim Grossteil scheint das Lichtdesign wichtiger als das Gebäude selbst: Die grabschwarze Glaspyramide des Luxor löst sich in der Nacht auf, nur ihre Umrisse sind erkennbar dank den Laserstrahlen, die den Kanten entlanggejagt werden, und den von der Pyramidenspitze ausgehenden Lichtstrahl sieht man am Himmel kilometerweit. Das Caesars Palace sieht tags trostlos aus, nachts strahlt es türkisfarben und rosarot. Eine digitale Lichtshow lenkt die Aufmerksamkeit auf den Stratosphere Tower.
Aber nicht nur die Gebäude flimmern und glitzern, auch direkt an der Strasse reizt ein wildes Gebimmel von Zeichen die Augen. Der Strip ist ja vor allem für Autos gedacht, und die Leuchtfeuer, die manchmal halbe Monumente sind, sollen sich den Fahrern ins Lustzentrum einprägen, sie zum Einkehren bewegen.
Wer, wie ich, Fussgänger ist und nicht aufmerksam, der hat die Bahn, die vom Monte Carlo ins Mirage führen würde, nicht zur Kenntnis genommen und landet auf dem Strip. Schon nach zwei Schritten weiss ich, dass hier die Wüste ist, und ich fühle mich mumienhaft. Aber ich nehme mir ein Beispiel an den Verteilerinnen von «Star Entertainment» oder «College Playmates», die schon seit Stunden unerbittlich lächelnd in der Hitze stehen und mit den Telefonnummern locken von «Jasmine, 19, scheue Studentin» oder «Kate, 21, macht alles», oder dem «Full Service von Pamela». (Prostitution ist in Las Vegas offiziell verboten, aber Mann kann sich über diese Broschüren eine «Entertainerin» aufs Zimmer bestellen.)
Ich suche den Vulkan. Ich kann ihn nicht verpassen. Hunderte von Bermudahosen erwarten artig seinen viertelstündlich angesetzten Ausbruch. Hier, an dieser historischen Stelle, eröffnete im November 1989 der Casino-König Steve Wynn das Südsee-Mirage, das erste Themenhotel von Las Vegas. Das war die Geburtsstunde von New Las Vegas. Der Lavaregen machte aus der alten Sündenstadt Bugsy Siegels einen Ort der Wohlanständigkeit, der Scheinheiligkeit, der Familie.
Das Glücksspiel verbinden mit Spektakel, Spektakel, noch mehr Spektakel, das ist der Schlüssel zum Neuen Las Vegas. Und der Vulkan, der täglich Tausende anzieht und den Strip auch für die Fussgänger interessant macht, bringt das Spektakel auf die Strasse:
Vom Felsen, der fünfzehn Meter aus dem Pool herausragt, steigt schwarzer Dampf auf, und aus einem wasserdichten Lautsprecher, der irgendwo hinter den künstlichen Südseepflanzen versteckt ist, grumbelt es. Die Bermudas bringen ihre Kameras in Stellung. Aber es funktioniert nicht. Lange Minuten verstreichen. Endlich geht der Rauch erneut los, rote Flammen werden in den Himmel gepumpt und fallen ins Wasser, wo sie für Sekunden auf der Oberfläche schwimmen. Das Gegrumbel wird stärker. Ein paar von Scheinwerferlicht erleuchtete Steine kommen geflogen. Aus den Lautsprechern kracht es. The End.
Ringsum wurde das Ereignis mit Ergriffenheit betrachtet und fotografisch dokumentiert, dazu rief man «so very exciting!» aus. Die Frau neben mir wiederholt, dass es very nice gewesen sei. Nicht? Sie lächelt mir aufmunternd zu. Ich sage: «Zum Glück wusste ich im voraus, dass das, was ich da eben sah, ein Vulkan war.» Die Frau ist beleidigt und wendet sich ab. Konsens oder Liebesentzug, so also sind die Amerikaner, denke ich, ebenfalls beleidigt, und pilgere zum nächsten Spektakel.
