NZZ Folio 07/09 - Thema: Abfall   Inhaltsverzeichnis

Der Rattenfänger von Zürich

© Natalie Behring/Panos.
Ratten sind Überlebenskünstler. In mageren Zeiten fressen sie auch Leder, Seife oder Papier. Linktext
Liesse man die Ratten in Ruhe, würden sie schnell zur Plage. Auf Rattentour mit dem ­Schädlingsbekämpfer der Stadt Zürich.

Von Herbert Cerutti

Die Vorfreude auf eine spannende Rattenjagd in der Unterwelt der Zürcher Kanalisation war verfrüht. «Wir bekämpfen die Ratten in der Kanalisation seit Jahren nicht mehr. Solange die Tiere dort bleiben, stören sie uns nicht», sagt Marcus Schmidt, Berater Schädlingsprävention vom Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich.

Früher waren die 950 Kilometer des städtischen Abwassernetzes Grosskampfgebiet. Zwei Arbeiter waren ganzjährig damit beschäftigt, am Grund der Einstiegsschächte Giftköder zu placieren. Verwendet wurde bis in die 1970er Jahre das aus der Meerzwiebel gewonnene Gift Scillirosid, was bei den Tieren zum Herzstillstand führte. Um die 600 Schächte pro Jahr versahen die Rattenmänner mit dem Starkgift.

Während in vielen Grossstädten die Ratten in der Kanalisation nach wie vor bekämpft werden, hat man in Zürich 1994 diese aufwendige Praxis aufgegeben. Das Rattenproblem hat sich seither trotzdem nicht verschärft. Zürich hat einen topographischen Bonus, weil das Gelände auf der Zürichbergseite und in Richtung Üetliberg ansteigt. Fällt starker Regen, tosen in den steilen Abschnitten der Kanalisation wahre Wildbäche, die selbst tüchtigste Ratten mitreissen und schliesslich als Kadaver in die Kläranlage schwemmen. Als Rückzugsgebiete bleiben vor allem die seitlichen Abwasserrohre, die von den Liegenschaften in die Kanalisation führen, sowie stillgelegte Abwasserleitungen, die von der öffentlichen Kanalisation nicht abgehängt wurden.

Die im städtischen Untergrund lebenden Ratten gehören zur Spezies Wanderratte. Diese braungraue Ratte stammt aus Nordchina und der Mongolei; mit den Karawanen kam sie im 16. Jahrhundert über die Seidenstrasse nach Europa. Zürich erreichte die Wanderratte um 1850. Ironischerweise führte eine hygienische Grosstat zur Rattenplage. Nach den Choleraepidemien von 1855 und 1866, die in Zürich Hunderte von Todesopfern forderten, entschied sich die Stadt zur umfassenden Kloakenreform. Die Epidemien waren ausgebrochen, weil Krankheitskeime aus Abfallgruben ins Trinkwasser der Sodbrunnen gelangten. Die im Zeichen der Volksgesundheit gebaute Kanalisation passt bestens zum Lebensstil der asiatischen Immigrantin. Als gute Schwimmerin kann sie sich über lange Strecken im nassen Element bewegen. In der Kanalisation findet sie auch zuverlässig die nötige Tagesration von 30 bis 60 Millilitern Trinkwasser. Und die in grossen Mengen per Spültrog oder WC in die Kanalisation geschwemmten Speisereste sind ein gefundenes Fressen.

Im Siedlungsgebiet der Überflussgesellschaft gedeiht die Wanderratte besonders gut. Überquellende Mülleimer, Reste von gekochten Esswaren auf dem heimischen Komposthaufen, Abfallcontainer mit offenem Bodenablauf und Kehrichtsäcke, die nachts im Freien stehen, sind für die Nager ein Schlaraffenland. Sie bevorzugen eiweissreiche und stärkehaltige Nahrung. In mageren Zeiten werden aber auch Leder, Seife, Papier und Textilien konsumiert.

Die Wanderratte wird bis zu 500 Gramm schwer. Fürchterlich ist das Gebiss. Ober- und Unterkiefer tragen je ein Paar Schneidezähne, die lebenslang wachsen und sich dank dicker Schmelzschicht auf der Vorderseite beim Abnutzen wie ein Meissel laufend nachschärfen. Damit bewältigt die Wanderratte Holz, PVC, Backstein und auf der Suche nach Wasser auch Metallrohre. Im Kabelschacht nagt sie sich durch die Isolation der elektrischen Leitungen, was zu Stromausfällen und Bränden führen kann. In Hamburg haben Ratten sogar die U-Bahn lahmgelegt. Die Ratte findet immer wieder auch den Weg vom Untergrund an die Oberfläche. Wo Kanalrohre oder private Abwasserleitungen defekt sind, gräbt sich die Ratte ins umliegende Erdreich, baut neue Laufgänge und kommt schliesslich ans Tageslicht.

