NZZ Folio 05/98 - Thema: Auto   Inhaltsverzeichnis

Mein Bentley

Wider die Kläglichkeit des Wegwerfautomobils.

Von Dieter Meier

MEINE POLNISCHEN FREUNDE sparen sich den Opel-Vectra-Hosenträger vom Maul ab. Ein Spritzgusshändler aus der Gegend von Meilen schafft den neusten Jaguar an, obwohl er weiss, dass die Karosse vor seinem Laden zu anomischen Spannungen führt, weil sie der Parole, den Gürtel enger zu schnallen, den letzten Rest von Glaubwürdigkeit nimmt. Wladimir Uljanow, unter dem Künstlernamen Lenin einer der grössten Kriminellen der Weltgeschichte, bestellte sich nach dem Sieg seiner Bolschewiken sofort einen Rolls-Royce mit Schneeraupen und Trennscheibe zum proletarischen Fahrer.

Maharadschas und Bordellbesitzer, Könige und andere Glücksritter, Malocher und Teppichhändler, sie alle vereint das Ritual des Affentanzes um den wichtigsten Fetisch des Industriezeitalters, dem jedes Jahr ein paar Millionen Schuldige und Unschuldige zum Opfer fallen. Was einmal Privileg individueller Bewegungsfreiheit war, ist längst zum perversen Sinnstifter auf dem Karussell des Spätkapitalismus verkommen, das sich mit sinnloser Geschwindigkeit die Umsatzträger sucht, welche die durch Rationalisierung galoppierend wachsende Produktion verschlingen; ein Problem, das durch die Atombombe, die jeden anständigen konventionellen Krieg verhindert, der bisher Überproduktion abgefangen hat, nur noch grösser geworden ist.

Wenn die 2,5 Milliarden Damen und Herren in China und Indien aus oben erwähntem Grund einmal ähnlich motorisiert sind, müssen wir uns langsam mit dem Gedanken anfreunden, die Bude hier dichtzumachen, es sei denn, die nach Luft ringenden Säuglinge serbeln so erbarmungswürdig ab, dass ein Aufstand der Mütter die Väter zwingt, ihre verlängerten Phalli nicht mehr zu fahren, sondern nur noch anzugucken, wie pubertierende Schüler, die im Klassenlager ausmachen, wer den Längsten hat.

Warum in aller Welt stellt Meiers Dieter sich entgegen besserem Wissen in die Reihe dieser vom Konsumterror entnervten Kleinbürger und geniesst das Fahren in alten und neuen Bentleys genauso wie alle anderen Knechte der totalen Motorisierung, die die Gegend so fürchterlich verpesten, dass selbst die völlig uneinsichtigen Franzosen, als sie massenweise bewusstlos umfielen, den Verkehr in Paris einschränken mussten?

Ich bin gespannt, ob meine Erklärung so hanebüchen ausfällt, dass ich mich recht eigentlich dafür schämen muss, oder ob mir ein Aufruf zum Luxus gelingt, dem nicht nur ausgebuffte Ästheten die verbotene Lust am tödlichen Abgrund der Hypokrisie abgewinnen können, wenn sie in Ekstase geraten ob dem unwahrscheinlichen Drehmoment jener englischen Grosshubmotoren, die aus dem Stand drei Tonnen Blech so sanft zur Höchstgeschwindigkeit wuchten, dass man als Herr der flüsternden Fortbewegung einzig durch die Windgeräusche des Rückspiegels ein bisschen gestört ist.

Tatsächlich ist das sanfte Gleiten in diesen Kraftfahrzeugen, die eigentlich immer noch Benzinkutschen genannt zu werden verdienen, ein erzieherisches Erlebnis, das, wenn es befreit von banal sozialen Anstrengungen genossen werden kann, im zenbuddhistischen Sinn zu jener letzten Lockerung beiträgt, die auch schwerste Jungs nach einer ruhigen Fahrt mit der tiefen Ausgeglichenheit aussteigen lässt, die es ihnen möglich macht, nicht gleich dem Erstbesten, mit dem sie nicht einverstanden sind, die Fresse zu polieren.

Diese Kisten der wohltemporierten Fortbewegung, die kaum zu hektischen Reaktionen verführen, geben meinen Kindern das Gefühl der Eisenbahn, und auch lange Fahrten durch das schöne Italien werden an den Picknicktischen im Fonds zu einem Pfadfindervergnügen. Diese Autos sind noch fast ganz von Hand gefertigt, man bestellt sie wie Segelschiffe und schützt damit im Zeitalter der entseelten Massenproduktion, in dem viele Menschen wie Chaplin in «Modern Times» an Verwurstungsmaschinen verelenden, ein vom Aussterben bedrohtes Kunsthandwerk. Die Intarsien und Lederarbeiten erhalten den Sinn für Qualität, der in unserer Wegwerfgesellschaft dringend nötig ist. Sie sind ein stiller und eleganter Aufschrei gegen die kläglichen Attrappen des Wegwerfautomobilbaus, der sich auch bei den von sinnloser Sparwut geknechteten Zinsruinen der Oberschicht eingeschlichen hat, die, anstatt das Schöne zu fördern, in ihren Fliessbandvehikeln an den Kapitalzinsen ersticken, obwohl gerade sie die vornehme Aufgabe hätten, ein Gegengewicht zu schaffen gegen das grausige Mittelmass von Mercedes, Jaguar, BMW, Cadillac und wie die anderen Exponenten zeitgenössischer Angeberei sonst noch heissen.

Die eigentliche Herausforderung besteht für den aufgeklärten Fahrer von Bentley oder Rolls-Royce darin, sich jenem Nirwana zu nähern, das ihn den bürgerlichen Verdacht der Hochstapelei stoisch ertragen lässt. Auch dem Schreiber ist dies nicht immer vergönnt, und er beobachtet sich des öfteren dabei, ein verlegenes, fast entschuldigendes Lächeln aufzusetzen, wenn interessierte Augen in sein Auto schauen, um das Gesicht des Idioten zu sehen, der am Ende des zweiten Jahrtausends immer noch einen Schlitten aus den Anfängen des Industriezeitalters pilotiert. Ich wünschte mir, dass die schönen Autos, die den Insassen mittelfristig zu tiefer Gleichmut führen, äusserlich nicht zu erkennen wären und aussähen wie ein VW Passat, glaube aber, dass der Auseinandersetzung mit dem Bluff dieser Karossen durchaus ein emanzipatorisches Moment innewohnt, das sich wohltuend abhebt vom Seldwyla-spezifischen Understatement, einer der perversesten und unsinnlichsten Formen der Angeberei.

Da ich so wunderbar in Fahrt gekommen bin, will ich den inneren Druck dieses Pamphlets in einem Ausruf gipfeln lassen: Fahrt Bentley, Leute, noch ist es nicht zu spät!

PS: Das Schwesterschiff Rolls-Royce wurde im letzten Satz nur aus sprachrhythmischen Gründen nicht erwähnt. Ich kann mit dem Snobismus der Tiefstapelei, mit der sich Bentley- von Rolls-Royce-Fahrern abzugrenzen glauben, nichts anfangen. Ob man Bentley oder Rolls-Royce fährt, ist eine rational sachliche Entscheidung. Jedes dieser Autos, sehr verehrter Kunde, hat seine Vor- und Nachteile, die ich Ihnen in einem ausführlicheren Gespräch gerne darlegen werde.

Dieter Meier, Filmer und Sänger, lebt in Los Angeles.


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