REISENDE IN DEUTSCHLAND packen ihre «Siebensachen» ein. Ich frage sie nicht, welche sieben Dinge gemeint sind. In der Zahl Sieben drückt sich der Wunsch aus, unterwegs von einer magischen Kraft geschützt zu werden.
Seit einigen Jahren bekomme ich oft, nachdem ich meinen Koffer gepackt habe, das Gefühl, dass mir noch etwas Wichtiges fehlt. Es gibt eine achte Sache, die mir ins Ohr flüstert: Du hast mich vergessen. Sie lässt sich nicht blicken und verrät mir nicht, wie sie heisst. Soll ich sie wirklich mitnehmen? Sie ist vielleicht überflüssig oder sogar schädlich, denn sie zerstört die magische Einheit der Zahl Sieben.
Jetzt sitze ich wieder vor dem fertig gepackten Koffer und denke nach, was die achte Sache sein könnte. Auf der dunklen Fensterscheibe spiegelt sich mein Schreibtisch, auf dem eine gewöhnliche elektrische Lampe leuchtet. Sie soll in Finnland hergestellt worden sein. Wenn ich morgen nach Finnland fahren würde, wüsste ich, was die achte Sache sein könnte: der hellblaue Regenmantel mit der weissen Kapuze. Auf dem Schreibtisch liegen ein Kugelschreiber und mein Tagebuch. Das Tagebuch nehme ich nie mit auf Reisen, weil ich fürchte, dass es verlorengeht. Das Tagebuch kann man nicht einmal versichern lassen. Ich schreibe lieber später zu Hause, was ich unterwegs erfahren habe; oder ich kaufe mir ein Schulheft am Bahnhof, das ich dann als Reisetagebuch benutze. Eigentlich ist mir während einer Reise noch nie etwas Wichtiges verlorengegangen. Warum sollte ausgerechnet das Tagebuch verlorengehen? Die Schriftzeichen, die zu Hause geschrieben worden sind, werden in einem fernen Land verschwinden. Diese Vorstellung macht mir angst.
Es ist nicht leicht, vor dem geöffneten Koffer zu sitzen und sich auf einen Gedanken zu konzentrieren. Denn ich muss dabei aufpassen, dass nicht meine graue Katze in den Koffer hineinspringt. Sie umkreist langsam den Koffer, wirft wiederholt einen neugierigen Blick auf den Inhalt. Dabei blitzt in ihren Augen ab und zu so etwas wie eine Hoffnung auf. Die Reise könnte verhindert werden, wenn der Koffer zu stinken begänne. Die Katze kennt eine gute Methode, das zu erreichen. Ich kann den Koffer aber nicht schliessen. Er muss offen bleiben, sonst vergesse ich sofort, dass ich noch etwas Wichtiges packen muss.
Es ist schon nach zehn Uhr. Ich möchte meine Arbeit beenden, mich hinlegen und lesen. Mein Wecker, der auf dem Bücherbord steht, zeigt zehn nach zehn. Ich muss diesen Wecker nicht in den Koffer packen, denn darin liegt immer ein anderer Wecker, ein Reisewecker. Einige Gegenstände kann ich gar nicht vergessen, weil ich sie zweimal besitze. Die Reisezahnbürste, der Reisespiegel und der Reisekugelschreiber liegen immer im Reisekoffer. So verdoppeln sie mein Leben. Wenn ich noch eine weitere Person hätte, ein Reise-Ich, dann würde ich auch nicht mehr selbst verreisen.
Ich werde immer müde, wenn ich den Koffer für eine Reise packe. Der Koffer saugt mein Bewusstsein ein. Ich möchte jetzt am liebsten in den Koffer hineingehen, ihn von innen schliessen und schlafen.
Ich zünde ein indisches Räucherstäbchen an, um wieder wach zu werden. Wenn ich morgen nach Indien fahren würde, wüsste ich, was ich noch packen müsste: ein paar Räucherstäbchen gegen Moskitos.
Mir fällt ein, dass ich heute noch ein Buch zu Ende lesen muss. Ich kann nicht ein Buch, das ich hier zu lesen angefangen habe, im Zug weiterlesen. In einem Fernzug muss man immer ein frisches, noch gar nicht gelesenes Buch öffnen.