Über unvergitterte, offen gelassene Kellerfenster dringt der Nager zuweilen auch in Häuser ein. Mancherorts findet er direkt aus der Kanalisation über offen gelassene Spülstutzen oder wenig benutzte Toiletten in Kellerräumen den Zugang ins Hausinnere. Der Drang nach oben macht die Ratte gelegentlich zum nützlichen Wesen. Zwar hielt der in den 1960er Jahren in der Stadtverwaltung Zürich für das Rattenproblem zuständige Biologe Heinrich Kuhn das Bekämpfen der Nager in der Kanalisation für wichtig. Damit wolle man die Rattenpopulation auf ein tragbares Niveau senken, ohne aber die Tiere auszurotten, meinte Kuhn in einem Fachbeitrag. Er erkannte, dass frische Rattenlöcher an der Oberfläche ein Hinweis für im Erdreich verborgene Defekte in der Kanalisation waren. Mit Fluoreszenzfarbstoff wurde untersucht, ob das Loch mit der Kanalisation in Verbindung stand. Jährlich liessen sich so bis zu zwei Dutzend Schadstellen entdecken.

Diese Detektivarbeit war insofern von hygienischem Nutzen, als die Stadt Zürich Trinkwasser aus einem Grundwasserstrom bezieht, der vom Sihltal her in einem eiszeitlichen Schotterbett unter der Stadt hindurch Richtung Aare fliesst. Lecks in der Kanalisation gefährden unmittelbar die Trinkwasserversorgung. Heute werden Schäden im Abwassersystem mit modernen Mitteln aufgespürt. Findet Schmidt ein frisches Rattenloch auf einem privaten Grundstück, kontrolliert er auf dem Plan, ob im Untergrund eine Abwasserleitung liege. Falls ja, muss der Grundeigentümer per Kanal-TV nach einem Leck suchen und den allfälligen Schaden beheben lassen. Die Bekämpfung der Rattenplage ist dann die Aufgabe privater Firmen.

Die hygienische Kehrseite: Bei ihren Streifzügen durch die Kanalisation, durch Abfalleimer und Kompostplätze kommt die Ratte mit Krankheitskeimen in Berührung, die sie weiter verschleppt. In Europa sind bei Ratten um die 30 Krankheitserreger bekannt, von Salmonellen, Toxoplasmen und Borrelien bis zu den Leptospiren, den Erregern der gefürchteten Weil-Krankheit. Da der Mensch selten direkt mit Ratten in Berührung kommt, sind es vor allem durch Urin und Kot verunreinigte Gegenstände oder Lebensmittel sowie der Kontakt mit kontaminiertem Wasser beim Baden, die schliesslich zur Infektion führen.

An einem Morgen macht sich Marcus Schmidt am Bellevue auf Rattentour. Seit man das Rattenvolk in der Kanalisation in Ruhe lässt, wird es umso intensiver an der Oberfläche bekämpft. «Dank systematischer Kontrolle haben wir das Rattenproblem im Griff», sagt Schmidt. Lasse man eine Rattenfamilie ungestört leben, könne sie innert Monaten zu einer hundertköpfigen Schar werden.

In der Stadt Zürich muss vor allem dort mit Ratten gerechnet werden, wo Wasser ist. Rattenland sind deshalb die Uferzonen rund um das Seebecken, die Gegenden am Schanzengraben, entlang der Sihl und der Limmat. Zum Problem werden nur Orte, wo Picknickreste liegen oder wo Vögel übermässig gefüttert werden. Uferabschnitte mit nur Asphalt und Beton sind rattenarm, da sich dort das Tier den schützenden Erdbau nicht buddeln kann.

Schmidt, ein munterer Mittvierziger mit Basler Dialekt und Agronomiestudium, absolviert seine Kontrolltouren mit Rucksack und Fahrrad. Heute steht der Utoquai auf dem Programm. Mit einer schmalen Schaufel an meterlangem Stiel drückt er die bodenbedeckenden Sträucher in den Rabatten hoch und späht nach Spuren. Bald schon findet er ein frisches Loch. Der Grösse nach stammt es von einer Maus; aber auch Mäuse können Krankheitskeime übertragen. Schmidt holt aus dem Rucksack eine Büchse mit violetten Körnern und schüttet eine Portion von 10 Gramm tief ins Loch. Die violette Farbe und ein bitterer Geschmack sollen den giftigen Köder für Kinder und Hunde unattraktiv machen – Nagern ist die Bitterkeit offenbar egal, und Farben können sie nicht wahrnehmen.

Finden Ratten eine fremde Nahrungsquelle, probieren sie erst eine winzige Portion. Geht es ihnen nachher nicht gut, meiden sie die verdächtige Nahrung. Solche Köderscheu wird heute mit Cumarin-Abkömmlingen ausgetrickst. Diese Gifte hemmen die Blutgerinnung, was die Tiere innerlich verbluten lässt. Schmidt verwendet den Cumarin-Wirkstoff Chlorophacinon. Das Gift ist im Getreideköder nur so hoch dosiert, dass der Nager mehrmals davon fressen muss und erst nach drei bis fünf Tagen an inneren Blutungen stirbt. Das Tier verbindet sein langsames Krankwerden nicht mit der neuen Nahrung und nascht weiterhin an den leckeren Körnern.

