NZZ Folio 05/97 - Thema: Jugendkultur   Inhaltsverzeichnis

Souverän durchs Sortiment

Ein kurze Geschichte der Jugendkulturen.

Von Thomas Haemmerli

«DIE LEUTE TUN VIELE DINGE, aber wir wissen nicht, warum» - diese pessimistische Sicht der Sozial- und Humanwissenschaften gilt besonders für die Jugend. Selbst der Jugendliche weiss meist nicht, warum er sich so und nicht anders kundtut. Wenn etwa der adoleszente Tunichtgut zu Protokoll gibt, dem Kollegen das Schmetterlingsmesser «aus Frust» in den Bauch gerammt zu haben, dann wird eher die Formelsprache professioneller Jugendhermeneutiker und Fernseh-Talkshows zitiert, als dass etwas erklärt würde.

Am deutlichsten zeigt sich das beim Junkie, der das juristisch-sozialtherapeutische Räderwerk durchläuft. Bei Befragungen durch Polizisten, Bezirksanwälte, Verteidiger, Richter, Psychiater, Sozialarbeiter und Therapiegruppen lernt der süchtige Mensch eins: so stringent wie ausufernd darzulegen, warum er in die Sackgasse des Rauschgifts geraten ist, ja geraten musste. Selten aber begründen derartige Erläuterungen die Attraktivität des jugendkulturellen Lifestyle-Angebots Drogenszene. So kann der eingefleischte Junkie kaum erklären, warum er sich gerne mit den ausgelutschtesten Codes der Gegenkultur ausstaffiert und seine spindeldürre Figur durch das Tragen hautenger Stretch-Jeans oder Leggins betont. Helfen wir!

Kleidercodes aus dem angestaubten Fundus juveniler Rebellionsaktivitäten atmen noch immer etwas vom Nimbus des Aufbegehrens. Die Junkie-Uniform schafft nicht nur Zugehörigkeit, sie stilisiert darüber hinaus ihren Träger zum Outlaw. Die engen Hosen betonen den Gestus des Selbstzerstörerischen: Ich pfeif' auf eure Normen, und mit meinem Körper mache ich, was ich will. So wird Heroinkonsum zu Souveränität veredelt. Die Drogenszene bietet alles, was eine Jugendkultur ausmacht: Freizeitaktivität mit Erlebnischarakter, niederschwellige Kontaktmöglichkeiten mit Gleichgesinnten sowie Zugehörigkeit durch stilistische Codes.

In Hollywood experimentiert ein Teil der gutaussehenden jungen Leinwandsterne gerne mit Giften. Die Smack-Pack getaufte Clique gibt dem ewigen Klischee Auftrieb, dass der Bohémien und Künstler stets gefährlich an der Grenze lebt. Und liefert 1993 mit dem Tod von River Phoenix auch gleich den Tatbeweis. Der Grunge-Held und Heroin-Adept Curt Cobain schiesst sich in den Kopf und in den Rock'n'Roll-Olymp. In England feierte 1996 «Trainspotting» gewaltige Erfolge. Zwar zeigt der Film, dass man zuweilen an Drogen stirbt, aber auch, dass Fixen Spass macht. Soundtrack, Video und Buch stürmten Hitparaden und Fachhandel. Mit Junkie-Chic arbeitet inzwischen die Mode, denn Kleider wollen mit Attitüden und Gefühlen aufgeladen werden. So ist etwas von der verrucht-zerbrechlichen Anmutung des Fixers ins Styling von Mannequins geflossen, und die junge Modefotografin Corinne Day inszeniert ihre Models in abgefuckter Kulisse als Fixerinnen: vom Leben gebeutelt, glasiger Blick und Pickel.