Der Stadtplan liegt auch schon in der Seitentasche des Koffers. Jedesmal, wenn ich einen Stadtplan aus dem Bücherbord herausnehme, fällt ein Zettel auf den Boden, auf dem «Landauer», «Glockenläuter», «Töpfererde» oder ein anderes Wort steht. Das Wort kann ein Hotel- oder ein Restaurantname gewesen sein, es kann aber auch ein Bruchstück einer Idee gewesen sein, die mir nie wieder einfallen wird. Eigentlich brauche ich sehr selten einen Stadtplan. Ich stecke ihn nur deshalb ein, weil ich sonst nicht glauben kann, dass ich wirklich in der Stadt ankomme.
Eigentlich brauche ich sehr wenige Dinge auf Reisen. Nicht einmal ein Stück Seife. Ich habe immer kleine Hotelseifen im Koffer, die ungeöffnet bleiben. Sie sind Sammelobjekte der Reisenden. Kleine viereckige Seifen, die ordentlich in Papier verpackt und beschriftet sind, erinnern an Talismane, die man in Tempeln kaufen kann. Auch Würfelzucker, Schokolade und Streichholzschachteln von Hotels sammle ich seit vielen Jahren. Eigentlich braucht man nur Geld und den Reisepass. Das ist der Satz, mit dem ich mich beruhige, wenn ich beim Kofferpacken nervös werde.
Ich bin enttäuscht, wenn ich eine Person, die ich sonst hochachte, mit einem grossen Reisegepäck sehe.
Mein eigenes Reisegepäck ist seit siebzehn Jahren immer kleiner geworden. Bei meiner ersten grossen Reise von Japan nach Europa hatte ich einen Rucksack mit, der so schwer und gross war, als hätte ich mich verdoppelt. Er gab mir das Gefühl der Sicherheit. Damals dachte ich oft an den Haiku-Dichter Basho, der mit sehr wenig Gepäck monatelang unterwegs war. Der Dichter reiste im Jahr 1689 zu Fuss von Edo (heutiges Tokio) nach Norden auf der Pazifikseite Japans. Er kehrte dann zurück nach Süden auf der Seite des Japanischen Meeres. Seine Reise endete nicht dort, wo sie begann. Seine Reisespuren zeichneten auf der Karte keine Ellipse, sondern ein spiegelverkehrtes Fragezeichen. Als ich seinen Reisebericht, der aus Prosa und Haiku-Gedichten besteht, im Schulunterricht las, wunderte ich mich darüber, dass er mit so wenig Reisegepäck auskam und dass es ihn trotzdem beschwerte. Ein Schlafanzug aus Papier, ein Pinsel und etwas Tinte - viel mehr hatte er nicht dabei. Der dünne zenbuddhistische Dichter verzichtete nicht nur auf Möbel und Kleider, sondern auch auf überflüssige Massen von Sexualität, Nahrung und Wörtern. Ihm war sein leichtes Gepäck immer noch zuviel. Er schrieb, dass sein Reisegepäck seine «knöchrigen Schultern schmerzt». Andererseits schrieb er aber von dem «Mond», der buchstäblich an seinem Herzen «hängt». Er schrieb nicht etwa, dass die Sehnsucht nach dem bewundernswerten Mond, den man in Matsushima, einem seiner Zielorte, besichtigen könne, in seinem Herzen sei. Nicht die Sehnsucht, sondern der Mond selbst hing an seinem Herzen. Dabei beschwerte er sich nicht über den Mond, der als Reisegepäck sicher zu schwer war. Nach Basho hängt das Bild, das ein Reisender am Zielort sehen will, schon bei der Abfahrt an seinem Herzen, so wie ein Gemälde an der Wand hängt. Seitdem ich das weiss, kommt mir eine japanische Reisegruppe im Zürcher Flughafen manchmal wie eine seltsame Bilderausstellung vor. An jedem Herzen hängt ein Bild, das den Montblanc, die Jungfrau oder das Matterhorn darstellt.
Basho spricht von zwei Göttern, die sich bei einem Reisenden befinden: Sozorogami und Dosojin. Der erste ruft das Fernweh bei einem Menschen hervor, und der zweite schützt den Reisenden vor bösen Erscheinungen. Man kann diese Götter nicht in den Koffer hineintun. Entweder sind sie da oder nicht.
Yoko Tawada ist Schriftstellerin; sie lebt in Hamburg.Ihr neues Buch «Talisman» ist soeben erschienen im Konkursbuchverlag Claudia Gehrke, Tübingen.