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NZZ Folio 09/08 - Thema: Traumreisen Inhaltsverzeichnis
Heimweh nach der Hölle
© Arnon Grünberg, New York
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| «Eine Ahnung von Wahrheit»: Der Schriftsteller Arnon Grünberg mit Soldaten des ersten Platoons im sunnitischen Dreieck nördlich von Bagdad. |
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Der Irak ein Traumziel? Ich war auf Patrouille mit amerikanischen Soldaten im sunnitischen Dreieck – auf der Suche nach dem Glück unter Extrembedingungen.
Von Arnon Grünberg
Um sieben Uhr abends bricht im Irak die Dunkelheit ein, und mit der Dunkelheit beginnen die erträglichen Temperaturen. Um acht Uhr stehen wir abmarschbereit vor der Joint Security Station Saba al-Bor nördlich von Bagdad, um auf Patrouille zu gehen. Wir werden in die Dörfer Zaydan Jamil und Massara fahren, um nachzusehen, ob dort alles ruhig sei. Auch werden wir Iraker in ihren Häusern besuchen. Mir wird erklärt, dass sie das gewohnt sind: Besuch.
Wir, das ist der erste Platoon, eine Einheit unter dem Befehl von Lieutenant Mike Kaness. Ich krieche in ein gepanzertes Fahrzeug, einen Stryker. Ein Stryker ist nicht so gut wie ein MRAP, aber um Längen besser als ein Humvee. Wenn man mit einem auf eine Sprengladung fährt, ist man geliefert.
Was mache ich im Irak? Immer wieder hatte meine Mutter erklärt, sie sei in Auschwitz glücklich gewesen. Glücklicher als nach der Befreiung. Nun lässt sich der Besuch eines Schriftstellers in einem Krisengebiet nicht mit Auschwitz vergleichen, doch ich wollte wissen, was unter extremen Bedingungen Glücksgefühle auslöst, gesetzt den Fall, das Glück ist dort wirklich zu finden. Im Sommer 2006 hatte ich die niederländische Armee auf ihrer Mission in Afghanistan begleitet. Was ich dort nach einem Raketenangriff auf unsere Basis zum ersten Mal im Leben empfand, war ein alles durchdringendes Gefühl von Unverwundbarkeit. Doch solch ein Gefühl lässt nach. Wie Verliebtheit.
Im Herbst 2007 kehrte ich nach Afghanistan zurück, doch der Irak blieb mein Traumziel. Wer sich heutzutage mit dem Wesen des Kriegs beschäftigen will, kommt um den Irak nicht herum. Vielleicht gelänge es mir dort auch, meiner Mutter näherzukommen?
Als ich am Morgen zuvor zum ersten Mal auf Patrouille ging, zog der diensthabende Lieutenant ein verschweisstes Kärtchen von der Grösse einer Spielkarte hervor. Darauf stehen die Einsatzvorschriften, die «Rules of Engagement». Jeder Soldat trägt ein solches Kärtchen auf sich. Die Einsatzvorschriften besagen, wann man womit schiessen darf. Der Lieutenant rief: «Lasst uns zusammen die Einsatzvorschriften lesen, damit wir sie uns genau einprägen.» Darauf sagten die Soldaten, in Reih und Glied, das Kärtchen vor der Nase, die «Rules of Engagement» auf, als handle es sich um ein Gebet. Sergeant Charo sagt: «Bei Feuer bin ich für das Löschen verantwortlich. Ihr macht, dass ihr so schnell wie möglich aus der Kiste kommt. Wenn wir uns überschlagen, hältst du ihn fest. Und nicht loslassen, bis wir stillstehen.» Der Sergeant zeigt auf mich. Ich soll einen Soldaten festhalten, dessen Oberkörper aus einer Luke ragt. Ich bezweifle, dass es viel bringen wird, doch ich verspreche, mich im Bedarfsfall an ihn zu klammern, bis wir zum Stillstand gekommen sind. «Wenn wir auf eine Sprengladung geraten», sagt der Sergeant, «macht ihr, dass ihr hier rauskommt. Draussen sind Kameraden, die sich um euch kümmern.» An seiner Stimme ist zu hören, dass er bezweifelt, dass wir in solch einem Fall aus eigener Kraft aus dem Wagen kriechen könnten. Neben mir sitzt Sam, der Dolmetscher. Er ist 18 Jahre alt, sieht aber älter aus. Ich bin mit meinen 37 Jahren bei weitem der Älteste in unserer Gruppe.
