NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . .   Inhaltsverzeichnis

Editorial - Vorwärts in die Vergangenheit

© Sibylle Heusser und Marcus Mos...
Wenn die Chinesen Zürich erobert hätten. Linktext
Von Reto U. Schneider
Historiker sind Experten darin, im nachhinein zu erklären, warum alles so kommen musste, wie es kam. Wir haben 32 Autoren gefragt, ob es nicht auch hätte anders kommen können. Was hätte es gebraucht, damit wir auf dem Weg der Zeit eine andere Abzweigung erwischt hätten? In welcher Welt würden wir erwachen, wenn Sigmund Freud Anwalt geworden wäre, es keinen Mond gäbe, Herr Kopp nicht ans Telefon gegangen wäre?

Es gibt Leute, die halten es für müssig, zu fragen, wie viel Zufall in der Geschichte steckt – schliesslich haben wir nur diese eine Welt und können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Aber im Grunde zielt diese Frage auf den Kern der Geschichtsschreibung. Ist die Geschichte ein träger Strom oder ein Blatt im Wind? Wenn A die Atombombe nicht erfindet, erfindet sie dann B? Schreibt der Mensch die Geschichte, oder formt die Geschichte den Menschen?

Sicher, es ist unwissenschaftlich, aus einer kleinen Vergangenheitsmanipulation eine neue Welt wachsen zu lassen, schliesslich lassen sich unsere Szenarien nicht widerlegen. Allerdings verstecken sich auch in der traditionellen Geschichtsschreibung Vermutungen über eine andere Welt. Wer Alexander den Beinamen «der Grosse» gibt, meint der nicht, dass die Geschichte ohne ihn anders verlaufen wäre? Die Texte in diesem Heft können zwar keinen Wahrheitsanspruch erheben, aber sie werfen die faszinierende Frage auf: Könnte alles nicht auch anders sein? Und darüber lohnt es sich nachzudenken.

Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.

Wettbewerb: Haben Sie sich auch schon Gedanken zum Thema dieses Folios gemacht? Wie würde die Welt heute aussehen, wenn ein Ereignis nie stattgefunden, eine Person nie gelebt hätte? Was wäre, wenn ein Produkt nie auf den Markt gekommen, eine Erfindung nie gemacht worden wäre? Schicken Sie uns Ihre Version der Geschichte, wie sie auch hätte ablaufen können. Ihr Text sollte nicht länger als 3000 Zeichen sein (inkl. Leerzeichen). Senden Sie ihn bis spätestens 1. September 2008 per E-Mail an foliowettbewerb@nzz.ch oder per Post an Redaktion NZZ Folio, Wettbewerb, Postfach, 8021 Zürich. Der beste Text wird im Folio vom Oktober 2008 veröffentlicht. Eine Auswahl weiterer Arbeiten publizieren wir im Internet unter nzzfolio.ch.




Leserbriefe:

Zu Editorial - Vorwärts in die Vergangenheit - NZZ-Folio Was wäre wenn . . . (08/08)

Zum Leserbrief von P. Caduff "Blasphemie": Schon interessant: Mir war beim Betrachten der Karikatur mit Jesu Biographie klar, dass diese solche Reaktionen wie die von Herrn Caduff hervorrufen würde, ja musste. Aber ich glaube dass er - nicht ungewöhnlich für einen gläubigen Menschen - die Karikatur nicht in ihrer ganzen, tiefen Bedeutung verstanden hat und darum mit dem gewohnten Beissreflex darauf reagierte. Der Zeichner geht ja offensichtlich von einer Hypothese aus: Wir kennen Jesu Lebensgeschichte aus den offiziellen Veröffentlichungen der Bibel, d.h. aus den Jahrzehnte nach seinem Leben geschriebenen Evangelien, von der Kirche redigiert und nach ihrem Gusto und im Sinne ihrer (Macht-) Interessen gekürzt und angepasst. Ich fand den Denkansatz des Karikaturisten spannend: Was wäre, wenn Jesus wirklich seine "echten" Memoiren geschrieben und selber veröffentlicht hätte? Seine wahren Absichten dargelegt hätte? Seine Sicht der Dinge - und nicht die der Amtskirche? Zumindest überlegenswert - und in meinen Augen alles andere als blasphemisch. Aber eben: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, ertönen wie üblich die empörten Rufe "Blasphemie", "Ketzerei" etc. Ein ähnlicher Ansatz liegt übrigens auch dem Bestseller "Das Jesus-Video" von Andreas Eschenbach zugrunde: Was wäre wenn ein "Zeitreisender" mit einer Videokamera im direkten Umfeld von Jesus Aufnahmen gemacht hätte und diese ein realistisches Bild dessen Wirkens und seiner Botschaften vermittelt hätten? Auch in diesem Thriller setzen die Kirchenoberen alles in Bewegung, um des Videos habhaft zu werden und seine Veröffentlichung zu verhindern. Warum nur? Sicher nicht, weil darauf blasphemischer Inhalt zu sehen gewesen wäre.
Mike Münzberg, Toffen