Pickel! Wenigstens etwas, das die verschiedenen Jugendstile transzendiert: Hartnäckig und stilübergreifend gedeihen auf den Oberflächen schlecht ernährter Teenager Pickelkulturen. Überhaupt ist die Biologie eine der wenigen verlässlichen Konstanten von Jugendlichkeit. Als robuster, regenerationsfähiger Kumpel erträgt der jugendliche Körper verrauchte Keller, billigen Fusel, Freinächte, Drogen und Dauerexzesse. Der physische Alterungsprozess setzt der Teilnahme an Jugendkulturen Grenzen. Keine präzisen zwar, dafür solche von grösster Evidenz und Endgültigkeit.

GESCHULDET IST DIE VERWISCHUNG des Begriffs Jugend dem globalen Durchmarsch der Popkultur. Seit den Zwanzigern verkaufen sich Schallplatten mit populärer Musik, erst in den Fifties aber konzentriert man sich auf ein vielversprechendes neues Marktsegment, den «Teenage Consumer». Der verfügt über Geld, das er möglichst schnell in Bedürfnisbefriedigung umsetzen will. Also versorgt ihn die Industrie mit Motorrollern, Radios, Zeitschriften, Platten, Eisdielen. Und mit Rock'n'Roll, der wie eine Bombe einschlägt. Seine unterschwellige Sexualität, der treibende Beat und sein ekstatischer Appeal schlagen ein Loch in die festgemauerte Welt der kaltkriegerischen und kreuzbraven Fünfziger.

Ein wichtiger Transporteur jugendlicher Befindlichkeit ist Hollywood. In «The Wild One» (1954) terrorisiert das Sex-Symbol Marlon Brando mit seiner Motorradgang eine Kleinstadt und definiert mit T-Shirt, schwarzer Lederjacke und Jeans den Dresscode für jugendliche Revolteure. Als 1955 der nächste Referenzfilm, «Rebel Without a Cause», in die Kinos kommt, ist James Dean seit einem Monat tot. Jack Warner von Warner Brothers befürchtet ein Desaster: «Niemand wird kommen, um eine Leiche zu sehen.»

Weit gefehlt. Im Film besteht Dean die Mutprobe eines lebensgefährlichen Autorennens, realiter stirbt er am Steuer seines Porsches. Damit wird die Filmsequenz erst richtig prickelnd, der Streifen zum Kassenschlager und James Dean zur Jugendkultur-Ikone. Das romantische Motiv des frühen Todes beschert der Leiche Fanclubs mit drei Millionen Mitgliedern. Erstaunlich an der originär amerikanischen Jugendkultur ist die rasante Verbreitung über die westliche Welt. Die nötige Schubkraft kommt von der Kulturindustrie, den Soldatensendern der US-Army in Westeuropa sowie den Zeter und Mordio schreienden Vertretern der Sittlichkeit.

AN EINEM SONNTAG DES NOVEMBERS 1960 schreitet der Messias nackt die Treppe herab und will sofort mit Kennedy, Chruschtschew und Mao telefonieren, um mit ihnen den Weltfrieden auszurufen. Dann heisst er den Harvardprofessor Timothy Leary seine Hörhilfe entfernen, er sei geheilt. Leary schlägt dem 36jährigen Messias Allen Ginsberg vor, sich auch noch selbst zu heilen und die starke Brille wegzulegen.

Der LSD-Trip, den der Forscher Leary dem Beat-Poeten Ginsberg verabreichte, markiert den Eintritt der Beatniks in die psychedelische Bewegung. Und das Ende von Learys akademischer Karriere. Frei von wissenschaftlichen Fesseln, startet er seinen Kreuzzug für eine spirituelle Heilung der Welt. Wer LSD schlucke, werde sofort einsehen, wie schal unsere materielle Welt, wie albern unsere Ziele, wie sinnlos Kriege seien. Enthusiastisch wird LSD von Musikern und dem Beatnik-Untergrund aufgenommen. Gegen den Moloch seelenloser, technologischer Rationalität praktizieren Literaten wie Jack Kerouac oder Ginsberg Armut, Ekstase, Kunst, Poesie, Jazz, östliche Weisheit und rastloses Reisen.