In einem Dorf nicht weit von Saba al-Bor, das selbst auch nicht viel mehr ist als eine Ansammlung von Häusern, steigen wir aus. Es ist neun Uhr abends. Einige Soldaten tragen Nachtsichtgeräte. Wir bekommen ein Plasticröhrchen, das wir auf unserer Schutzweste festklemmen, damit die Soldaten mit ihren Nachtsichtgeräten uns von feindlichen Kämpfern unterscheiden können.
«Ausschwärmen», befiehlt der Lieutenant. Auf beiden Seiten des Weges gehen die Soldaten, in je etwa zehn Metern Abstand. Ich gehe innen. Ab und zu ruft mein Begleiter: «Langsamer!» Wir begegnen ein paar Jugendlichen. Ich drängle mich vor, um das Gespräch zu verfolgen. Das Englisch des Dolmetschers ist ziemlich gebrochen. Ich habe von Dolmetschern gehört, die erst anfingen, Englisch zu lernen, nachdem sie von der US-Armee eingestellt worden waren. «Wie geht’s?» fragt der Lieutenant. «Gut», sagen die Jugendlichen. «Was macht ihr hier?» fragt der Lieutenant. «Wir laufen ein bisschen herum», sagen sie. «Ihr solltet Basketball spielen», sagt der Lieutenant. «Ich sorge dafür, dass ihr einen Basketballplatz bekommt.»
Wir befinden uns immer noch im sogenannten sunnitischen Dreieck. Die US-Armee hat ein Budget für örtliche Infrastrukturmassnahmen. In Afghanistan habe ich miterlebt, wie ein niederländischer Major um eine einzige Taschenlampe für einen Polizeiposten feilschen musste. Die Amerikaner bevorzugen offenbar die grosse Geste. Wenn man die Bevölkerung schon kaufen muss, dann wenigstens richtig.
Der Weg ist ein Sandweg. Dahinter etwas, das wie Weideland aussieht. Wir dringen in ein Haus ein. Der Herr des Hauses scheint nicht überrascht. Er und der Lieutenant haben sich schon öfter gesehen. «Alles in Ordnung?» fragt der Lieutenant. Der Iraker nickt. «Fühlst du dich hier sicher?» will der Lieutenant wissen. Der Iraker nickt. «Irgendwelche al-Kaida gesehen?» – «Keine gesehen», sagt der Iraker. «Was machst du im Moment?» Der Mann antwortet, dass er gerade eine dritte Frau suche, weil er noch ein paar Kinder möchte. «Wie viele Kinder hast du?» fragt der Lieutenant. «Siebzehn», sagt der Mann.
Der erste Zug setzt seine nächtliche Patrouille fort. Der Lieutenant sagt: «Wir haben Glück. Seit ein paar Monaten ist es ruhig hier, aber unter der Oberfläche brodelt es.» Ich schaue zum Himmel. Der Mond leuchtet wundervoll. Wir nähern uns einem Haus. Auf der Veranda sitzen Männer auf einem Teppich. Der Scheich und seine Freunde geniessen die Abendluft. Manche Scheichs vertreten tausend Menschen und mehr, andere nur ein paar Dutzend. Wir vertreten Amerika. Vor kurzem hat ein Amerikaner im Irak auf einen Koran geschossen. «Er bringt alle seine Kameraden in Gefahr», sagten die Soldaten auf der Basis, wo ich untergebracht bin.
Der Scheich und seine Freunde laden uns zum Tee ein. Auf dem Teppich steht etwas, das aussieht wie ein Trinknapf für Hunde. Wie sich herausstellt, ist das Gefäss nicht für Hunde, sondern für Menschen. Der Lieutenant, ein Sergeant und ich legen unsere Helme ab. Die anderen bleiben weiter in Gefechtsbereitschaft.