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Das aktuelle NZZ Folio "Wie wäre es, wenn ..." ist ganz ausgezeichnet. Gratulation und Merci.
Freddy Bösch, Langnau am Albis



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Fügen wir die verschiedenen Geschichten doch zusammen: Die Innerrhoder Neandertaler erklären ihre Unabhängigkeit und gewähren ihren Menschen erstmals Rechte, allerdings nur den männlichen. Die Europäische Zentralbank in Zürich gibt den Wechselkurs zwischen Euro und Taler frei, und Bankgesellschaft, Bankverein und Kreditanstalt streiten um neue Auslandskunden. Die Rhodair, 100%-Tochter von Swissair und Lufthansa, bedient von Schwende International Airport aus täglich Riga. Auf dem Säntis steht die stärkste Windturbine Europas, und die Biomassekonverter auf der Meglisalp exportieren Strom ins befreundete Umland. Gescheitert ist jedoch der Kleinstaaten-Verband: die Innerrhoder Regierung vergass, Bayern und Flandern an die Unabhängigkeitsfeiern einzuladen, deshalb grollen München und Brüssel. Und die Innerrhoder Velorennfahrer haben gegen Bündner Waden keine Chance. Gratulation zu einem brillanten Folio.
Hansjörg Blöchliger, Paris



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Was wäre, wenn... Es war wieder einmal ein Riesenspass, das Folio zu lesen. Man muss gar nicht so weit suchen, die Welt sähe aussenpolitisch und umweltpolitisch anders aus, wenn Gore anstelle von Bush gewählt worden wäre, er hatte ja das Volksmehr. Zürich sähe auch anders und besser aus, wenn das Volk damals die U-Bahn angenommen hätte und wenn es die Kleeblattinitiative nicht gegeben hätte. So wäre Zürich nicht mehr die einzige Stadt in Europa ohne Süd-und Westumfahrung. Wäre am Gotthard wenigstens der Sicherheitsstollen als dritte (nicht vierte) Spur ausgebaut worden und zwar von Anfang an, so hätte man immer in einer Richtung ein zweite Spur zur Verfügung gehabt. Dies nicht das ganze Jahr, aber bei hohem Verkehrsaufkommen und bei Unterhalt. Dies wäre vielleicht kein Problem gewesen, wenn BR Schlumpf nicht die Gotthard-NEAT systematisch blockiert hätte usw.
Roberto Neukom, Minusio



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Wenn es das ausgezeichnete NZZ-Folio nicht gäbe, wäre die Ausgabe 08/2008 nicht erschienen. Kein Schaden. Eigentlich ist es müssig, sich darüber zu unterhalten, was wäre wenn.....
F. Stutz, Wolfhausen



Zu Editorial - Vorwärts in die Vergangenheit - NZZ-Folio Was wäre wenn . . . (08/08)

Das August-Folio wurde von mir mit Begeisterung gelesen, sprich: verschlungen. Dabei fragte ich mich: Was wäre, wenn statt mit 28 männlichen und 4 weiblichen Beiträgen das Verhältnis, wenn nicht umgekehrt, so doch ausgeglichener ausgefallen wäre? Nun, vielleicht sind wir Frauen tatsächlich weniger anfällig für Utopien - wer weiss?
Verena Gautschi, Kriens



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Schon immer waren die Karikaturen von Gerhard Glück für mich das Tüpfchen auf dem i im NZZ Folio. Die Karikatur „Nach seiner Begnadigung heiratete Jesus …“ im August-Folio ist genial, voll hintergründiger theologischer Weisheit. Sie ist ein schönes Beispiel, wie Satire zu religiösen Fragen das Wesentliche einer Religion aufzeigen kann, ohne zu verletzen. Wie schön es ist, dass in unserem Land und unter Christen solches möglich ist!
Klaus Bäumlin, Bern



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Was wäre, wenn auf der letzten Seite unter "Cartoon" die Person Mohammed anstelle von der Person Jesus dargestellt worden wäre? Da wir wissen was Muhammed-Karikaturen in der islamischen Welt auslösen, braucht es weniger Mut eine Karikatur von Jesus im Folio zu drucken.
M.Kuhn, Russikon



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