Vor dem Treasure Island, dem 1993 eröffneten Hotel zum Thema Piraten, wird ein Schiff versenkt. Alle neunzig Minuten geht es hier ab. Dreissig lebende Seemänner stehen auf zwei feindlichen Schiffen, die von der Brücke, auf der ich wieder mit der Herde glücklicher Bermudas vereint bin, getrennt werden. Die feindlichen Lautsprecher beleidigen sich gegenseitig, es gibt eine «feurige» Seeschlacht, Schüsse krachen, die Fregatte der bösen Engländer versinkt im Rauch. Die guten Piraten haben gesiegt. The End.
So. Jetzt bin auch ich wild entschlossen zum kollektiven Glück. Ich aahe und ooohe also kräftig mit. It is so nice, so nice, isn't it?, frage ich den Mann neben mir, der aus Japan kommt. Hai, hai, hai, sagt er und strahlt. Ich strahle auch, good girl is my second name.
Ich möchte jetzt mit dem lebendigen blonden langhaarigen Hauptdarsteller der Piraten reden und wissen, wie das so ist als Pirat. Ich muss warten, bis er all den Frauen, die ein Foto mit ihm als Erinnerung wollen, den Arm um die Schultern gelegt hat. Cheese und knips. Cheese und knips. Und cheese und knips. Und Cheeeeeese. Und Knips. Knips. Knips. Cheeese. Endlich. Cheese. So, jetzt aber. Aber er darf nicht. Nicht einfach so. Ich muss zuerst mit dem PR-Chef der Piraten reden, mit Andy. Andy sagt, dass ich nicht mit Marc, so heisst der blonde Pirat, reden darf, sondern mit dem Chef der Piraten reden muss. Forget it, man.
Ich wanke zurück ins Luxor und kneife die Augen zusammen. All die Lichter. All die Farben. Und der Vulkan geht schon wieder los.
Das Luxor, benannt nach einem Touristenort Ägyptens, der auch schon mal sehr traurige Schlagzeilen machte, hat das Thema altes Ägypten, und seine architektonische Form, eine Pyramide, war im alten Ägypten bekanntlich eine Art Sarg. Anything goes, das ist Las Vegas, sage ich mir, und ich sage mir auch, dass ich gespannt bin auf die experience, in einem solchen Umfeld zu ruhen. Aber meine Autosuggestionsversuche nützen nichts. Ich schlafe herzlich schlecht.
Die Casinoräume sind so beschaffen, dass kein Tageslicht und auch sonst nichts von aussen eindringen kann. Sie sind immer niedrig, weitläufig, dunkel und ohne Fenster. Uhren gibt es keine. Zeit wird grenzenlos, denn das Licht ist am Mittag und um Mitternacht exakt dasselbe, es ist künstlich, koloriert, zwinkernd, man fühlt sich immer wie in einer Stadt bei Nacht. Der Raum wirkt grenzenlos, amöboid, denn seine Ränder verlieren sich im Dunkel. - Das alles, so stellten Robert Venturi und Denise Scott Brown in ihrem architektonischen Essay «Learning from Las Vegas» schon 1973 fest, dient einem einzigen Zweck: Man soll die Orientierung verlieren.
Und es funktioniert: Als ich gestern Nacht auf der Suche nach meinem Lift durch das Casino geirrt bin, stiess ich dreimal auf die Frau mit den Zebra-Bermudas, dem Kätzchen-T-Shirt, der Baseballmütze. Sie sass an einer der 2600 Luxor-Slot-Machines.
Heute morgen sitzt sie immer noch da. Einen Becher mit 25-Cent-Münzen links, einen Becher Cola rechts, den Hebel in der Hand. Münze in den Schlitz, Hebel nach unten, die Fruchtbildchen geraten in Bewegung und stehen wieder still, einen Schluck Cola. Münzen in den Schlitz, Hebel nach unten, Fruchtbildchen in Bewegung und so weiter. Dann plötzlich gewinnt sie. Es rasselt Hunderte von Münzen in die Schale. Hunderte! Aber kein Ausdruck des Triumphs, mit Fatalismus eher erträgt die Frau die Störung des gewohnten Rhythmus und überbrückt sie mit einem Schluck Cola. Sie schaut weder links noch rechts, niemand hier an diesen Maschinen schaut nach links oder rechts, niemand hält nach Lebendigem Ausschau, die Partner sind die Maschinen. In den Gesichtern ist auch nicht Konzentration, vielmehr haben sie ihre Person abgeschaltet und versenkt. Sie scheinen sich ihrer selbst und ihrer Umgebung nicht bewusst zu sein.