«Wer ist das?» will der Scheich wissen. Er zeigt auf mich. Vielleicht denkt er, ich sei ein Agent des Mossad. Ich stelle mich vor. «Werden Sie an der Wahl teilnehmen?» frage ich den Scheich. Im Oktober finden im Irak Regionalwahlen statt, aber von Wahlen scheint der Scheich noch nie gehört zu haben. Seinem Gesichtsausdruck nach ist Demokratie für Menschen, was Flöhe für Hunde sind. «Das Problem», sagt der sunnitische Scheich, «ist Iran. Überall macht Iran Ärger. In Libanon, in Syrien, im Irak. Wir brauchen eine Regierung, der wir vertrauen können.» Vielleicht bedeutet Iran für ihn nicht nur Iran, sondern auch und vor allem: die Schiiten im Irak. Der Tee wird serviert. Der Scheich und seine Freunde wollen mit mir aufs Foto.
Ich lerne, dass man seine Hand aufs Herz legt, um deutlich zu machen, dass eine Begrüssung oder eine Dankesbezeugung ehrlich gemeint sind. Ich lege ständig die Hand aufs Herz. Ich bin dankbar für alles. In Anbetracht der Umstände ist der Abschied herzlich. «Vertraust du dem Scheich?» frage ich den Lieutenant. «Die meisten Scheichs», sagt er, «unterhalten Kontakte mit uns und der anderen Seite.»
Wir beenden die Patrouille in einem Lager der irakischen Armee. In der Baracke von Lieutenant Ahmed dürfen wir auf seinem Bett sitzen. Später befühlen seine Soldaten meine kugelsichere Weste und meinen Helm. Sie sind neidisch. Ihre Westen taugen nichts. Sie reden arabisch auf mich ein. Ich lege die Hand auf mein Herz.
An einem herrlichen Tag – die Temperaturen sind wieder weit über vierzig Grad – fahren wir ins Dorf Ali Hamid und verteilen Spielzeug an Kinder. Die Aktion findet vor dem Haus des Dorfältesten statt, er heisst Hussein Ali Hamid al-Lehebi. Die irakische Armee – in der Mehrzahl Schiiten – hilft uns bei der Aktion. Unter Anleitung der irakischen Helfer stellen sich die Kinder des Dorfes in Zweierreihen auf und treten dann nach vorn, um ihr Spielzeug und ihre Schokolade in Empfang zu nehmen. Aufgrund der Hitze ist die Schokolade im Nu geschmolzen, doch das stört die Festfreude nicht im geringsten. Hier in der Gegend operiert die Miliz der al-Sahwa («die Erweckung»), die die Amerikaner «Söhne Iraks» nennen. Die «Söhne Iraks» sind hauptsächlich irakische Sunniten, die zunächst gegen Bezahlung die Amerikaner bekämpften und dann für Geld damit aufhörten. Jetzt bewachen sie Viertel und Gebäude, besetzen Checkpoints oder verrichten andere nützliche Aufgaben. Trotzdem begegnet man in einem Dorf wie Ali Hamid immer noch Gruppen arbeitsloser Männer, die in Erwartung von irgendetwas vor ihren Häusern herumstehen.
Gewinn scheint an Orten wie diesen nur eine Neben-absicht wirtschaftlichen Handelns zu sein. Worum es eigentlich geht, ist, den Menschen – vor allem den Mann – zu beschäftigen. Wobei es kaum einen Unterschied macht, ob es sich dabei um den amerikanischen oder den irakischen Mann handelt, und zweifellos gälte für den niederländischen Mann hier das Gleiche.
Als das Spielzeug verteilt und alle Schokolade geschmolzen ist, lädt uns der Scheich zu einer Mahlzeit in sein Haus ein. Wir bekommen Fleischspiesse, saure Gurken, Tomatensalat und eine Art Fladenbrot – im Vergleich zum Kasernenessen eine wahre Festmahlzeit. Die Soldaten lassen es sich schmecken. Söhne des Scheichs stellen Fanta-Dosen auf den Tisch. Der Scheich selbst isst nicht, er schaut zu, wie seine Gäste essen. «Ihr wollt die Strasse asphaltieren lassen?» fragt der Lieutenant. Der Scheich nickt. «Welche Strassenseite sollen wir asphaltieren», will der Lieutenant wissen, «die linke oder die rechte?» Der Scheich denkt kurz nach und entscheidet sich dann für die rechte.