Die neue Gegenkultur ist erfinderisch. Traditionelle Formen der Politik ersetzt sie durch symbolische Aktionen und die direkte Propaganda ihres Lebensstils. Die Medien, die den subkulturellen Stil mit aufgeplusterten Geschichten über Rauschgift- und Sexorgien aufladen, machen jeden Dropout zu einer visuell kommunizierenden Reklame, die Spass und Ekstase verspricht. Die Kunde vom grossen LSD-Happening in Haight-Ashbury geht 1967 via Fernsehen um die Welt. Dem Phänomen wird das Label Hippies verpasst, San Francisco wird ein Summer of Love prophezeit. Heerscharen von Teenagern, Ausreissern, Ausgeflippten und Kriminellen überschwemmen den Haight.

Der Summer of Love wird ein Horrortrip mit schlechten Drogenexperimenten und staatlicher Repression. Dennoch hält sich sein Mythos bis heute. Nach seinem Muster entstehen Subkulturen, auch die Anti-Vietnamkrieg-Bewegung übernimmt Ausdrucksformen der Gegenkultur. Waren 1964 an die nationale Washingtoner Demo noch krawattierte, seriöse Oppositionelle marschiert, so präsentieren sich drei Jahre später vor dem Pentagon von Rockmusik beschallte Horden berauschter Freaks und Dropouts, die mit Blumen bewehrt sich mit den Ordnungskräften prügeln.

«THEY DON'T WASH TOO MUCH», versichert der Manager der Rolling Stones, Andrew Oldham, 1964 einer Reporterin. Er entwickelt eine PR-Strategie des schlechten Rufs, indem er an den Stones-Konzerten Krawalle inszeniert. Schlagzeilen sind garantiert, die Konzerte versprechen Action für ein erlebnishungriges Publikum, die Songs erhalten den Geschmack von Revolte und Abenteuer. Viele Konzerte dauern keine zehn Minuten, bis alles im Krawall versinkt. Als die Stones 1967 im Zürcher Hallenstadion aufspielen, erscheint die Polizei in vollem Harnisch und legt kräftig los, als ein paar junge Rabauken die ersten Stühle zertrümmern.

Aber Oldham ist mehr als nur ein zynischer Marketingstratege. Er ist jung, auf Speed und ein Produkt Swinging Londons. Dort bestimmen junge Modemacher, Regisseure, Fotografen, Pop-art-Maler, Clubbesitzer und Beatbands das Klima. London wird zum stildiktierenden Epizentrum und zum Mekka für Jugendliche, die die Kassen klingeln lassen. Die Vorbilder verkörpern den Bruch mit den Werten der alten Generation. Auch hier hilft LSD kräftig mit. In der gut vernetzten Szene schluckt bald jedermann Trips. Und in Kürze verbreitet sich die chemische Verheissung via das Jugendmedium schlechthin: die Rockmusik. Mick Jagger schmettert «Something Happened to Me Yesterday», Eric Burdon besingt «A Girl Called Sandoz», die Beatles produzieren ihr LSD- Konzeptalbum «Sgt. Pepper's». Die Popindustrie wird zum machtvollen globalen Verstärker der Drogenkultur. Der Kommerz verwandelt die Subkultur in ein internationales Massenphänomen.

ALL DIE INGREDIENZEN, die sich in den Sixties vermischen, markieren eine deutliche Differenz zur traditionellen Kultur. Die meisten ihrer Protagonisten sind zwar älter als zwanzig, im Vergleich mit den Vertretern des Establishment wirken sie aber blutjung. Jugend wird zum kulturell und ideologisch besetzten Konzept, das weit über die Adoleszenz hinausreicht. Die Rebellen, die der Gesellschaft den Fehdehandschuh hingeworfen haben, prägen den politischen Kampfbegriff Youth Culture, der als integratives Konzept wirkt. Alles, was nicht der Tradition angehört, ist Jugendkultur: Plattenmillionäre wie die Stones, der Ausstieg aus der Konsumgesellschaft, lange Haare, radikale Politik, ausgeflippte Klamotten, der Zug am Joint, Kommunen, vorehelicher Sex, asiatische Spiritualität, Che Guevara, Krawall, psychedelische Poster, Mystizismus, Mao, Rockfestivals.