Was der Philosoph Günther Anders vor fast einem halben Jahrhundert bei einem Japaner vor einer Pachinko-Maschine beobachtet hat, nämlich Wut und Rachsucht auf die Maschine, weil sie ihn darum betrügt, etwas zu machen, zu erschaffen, davon sind diese Leute hier weit entfernt. Entweder haben sie völlig resigniert, oder, viel wahrscheinlicher, sie sind jenseits von solchen Selbstansprüchen. In Trance zu sein heisst im Paradies zu sein.
Am Abend in der Schlange vor Bally's All-you-can-eat-Buffet wird ein schnauzbärtiger Texaner fröhlich erzählen, er habe eben beim Roulette 15 000 Dollar verspielt, für heute sei Schluss, denn sein Limit sei 25 000. Was? Er kommt hierher, um zu verlieren? Sure, sagt er, in Las Vegas bist du der König, solange du Geld hast, danach kannst du verrecken. Aber, sagt er, ein Loser zu sein, ist doch auch ein schönes Gefühl, nicht?
Über den Rollsteg zum Excalibur gewandelt, dem Familienhotel fürs kleine Budget, das mit seinen schlagrahmweissen Mauern und den roten und blauen Türmen die mittelalterliche Burg neu erfunden hat. Einem Magier zugeschaut, der Stofftäubchen zum Verschwinden brachte und vorhersagen konnte, welche von den zehn Karten der Freiwillige aus dem Publikum ziehen wird. Natürlich hat hier auch die Magie ihren Preis: Für vierzig Dollar brachte einem der Zauberer nach der Show seine Tricks bei. Dann vom Excalibur ins New York, New York. Freiheitsstatue, Massstab 1:2, gesehen.
Vom New York, New York ins MGM Grand. «The City of Entertainment», wie das MGM sich auch nennt, ist ein monströser Komplex von wasserfarben-schwarzen Blöcken, davor steht die grösste Bronzestatue der USA: ein 100 000 Pfund schwerer und 13,5 Meter hoher Löwe. Mit seinen 5034 Zimmern ist das MGM das grösste Hotel der Welt mit dem «grössten Casino der Galaxie». Hier sind Leute wie Elton John, The Rolling Stones, Barbra Streisand aufgetreten. Wie ich reinschaue, singt ein Elvis-Nachfolger «Love Me Tender».
Vom MGM ins Venetian. Den Canal Grande im zweiten Stock gesehen. Vom Venetian ins Bellagio.
Zuerst an eine Bar. Ich bestelle eine Cola und gebe, eher aus Versehen, 20 Dollar Trinkgeld. Das scheint auch hier, im teuersten Hotel der Stadt, eine einigermassen respektable Summe zu sein. Jedenfalls wird Jack gesprächig. Jack ist Filipino, aber in Los Angeles aufgewachsen. Vor zehn Jahren kam er nach Las Vegas. Er ist verheiratet, hat drei Kinder, ein Haus und vier Autos. Jack schläft vier und arbeitet sechzehn Stunden im Tag. Neben dem Job als Barman verkauft er Häuser. Mit seiner Frau redet er durchschnittlich 15 Minuten pro Tag, das genüge, um die Ehe aufrecht zu halten. «Das Leben ist Arbeit, Arbeit, Arbeit», sagt er.
Mein Theken-Nachbar, der zugehört hat, sagt, das könne er zweimal sagen. Was Jack gerne tut: «Das Leben ist Arbeit, Arbeit, Arbeit.» Aber auch Jack steht offensichtlich unter dem Zwang, sein Glück unter Beweis zu stellen, ein uramerikanisches Ritual, eine amerikanische Form von Gottesdienst. Zum Schluss sagt Jack nämlich noch: «Aber Las Vegas ist wunderschön.»
Genau, denke ich und schaue mich im 1,7 Milliarden Dollar teuren, 1999 eröffneten Bellagio, ebenfalls ein Kind von Steve Wynn, um. Hier will man ja tatsächlich Stil, Eleganz, Qualität; die Blumen und der Marmor scheinen echt zu sein, auch die Picassos im gleichnamigen Restaurant. Sogar das Sonnenlicht, das die Shopping Mall durchflutet ist Luxus: es ist echt. (Ganz im Gegensatz etwa zum Venetian, wo der Tag über dem Canal Grande von künstlichem Licht nachgebildet wird.)