Danach gehen wir wieder ins Dorf. Wir haben noch mehr Geschenke zu verteilen. Unser Trupp betritt das Lebensmittelgeschäft. «Was braucht ihr?» fragt der Lieutenant den Besitzer, «neue Kühlschränke?» Der Besitzer nickt. Der Lieutenant schreibt etwas in sein Notizbuch. Mit grosszügigen Gesten macht man sich Freunde.
Gesegnet die, die abends auf Patrouille gehen müssen. Im Vergleich zu tagsüber ist es nachts angenehm, mit kugelsicherer Weste und Helm durch den Sand zu laufen. In aller Freundschaft sind wir ins Haus von Herrn al-Hamad eingedrungen. Ich gebe den Namen phonetisch wieder. Es ist schwierig, Namen in unser Alphabet zu übersetzen – ein Grund, warum die Amerikaner so viele Fotos machen und möglichst noch einen Iris-Scan.
Die Hunde haben angeschlagen. «Die Hunde verraten uns immer», meint ein Sergeant. Eine Weile hämmern wir an die Tür, dann endlich erscheint der Besitzer des Hauses. Herr al-Hamad bringt seine Kleidung in Ordnung. Aus der Küche huscht seine Frau schnell in ein anderes Zimmer. «Ah, ihr wart grade am Kindermachen», sagt der Lieutenant. Al-Hamad, ein Iraker mit gesunder Gesichtsfarbe und Schnurrbart, lächelt schelmisch. Er ist Beamter der irakischen Polizei, frisch verheiratet. Die Waffe des Hausherrn wird überprüft. Jeder Haushalt darf nur eine AK-47 besitzen. Herr al-Hamad will mir das Haus zeigen. In der Küche sagt er: «So kocht ein Iraker.» Im Wohnzimmer sagt er: «So wohnt ein Iraker.» Und im Schlafzimmer sagt er: «So schläft ein Iraker.»
Im Schlafzimmer steht ein Bett, in der Küche ein Herd, im Wohnzimmer liegt ein Teppich. Sonst ist zwischen den Räumen kein Unterschied zu erkennen. Der Lieutenant öffnet sein Notizbuch und nennt ein paar Namen, worauf al-Hamad ihm flüsternd Informationen zu den betreffenden Personen gibt. Jemand wird angerufen und steht binnen fünf Minuten im Flur. Als hätte er vor der Tür gewartet. Es kommt einem vor wie im Theater. Der Mann heisst Abu Abdallah und trägt traditionelle Kleidung. Ich darf ihm Fragen stellen. Dieselbe Geschichte: Iran ist der grosse Feind; Politikern kann man nicht trauen; der Irak braucht eine neue Armee. Zum Abschied umarme ich die Herren herzlich.
Draussen sagt der Lieutenant: «Dieser Abu Abdallah ist ein Terrorist. Beim nächsten Mal nehme ich ihn fest. Jetzt hatte ich zu wenig Beweise.» Der Dolmetscher sagt: «Er hat viele Schiiten ermordet.» Mir war aufgefallen, dass er seine Hand nicht aufs Herz legte, um seine Aufrichtigkeit zu bekräftigen. Ein ehrlicher Terrorist also. «Und Herr al-Hamad?» frage ich. «Der arbeitet mit jenen zusammen», sagt der Lieutenant, «vor denen er sich am meisten fürchtet.» Ein fester Glaube: Erst mein Leben, dann die Prinzipien.
Heute werden wir nicht ausrücken, um mit Irakern Tee zu trinken, heute werden wir Iraker festnehmen. Von Camp Fallahat aus fahren wir in ein relativ grün bewachsenes Dorf am Fluss – immer noch im sunnitischen Dreieck.