Zu einem guten Teil erklärt sich die integrative Kraft der Youth Culture mit der Wahl ihrer Medien. Erstens kommuniziert man mittels Musik. Musik ist direkt und emotional. Ein LSD-Manifest kann man argumentativ zerpflücken, nicht aber einen Beatles-Song, der seine Botschaft augenzwinkernd für Eingeweihte formuliert. Zweitens kommuniziert man visuell. Jedes Underground-Magazin druckte das Bild von Mick Jagger, der wegen eines Drogenvergehens in Handschellen abgeführt wird. Das Foto evoziert Rock, Rebellion und den Angriff des Systems auf «uns». Auch politisch arbeitet man mit visuellen Symbolen. Die Blume im Gewehrlauf hat eine grössere Wirkung als ein ausgefeilt argumentierendes Flugblatt. Zur Verschmelzung der Youth Culture tragen aber auch ihre Gegner bei. Der Hass weiter Bevölkerungsteile auf alles, was nach Youth Culture aussieht, die Ablehnung durch Medien und Autoritäten, die massive Repression der Behörden schmieden diverse Strömungen zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen.

Bis heute wirkt der Mythos Youth Culture nach, und neue Jugendkulturen werden stets darauf abgeklopft, inwiefern sie gegen die Elterngeneration rebellieren und politische Ziele verfolgen. Dieses Interpretationsmuster verkennt, was Youth Culture und Popindustrie für Wirkungen gehabt haben: Die wichtigste ist das Zwillingspaar Pluralisierung und Toleranz. Durch sie wird die Frontstellung «Jugendkultur» versus eine von älteren Generationen verkörperte Traditionskultur obsolet.

ANFANG DER SIEBZIGER JAHRE zerbröselt die Youth Culture. Heroin ersetzt LSD. Repression, Radikalisierung und Dogmatisierung nehmen den politischen Geistern jede Leichtigkeit, und der Streit über richtige Strategien sprengt das vage grosse Ganze. Ernüchtert wandern die müden Kämpen in Landkommunen und Sekten ab, kehren zu konventioneller Lebensführung zurück oder suchen ihr Heil in Asien und esoterischen Praktiken. Die Rockindustrie verwandelt die Musikanten der Revolte in ferne Stars. Gemeinschaftsgefühl zu lauter Musik gibt es nur noch gegen satte Eintrittsgelder.

Ein neuer Kick kommt 1972 mit David Bowie und Glam oder Glitter Rock. Das Anti-Styling der Youth Culture ersetzen die Glitterati durch schrille, glamouröse, dekadente, androgyne Looks und ein betont apolitisches Auftreten. Um alle möglichen Stilgemeinschaften herum bilden sich Musikrichtungen. Das Jugend-Supermarktangebot der Siebziger erweitert sein Sortiment um schwarzen Funk im Zuhälterlook, Ponchos für ein freies Chile, Hörschäden durch Heavy Metal, psychologisches Klempnertum für geschundene Seelen, Disco mit Travolta, freie Fahrt für feministische Frauen, das Ted-Revival für Zu-spät-Geborene, Homosexualität, Skater, Alternative, Reggae und so weiter. Ein Teil der Industrie deckt mit Teeny-Bands die Bedürfnisse der ganz jungen Klientel ab, und der Mainstream-Pop erreicht immer breitere Kundensegmente.