Natürlich, an einem Ort wie Las Vegas, wo alles Fake und Trash ist, mag das eine originelle Idee sein. Es mag sogar die Idee für The New New Vegas sein, diesem Ort, der in der ganzen Weltgeschichte Ideen zusammenklaut und durch den Disneywolf dreht, plötzlich mit Originalen zu kommen. Mit Stil Stil simulieren, mit Echtem Echtes simulieren, das Bellagio ist Las Vegas im Quadrat. Aber es gefällt mir nicht. Ausserdem hat es hier zu viele Guccis und Pradas. Ich sehne mich nach meinen Bermudas. Hier tun alle so erwachsen.
Und was habe ich doch gestern auf einem Werbeprospekt für Siegfried und Roy, «the Magicians of the Century», gelesen? «Ob du jetzt ein Kind von sechs, sechzehn oder sogar von sechzig Jahren bist, in jedem Fall wirst du von uns begeistert sein.» Voilà, das ist es. Las Vegas macht ausnahmslos alle zu Kindern. Erwachsene haben hier nichts zu suchen.
Ich flüchte also ins Mirage, in «The Secret Garden» von Siegfried und Roy: Für zehn Dollar erklärt einem eine Studentin das Leben der Delphine, die man danach auch anschauen darf. Bermudas, Kameras und die kollektiv staunende Begeisterung vor dem Delphinbassin - nach dem Bellagio-Schock fühle ich mich in dieser Umgebung richtiggehend heimisch.
Dann geht's zu den schlafenden Weissen Löwen von Timbawati und den Königstigern von Nevada, die wohl hier für immer eingeschlossen bleiben. Jeder bekommt ein Tonband in die Hand gedrückt, auf dem einen Steve Wynn persönlich begrüsst und auf dem er den Sinn des Gartens erklärt: «Siegfried und Roy haben ihr Leben diesen vom Aussterben bedrohten Tieren gewidmet. Der Secret Garden will zeigen, was alles möglich ist, wenn Tiere und Menschen zusammenarbeiten.» Und Siegfried bittet: «Tragt die Botschaft des Secret Garden in die Welt hinaus. Öffnet die Augen für die Schönheit und die Magie der Welt, so wird euer Herz warm und euer Leben reich. Für immer.»
Dass es ausserhalb von Show etwas geben könnte auf dieser Welt, scheint für diese Wynns und Siegfrieds unvorstellbar zu sein. Deshalb wirken ihre Sätze nicht einmal speziell absurd. Ehrlichkeit ist das Geheimnis von Las Vegas.
Am Abend habe ich mir für 100 Dollar Danny Gans, «The Man of the many Voices», angeschaut. Danny Gans imitierte Michael Jackson, Elvis Presley, Frank Sinatra, Stevie Wonder, Neil Diamond, Prince und viele mehr. Danny Gans war bühnenpräsent und ausgeschlafen, zweifellos, und seine Zähne blitzten, wie wenn er in seinem Gaumen einen Scheinwerfer installiert hätte.
Nach der Show gab es Standing Ovations. Das Publikum schrie und fiel sich um den Hals vor Begeisterung. Und in den Restrooms hatte man sich noch immer nicht beruhigt: von Häuschen zu Häuschen hörte man, wie mit sich selbst sprechende Ladies ihrer Freude Ausdruck verschafften: «outstanding», «the best show I've ever seen», «a dream», «gorgeous» und so weiter.
Danny Gans war meine letzte Chance. Ich war an keiner Slot Machine und habe mich von Black Jack, Keno und Roulette fern gehalten. Doch auch ohne Spiel bin ich an meinem Limit angekommen: Die Condor-Maschine, die mich zurück nach Europa fliegen soll, wartet, und ich verstehe Las Vegas noch immer nicht. Und so - wie schon Tausende vor mir und wohl auch Tausende danach - verlasse ich diese Hauptstadt des Entertainments, des Gamblings und der Illusionen als Verliererin.