Im Fahrzeug muss ich an eine Geschichte denken, die ein Captain mir erzählte: Ein Soldat telefonierte mit seiner Freundin in den USA. Sie sagte, sie wolle mit ihm Schluss machen, es gebe jemand anderen. Noch am Telefon nahm der Soldat sein Gewehr, lud durch und schoss sich in den Mund. Selbstmord ist in der US-Armee ein ernstes Problem. Ein anderer sagte zu mir: «Danke, dass du dich für unseren Krieg interessierst. Unseren Frauen ist er mittlerweile ziemlich egal.» Dann denke ich an meine eigene Freundin, die mir am Telefon sagte: «Irgendwie wirst du für mich wie ein Gespenst. Manchmal denke ich tagelang nicht an dich.» Ich muss die Batterie meines Mobiltelefons schonen, ich kann nicht lang mit ihr sprechen.
Wir haben einen Spürhund für Sprengladungen dabei. Der Hund heisst Archie. Sergeant Ritt fragt mich: «Hast du ‹Fahrenheit 9/11› gesehen? Der Soldat im Film, der meinte, es sei so herrlich, durch Bagdad zu fahren und auf Iraker zu schiessen: Das war ich. Es hat mich Jahre verfolgt.» Ein Haus wird durchsucht. Ich muss im Garten bleiben. Ein Sergeant wirft eine leere Wasserflasche in den Lieferwagen der Hausbesitzer. Mein Begleiter Frieling sagt: «Macht nichts. Der Irak ist doch eine einzige Müllkippe.»
Als die Durchsuchung vorbei ist, sitzen drei Männer mit Plastic-Handschellen vor der Tür auf dem Boden. Man hat bei ihnen Material für Strassenbomben gefunden. Mit Sergeant Riff gehe ich zum Nachbarhaus, wo niemand festgenommen wird. Ein 54-jähriger Mann namens Adnan, von Beruf Mechaniker, erklärt: «Wir brauchen einen neuen Saddam. Ohne Diktator kommt ein Land wie unseres nicht wieder auf die Beine.»
«Möchte jemand noch etwas fragen?» fragt der Captain. «Ja», sagt ein Mann. «Warum habt ihr im Haus nebenan Gold gestohlen?» – «Wer sagt das?» will der Captain wissen. «Omar», sagt der Mann. Wie von der Tarantel gestochen rasen wir zum ersten Haus, wo die gefesselten jungen Männer inzwischen abgeführt worden sind. «Wo ist Omar?!» donnert der Captain. Ein dürrer Iraker kommt aus dem Haus. «Was für Geschichten erzählst du da?» brüllt der Captain. «Soll ich dich auch festnehmen lassen?» Eine alte Frau kommt jammernd auf die Strasse, in der Hand eine Tasche, in der, wie sie sagt, Gold gewesen sei. «Ich sage nicht, dass ihr das gemacht habt», sagt Omar, «aber die Soldaten der irakischen Armee.» Die irakische Armee unterstützt uns bei der Operation.
«Wir müssen das irgendwie lösen», sagt der Captain. «Wie viel haben wir dabei?» fragt er seinen Lieutenant. «Ungefähr 1600 Dollar», antwortet der Lieutenant. «Frag die Frau, wie viel ihr Gold wert war.» – «Ungefähr 1600 Dollar.» Sie bekommt 1600 Dollar. Der Captain sagt: «Und jetzt will ich nicht mehr hören, dass wir Gold stehlen. Jetzt will ich hören, dass die Coalition Forces phantastisch sind.» – «Ja, ja», sagt die alte Frau, «Gott ist gross.»
An meinem letzten Tag will mich Lieutenant-Colonel Thomas Mackey ins Sheikh Support Center mitnehmen. Dort treffen sich einmal pro Woche die Scheichs, die al-Sahwa unterstützen. Aus vermutlich pragmatischen Gründen arbeitet al-Sahwa mehr oder weniger mit den Amerikanern zusammen. Vor der Versammlung besuchen wir Scheich Nadim. Der erste Scheich mit Internetanschluss, dem ich hier begegne. Er ist Schiit in einer vorwiegend sunnitischen Umgebung und wird nachher die Versammlung leiten.