Im Verlauf der achtziger Jahre wird die Popkultur hegemonial und löst endgültig die Hochkultur als verbindliche Leitplanke ab. Mit der Pluralisierung der Gesellschaft ist den Kulturrebellen der Gegner abhanden gekommen.

GEBLIEBEN IST DER HANG Jugendlicher zu Lärm, Rausch und Exzess sowie ihre Vorliebe für erlebnisgesättigte Szenen. Dazu gehört noch immer aktionistische Mitmachpolitik, die sich mit kulturellen Ausdrucksformen verbindet. Die zur Tradition gewordenen 1.-Mai-Krawalle in Zürich oder Berlin konkurrieren heute mit anderen Marktangeboten um jugendliche Freizeit. Auch wenn sie sich für ihre Organisatoren nicht monetär, sondern in weltanschaulicher Erfüllung auszahlen, unterscheiden sie sich nicht wesentlich von anderen Hervorbringungen der Amüsement-Industrie.

Geblieben ist auch die emotionale Vermittlung von Jugendkultur über Musik und visuelle Medien. Und der Mechanismus, dass die Öffentlichkeit Subkulturen entdeckt, mit einem Label versieht und global verbreitet. Sekundär ist dabei, ob es sich um autochthone Entwicklungen wie den Ghetto-Lifestyle Hip Hop handelt oder ob clevere Hype-Regisseure die Initialzündung geben. Punk etwa ist eine Erfindung Malcolm McLarens, der die Sex Pistols managte und dessen Gefährtin Vivienne Westwood für das Styling sorgte. Dessen ungeachtet entwickelte Punk auch Underground-Magazine, alternative Vertriebskanäle und eine blühende Subkultur.

Die Abgrenzung gegen die Elterngeneration ist als Motor von Jugendkulturen zum Stillstand gekommen. Denn erstens ist eine homogene Eltern- und Lehrergeneration längst nicht mehr auszumachen. Zweitens sind Eltern oft selbst Popkultur-Konsumenten und begegnen deshalb auch ausgefalleneren Spleens mit Gelassenheit. Drittens können Eltern ihren Nachwuchs nur noch schwer auf stilistische Vorgaben einschwören. Wenn Mutter heute in der Migros Kleider für ihre Kinder kauft, dann sind diese meist schon irgendwelchen Jugendszenen nachempfunden, selbst die Kleinsten tragen Hip-Hop-Käppis. Viertens vergrössert der rasante technologische Wandel den Abstand zur Elterngeneration. Game-Boy- und Internetkinder leben in einer anderen Welt als MTV-Mütter und Videoväter. Jugendliche kämpfen mit ihren Eltern nunmehr vor allem um einen höheren Anteil an der familialen Kaufkraft.

WAS JUGENDKULTUREN LEISTEN, ist die Konstitution von Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Sinn. Sie offerieren Antworten auf die existentiellen Fragen «Was unternehme ich heute abend?» und «Wer könnte ich sein?» Die oft zufällige Wahl einer Gemeinschaft erlaubt, soziale Rollen auszuprobieren, und gibt einen festen Halt, von dem aus die unüberblickbaren Facetten der Gesellschaft interpretiert werden können. Mädchen jubeln synthetischen Teeny-Boygroups zu, auf die sie gefahrlos sexuelle Schwärmereien projizieren können. Label-Jeans und Turnschuhe signalisieren, dass Teenies wissen, wie der Hase läuft. Und die guten alten Pfadis ermöglichen Gruppenabenteuer in der Natur.

Wer sich in eine geschlossene Szene begibt, wird mit der Welt der subtilen Unterschiede konfrontiert. Es reicht nicht aus, in den Skiferien Snowboarder-Klamotten zu tragen. Mindestens so wichtig ist die richtige Marke, die mit differenzierendem Mehrwert aufgeladen ist. Gerade weil Jugendkulturen derart erfolgreich sind, suchen ihre meinungsbildenden Protagonisten ständig nach neuer Differenz. Der Mechanismus lässt sich auf die ganze Popkultur übertragen. Daraus erklären sich all die Retrotrends, und daraus erklärt sich, warum ein emotional hoch aufgeladenes Zeichenensemble wie der Junkie-Style plötzlich verpflanzt und chic wird.

