Dubrovnik lebt in Erwartung. Nur zehn Kilometer vom östlichen Stadttor entfernt verläuft die Frontlinie. Entlang der Linie die Kanonen, auf die Stadt gerichtet. Seit bald einem Jahr unter Belagerung, mit schwerer Artillerie vom Land und von der See her beschossen und Luftangriffen ausgesetzt, lebt Dubrovnik weiter in Erwartung des Rückzugs jener, die im alten Stadtkern fast ein Drittel aller Häuser zerstört und in der nächsten Umgebung fast alle kleineren und grösseren Ortschaften niedergebrannt haben; die die Kunstschätze geraubt und die Kirche geschändet haben.
Das, was für Venedig der hl. Markus ist, das ist für Dubrovnik der hl. Blasius. In der Vergangenheit stellten die Bewohner die Statuen ihres Schutzpatrons überall dort auf, wo sie auf seine Hilfe hofften; sie stellten ihn auch dort auf, wo ihn der Feind sehen konnte, und dort, wo er die Stadtbewohner an den richtigen Weg erinnern sollte. Bemerkenswert ist der Spruch eines Stadtpredigers aus dem 18. Jahrhundert: dass der grösste Beweis für die wundertätige Kraft des hl. Blasius gerade die Tatsache ist, dass er seine Stadt auch dann beschützt, wenn ihr eine unfähige Regierung vorsteht, wenn die Stadtkasse leer ist, wenn ihre Beamten käuflich sind und auch wenn die Waffen für die Verteidigung nicht ausreichen.
An diese Worte über die eigene Schwäche, aber auch über den Schutz ihres Heiligen, erinnerten sich die Bewohner Dubrovniks, als sie, noch immer unter Belagerung, an den ersten demokratischen Wahlen nach 1989 teilnahmen - was jene über die Wahlen dachten, die Hab und Gut verloren hatten oder vertrieben wurden, sei dahingestellt. In das Ohr europäischer Gleichgültigkeit soll aber gesagt sein: die Frage Kroatiens und somit auch Dubrovniks bleibt offen. Es ist die Frage: Wohin geht Kroatien? Nach links? Nach rechts? Aber es geht weder nach links noch nach rechts. Kroatien verliert an Höhe; es sinkt ab.
Wenn von Höhe die Rede ist, dann muss man sagen, dass dieses Problem in Dubrovnik um so drängender ist, als die Stadt schon immer für ganz Kroatien den Boden unter den Füssen bedeutet hat. Sie war seine Piste zum Abheben. Zum Fliegen braucht man ja nicht nur Flügel, zum Fliegen braucht man auch Boden unter den Füssen. Dubrovnik erobern bedeutete Kroatien an seiner verwundbarsten Stelle und damit als Ganzes treffen. Solange Dubrovnik gefangen bleibt, kann Kroatien nicht zum Flug abheben. Diese Wahrheit haben auch jene im Land selbst nicht verstanden, die dem Kampf in der auch von Kroaten bewohnten Herzegowina mehr Bedeutung zumassen als der Befreiung Dubrovniks.
In der politischen Geographie Kroatiens ist Dubrovnik die entscheidende Stadt. Das hat schon im 10. Jahrhundert ein arabischer Geograph bemerkt, als er, die Gegend bereisend, festhielt: «Ragusium, das ist die erste Stadt Kroatiens.» In manchen Momenten des gegenwärtigen Belagerungszustands konnten die Bewohner Dubrovniks, während sie ohne Licht und ohne Wasser lebten, denken, ihre Stadt sei die letzte Kroatiens geworden; sie mussten annehmen, man hätte sie vergessen. Es ist schwierig, einem Feind namens Irrsinn Widerstand zu leisten. Den Bewohnern Dubrovniks fällt das um so schwerer, als sie im Laufe der Geschichte gelernt haben, allen Gefahren mit Hilfe von Vernunft und List zu begegnen.