Lieutenant-Colonel Mackey sagt: «Wir haben von Informanten gehört, dass ein Anschlag auf Ihr Leben geplant sei. Natürlich werden wir alles tun, Sie zu beschützen.» – «Ich bin Gefahr gewohnt», antwortet der Scheich. Er raucht gierig Rothmans-Zigaretten. Zu mir sagt er: «Der Irak ist eine Stammesgesellschaft. Die Lösung für die Probleme muss bei den Stämmen gesucht werden.» Dann fahren wir zum Sheikh Support Center. Vor dem Gebäude begrüsst ein Mann den Lieutenant-Colonel. «Ich habe etwas für Sie», sagt er. Er holt einen Ring hervor. «Sie sind für mich wie ein Bruder.» – «Nimm’s nicht», flüstert der Dolmetscher Adam. Und halb an mich gewandt: «Der Mann versucht, ihn zu beeinflussen.» Zuerst sagt Mackey, dass er den Ring nicht annehmen könne. Doch zehn Sekunden später sehe ich, wie er ihn in seinem gepanzerten Fahrzeug verschwinden lässt. «Er hat den Ring doch genommen», sagt Adam desillusioniert.
Ich schaue Mackey an und denke an seinen neuen Ring. Später wird Mackey mir per E-Mail erklären, dass er irischer Abstammung sei und selbst nie mit leeren Händen zu Leuten gehe – den Ring habe er nur genommen, um den Iraker nicht vor den Kopf zu stossen. Er sei überzeugt, fügt er hinzu, dass der Ring nichts wert sei, doch er werde das sicherheitshalber noch einmal überprüfen lassen.
Wenn ich im Irak etwas gelernt habe, dann dies: dass alle Überzeugungen dem Streben nach Geld erwachsen und damit nach Macht. Bei meiner Rückkehr nach New York sagt mir ein guter Freund, dem ich regelmässig schreibe: «Deine Nachrichten aus dem Irak klangen so traurig.» – «Oh», sage ich, «ich hab mir solche Mühe gegeben, in meinen Mails an dich fröhlich zu klingen. Ich dachte, das hätte geklappt.»
Das Glück meiner Mutter, das sie nach ihren Worten seit Auschwitz nicht mehr gefunden hat, habe ich im Irak nicht finden können.
Eines Abend gehe ich mit meiner Freundin bei einem Italiener zum Lunch. Nach dem Risotto sagt sie: «Ich muss dir was erzählen. Ich bin fremdgegangen.» – «Wann?» frage ich. «Am 30. Mai», sagt sie. Am 30. Mai – da war ich im Irak. In Gedanken sehe ich nicht meine Freundin mit einem fremden Mann, ich sehe den Irak, Lieutenant Kaness, den Übersetzer Sam, die Nachtpatrouillen, meinen Schlafsack. «Er hat bei mir geschlafen», sagt meine Freundin, «am Morgen haben wir’s noch mal gemacht. Ich weiss nicht, ob du das wissen willst. Willst du das wissen?»
Ich habe keine Antwort auf diese Frage, ich denke an die Soldaten, für die die Front sich nicht im Irak zu befinden schien, sondern irgendwo in den USA, zu Hause. Ich denke an die Soldaten, die heulend am Telefon sassen, während ich daneben meinen Artikel ins Notebook tippte und mir Mühe gab, ihr Heulen zu ignorieren.
Im Irak bin ich meiner Mutter genauso wenig nähergekommen wie meiner Freundin. Trotzdem fliege ich in ein paar Monaten wieder hin. Der Irak lässt einen nicht mehr los. Was ich im Irak gefunden habe, ist, um es mit den Worten des russischen Schriftstellers Isaak Babel zu sagen: «eine Ahnung von Wahrheit».
Arnon Grünberg ist Schriftsteller; er lebt in New York. Zuletzt von ihm erschienen ist der Roman «Tirza», Diogenes, 2008. Übersetzung: Rainer Kersten, Berlin.
Leserbriefe:
Zu Heimweh nach der Hölle - NZZ-Folio Traumreisen (09/08)
Nummer eins Ihrer «Traumreisen» ist offenbar eine Reise in den Irak. Ist da Albtraumreise nicht zutreffender? E. M. Milz, Zollikon
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