Wer einmal einen Abend lang die Musiksender Viva oder MTV verfolgt, sieht sich in den Clips mit fast allem konfrontiert, was Jugendkulturen bisher entwickelt haben. Sie sind die Verschmelzung von Stilkunde, Unterhaltung und einer gigantischen Warenpräsentation. Hinter jedem Clip steckt eine CD, die buhlt: Kauf mich!

Wer verschiedene Uniformen getragen, verschiedene Slangs, gestische Codes und die dazugehörigen Mentalitäten kennengelernt hat, erwirbt sich den praxisgestählten Ethnologenblick für das Survival in unserer hypermultikulturellen Gesellschaft. Er wird zum souveränen, stilbewussten Konsumenten, der die kompakten Identitätsangebote scharf abgegrenzter Szenen hinter sich lässt. Aus dem Technoanhänger etwa, der mit allen Insignien seiner Szene ausgerüstet ist, wird ein eklektizistisches, komplexes Code-Ensemble, das sich seine Persönlichkeit selbst entwirft.

Nehmen wir die junge Dame mit Nasenring und kurzgeschorenen, gelb gefärbten Haaren, mit schwarzem Mascara und falschen Wimpern, Netzstrümpfen, einem plastifizierten Mini, schweren Doc-Martins-Schuhen, futuristischer Sonnenbrille auf der Stirn, Helmut-Lang-Jeansjacke, einem Op-art-T-Shirt und einer bunten Halskette. Die Anmutung der Präsentation ist aufgeladen mit Referenzen an Skinheads (Doc Martins), Hippies (Halskette), Punk (Haare), indische Ethnizität (Nasenring), Swinging London (Schminke, Mini, Op), Techno (Plastic-Mini, Op), Schlampenchic (Wimpern, Netzstrümpfe), Kaufkraft und Label-Kompetenz signalisierende High-Fashion (Helmut Lang), den nach einer Comicsfigur benannten aggressiven Tank-Girl-Feminismus (Frisur, Doc-Martins-Schuhe kombiniert mit Attributen traditioneller Weiblichkeit), Futurismus (Brille). Zwar können die Zeichen von ihrer Trägerin modehistorisch nicht zugeordnet werden. Die Bedeutungsfelder klicken sich aber durch das gespeicherte visuelle Vergleichsmaterial der Rezipienten an.

Nehmen wir noch ein zweites Beispiel für Stilsouveränität. Momentan werden gerne Anzüge mit schreienden Turnschuhen kombiniert. Die Botschaft lautet: Ich trage Anzug, weil ich Anzug tragen will, nicht weil ich muss. Deshalb kann ich schrille Turnschuhe hinzufügen, die den Bezug zu jugendkulturellen Lebenswelten herstellen. Den höchsten Grad an Selbstkonfektion erreicht, wer sich nicht nur einen subtileren oder komplexeren Stil verpasst, sondern seine Persönlichkeit wechselt wie konventionelle Erscheinungen ihr konventionelles Hemd.

Als einziger Schicklichkeitswächter amtiert noch der Türsteher vor dem gerade sehr angesagten Club. Ist diese Klippe umschifft, steigt aus der Asche verbindlicher Zuordnungen der Phönix des in seiner Fluidität selbstbestimmten Popkulturkonsumenten-Subjekts. Jugend ist der Weg dorthin, Jugendkulturen sind die Produktelieferanten und Testlaboratorien, die das Sortiment vergrössern.

Thomas Haemmerli ist Redaktor beim Nachrichtenmagazin «10 vor 10» des Schweizer Fernsehens.


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