Die Bewohner des alten Dubrovnik mussten jahrhundertelang den türkischen Herrschern in Istanbul Steuern entrichten. Mit diesem Geld erkauften sie sich die Freiheit - und den Respekt ihrer unmittelbaren Nachbarn vor der türkischen Zentralmacht. Auf diesem schmalen Streifen Erde war das anders nicht möglich. Die schweren Zeiten kamen erst mit dem 19. Jahrhundert, mit dem Wiener Kongress, mit der Eingliederung Dubrovniks in das Königreich Dalmatien und der engeren Bindung an Kroatien als Teil Österreich-Ungarns.
Auf den ersten Blick blieb zwar alles beim alten, aber die Stadt vegetierte nur noch vor sich hin. Sie blieb ohne ihr natürliches Hinterland, ohne Anschluss an die Herzegowina. Dubrovnik, das damals (wie heute) fast zu 90 Prozent eine kroatische Bevölkerung hatte, sah sich plötzlich ganz von Serben umgeben. Als Österreich Bosnien und Herzegowina seiner Kontrolle unterstellte, zuerst durch Okkupation, dann durch Annektierung, konnte man wieder von einer Blütezeit Dubrovniks reden; ebenfalls in der Zeit nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Stadt ein organischer Bestandteil Kroatiens geworden war und das Hinterland politische Stabilität gewann.
Im heutigen Krieg sieht Dubrovnik sich alleingelassen, und die Stadt wurde so zu einer leichten Beute. Der hl. Blasius hätte sie nicht nur vor den Angreifern schützen müssen, sondern auch vor der Unfähigkeit der eigenen Verteidiger, die es dem Feind erlaubten, bis in die Stadt vorzudringen. Es ist jetzt nicht unwichtig festzuhalten, dass Dubrovnik nach dieser schweren historischen Erfahrung sein künftiges Bestehen neu überdenken muss - angesichts einer Politik grossserbischer Ansprüche, die der Zivilisation abgeschworen hat und sich nur durch Waffen artikulieren kann. Doch in Dubrovnik ist das pragmatische Bewusstsein dafür vorhanden, dass das Leben - jenseits von Wahrheit und Schönheit - mit dem Nachbarn geteilt werden muss. Dieses Bewusstsein ist in jeden Stein der Stadt eingehauen. Nicht zufällig hat Dubrovnik in das Stadtbanner das Wort Libertas aufgenommen. Hier wurde die kroatische Demokratie geschmiedet, und es ist ein Ort, an dem die Kroaten durch die Jahrhunderte in ihrer Sprache regiert haben. Deswegen kann die Grenze an dieser Stelle nur wie eine dünne Haut sein, die zwar dem Körper Schutz gegen äussere Einflüsse bietet, gleichzeitig aber die Berührung mit der Umgebung ermöglicht.
Am 19. April 1993, um punkt Mitternacht, werden im Hafen von Venedig 500 Schriftsteller an Bord eines Schiffes gehen, um fünf Tage lang am Weltkongress des Pen-Klubs teilzunehmen. Dieses Treffen erinnert an den Pen-Kongress vor sechzig Jahren in Dubrovnik, an dem Ernst Toller zum Kampf gegen den Totalitarismus aufgerufen hat, an dem die nationalsozialistischen Schriftsteller von der Organisation ausgeschlossen wurden. Das Schiff wird alle Freunde Dubrovniks und Kroatiens und der freien Welt aufnehmen. Niemand wird ihm freie Fahrt gewähren müssen, denn dieses Schiff wird die Freiheit repräsentieren. Die Passagiere werden an der gleichen Stelle an Bord gehen, an der im Jahr 1525 ein Sohn Dubrovniks, Ivan Pavlovic-Polo, ein theatralisches Spektakel inszenierte, in dem die Elfen Lateinisch sprachen und der Teufel Kroatisch . . . Jene, die dann am 20. April in den Hafen von Dubrovnik einlaufen werden, werden eine zerstörte Stadt vorfinden, in der Kroatisch sprechende Märtyrer sie empfangen.
Slobodan Prosperov Novak lebt als Literaturprofessor und Essayist in Zagreb und präsidiert den kroatischen Pen-Klub.