Beim Gartenrestaurant am Quai liegen oftmals Speisereste herum. Schmidt verschwindet hinter einer Lorbeerhecke. Dort hat er eine Köderbox montiert, vor Vandalen und Kindern gut versteckt. Auf dem ganzen Stadtgebiet gibt es etwa 80 solcher Boxen. Der schwarze Kunststoffbehälter hat unten zwei Löcher, da eine Ratte eher durch ein Loch schlüpft, wenn sie als Fluchtweg ein zweites Loch sieht. Mit Gummihandschuhen öffnet Schmidt den Deckel und legt einen 100 Gramm schweren Würfel aus Getreide und Chlorophacinon hinein. Nach einer Woche wird er die Box inspizieren. Ist der Köder verschwunden, sind Ratten im Revier. Mit weiteren Würfeln wird die Vergiftungsaktion so lange fortgesetzt, bis der Köder schliesslich unberührt bleibt, was auf ein Verschwinden der Ratten hinweist.

Schmidts grösste Sorge sind jedoch die «Taubenfreunde». Sie streuen kiloweise Futter, was sowohl die Tauben als auch die Ratten zur Plage werden lässt. Er habe es mittlerweile aufgegeben, diesen Leuten zu erklären, dass ihr Tun nur Leid bringe, weil er die Ratten dann vergiften und der städtische Taubenwart die Vögel schiessen müsse.

Die konsequente Bekämpfung der Zürcher Ratten zeigt Erfolg. Wurden der städtischen Beratungsstelle Schädlingsbekämpfung im Jahr 2000 um die 160 Rattenfälle gemeldet, waren es 2008 noch 80, wovon jeweils die Hälfte auf öffentlichem Grund. Entsprechend kleiner geworden ist auch der Giftköderverbrauch: Er sank von fast 200 Kilogramm auf noch 40 Kilo im Jahr 2008. Bei der Beratungsstelle betreffen von den jährlich 2000 Anfragen nur fünf Prozent Rattenprobleme; weit häufiger sind Sorgen mit Wespen, Ameisen und Kakerlaken.

Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Wolfhausen ZH.


Leserbriefe:

Zu Der Rattenfänger von Zürich - NZZ-Folio Abfall (07/09)

Die Wanderratte spielte zwar in Europa keine große Rolle bei der Übertragung der Pest, weil sie damals im Gegensatz wenig verbreitet war, sie wird jedoch vom Rattenfloh Xenopsylla cheopsis als Wirt angenommen und ist damit ein potentieller Vektor – auch für diese Seuche, welche noch nicht weltweit ausgerottet werden konnte. Die Bekämpfung der Ratten mit Cumarin stellt wohl kaum ein Umweltproblem dar, kommt dieses doch als sekundärer Pflanzenstoff in der Natur vor und ist u.a. für den typischen Heugeruch verantwortlich. Ich bevorzuge deshalb eine vernünftige Kontrolle der Ratten - sowie der Taubenpopulation und damit ein hygienisches Zürich – im Gegensatz zu "Taubenfreundin" Maja Steinlein.
Ivo Ernst, Zürich




Zu Der Rattenfänger von Zürich - NZZ-Folio Abfall (07/09)

Nicht die überquellenden Mülleimer, Reste von gekochten Esswaren, Abfallcontainer mit offenem Bodenablauf, Kehrichtsäcke, die nachts im Freien stehen und Picinicreste, welche in den Büschen wild entsorgt werden, sind die grösste Sorge des Rattenfängers Marcus Schmidt, nein, sondern ein paar wenige Vogelfreunde, welche den gehetzten Stadttauben und anderen Vögeln aus Liebe gesunde Körner streuen. In all den Jahren hat sich da wohl eine Art "déformation professionelle" eingeschlichen. Wie anders ist diese lebensfeindliche Haltung von Herrn Schmidt zu erklären? Wie steht es mit seiner Liebe zu Tieren? Auch wäre es an der Zeit, die mehr als fragwürdige, tierschutzwidrige und umweltschädigende Tötungsart durch tierquälerisches Vergiften der Ratten zu hinterfragen! Das Gift gelangt in die Nahrungskette der wildlebenden Tiere wie Greifvögel, Füchse usw. und auch in das Grundwasser, wo es grösstes Leid und Schaden anrichtet. Warum konzentriert sich der Schädlingsbekämpfer nicht einfach auf die Invasionen von Käfern, wie Kakerlaken oder auch Ameisen usw., welche sich in den Häusern ausbreiten können? In Gottes freier Natur sollte Marcus Schmidt die Tiere jeglicher Art in Frieden lassen und nicht selber zum "Schädling" mutieren!
Maja Steinlin, Zürich




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