NZZ Folio 12/08 - Thema: Geschwister   Inhaltsverzeichnis

Der Bruder der Schwester

© Suzanne Schwiertz, Zürich.
Nicht immer klar, wer sich für wen mehr verantwortlich fühlt: Nicolas und Chantal Galladé. Linktext
Schon als Teenager traten sie der SP bei: Chantal Galladé, Erziehungswissenschafterin und Nationalrätin, und Nicolas Galladé, Kantonsrat und Kampagnenleiter.

Von Daniel Weber

Chantal Galladé, 35

Als Nicolas sieben war, kannte er die Namen aller Länder und Hauptstädte der Welt. Er hat ein Mammutgedächtnis, kombiniert blitzschnell und ist zudem ein Rhetoriktalent. Zu seiner Genialität gehört aber auch das Nicht-Konstante. Einerseits ist er ruhiger als ich, ausgleichend, der integrativste Mensch, den ich kenne. Er ist kein Opportunist, aber er kommt mit allen gut aus. Andererseits stresst er durchs Leben, er kann einfach nicht Nein sagen, lässt sich alles mögliche aufhalsen. Und macht dann alles auf den letzten Drücker – er kennt die Öffnungszeiten jedes Dringlichkeitsschalters. Aber pfuschen tut er nie!

Als er als Baby aus dem Spital kam, war ich zweieinhalb und freute mich wahnsinnig. Weil wir eine kleine Wohnung hatten, stand sein Stubenwagen in meinem Zimmer. Eifersüchtig war ich nie auf ihn, ich sah mich als seine Beschützerin. Das nervt ihn heute manchmal an mir, weil wir diesem Schema nicht immer entkommen. Heute spricht er viel, aber als Kind war er scheu, ein bisschen ein Träumer. Ich war gern seine grosse Schwester.

Wir haben noch eine zehn Jahre ältere Schwester, die früh selber ein Kind hatte und von zu Hause auszog. Unser Vater war nicht gross präsent im Familienalltag. Eigentlich lebten wir als Dreierteam mit der Mutter. Sie war nicht autoritär, wir durften früh mitbestimmen. Wir konnten uns alle zwei Jahre Ferien leisten, und als Nicolas zwölf war, kam er mit dem Vorschlag: Wir gehen nach Moskau. Nicolas war der Jüngste in der Reisegruppe, aber er wusste alles und musste ständig Auskunft geben.

Streit? Hatten wir eigentlich nie. Wir wuchsen auf im Bewusstsein: Wir alle, meine Schwester und ihre Familie eingeschlossen, müssen zusammenhalten. Gerade auch, nachdem sich unser Vater das Leben genommen hatte, da war ich elf. Darum standen Nicolas und ich auch nie in einem Konkurrenzverhältnis. Wir waren beide an derselben Schule, machten beide die kaufmännische Berufslehre und später die Matur für Erwachsene. Wir waren nicht unzertrennlich, aber wir haben viel zusammen unternommen. Er hat mir jede seiner Freundinnen vorgestellt. Ich glaube, es war ihm wichtig, dass ich sie mochte. Als Erwachsene haben wir dann auch noch sechs Jahre lang zusammen mit anderen bei meiner Mutter in einer WG gewohnt.

Die Politik war unser gemeinsames Projekt. Als Kinder engagierten wir uns für den Natur- und Tierschutz, machten mit meiner Freundin eine Quartierzeitung – Nicolas konnte noch kaum schreiben. Wir wollten immer etwas bewirken. Wir durften auch die Stimmzettel meiner Mutter und meiner Grossmutter ausfüllen. Als wir der SP beitraten, war ich 18, Nicolas 16. Was wir im Elternhaus vorgelebt bekamen, waren Zivilcourage und ein starkes Gerechtigkeitsgefühl. Meine Mutter konnte nie vorbeigehen und nichts sagen, wenn irgendwo etwas Ungerechtes passierte.

Früher war ich oft mit Nicolas im Ausgang hier in Winterthur. Er kennt jeden und geht gern unter die Leute. Seit ich meine Tochter Aline habe, sehen wir uns weniger. An Familienanlässen natürlich, im Zug nach Bern – er ist ja auch an jeder Session im Bundeshaus –, an politischen Veranstaltungen. Aber wir telefonieren oft. Ich würde ihn auch freiwillig unter allen Menschen als kleinen Bruder auswählen. In die Quere gekommen sind wir uns in der Politik nie. Als Partei- und Fraktionspräsident hat Nicolas eine ganz andere Rolle als ich. Er ist stark im Parteiapparat engagiert, ich bin eher die Parlamentarierin. Er ist diplomatischer, hat auch manchmal Angst, dass ich in ein Fettnäpfchen trete, und findet, ich handle mir unnötig Ärger ein. Heute fühlt wohl eher er sich verantwortlich für mich als umgekehrt.

Nicolas Galladé, 33

Chantal weiss, was sie will, und zieht es auch durch. Sie ist offen, pflegt einen grossen Bekanntenkreis, aber wenn ihr danach ist, zieht sie sich zurück. Ich bin der kleine Bruder, das ist man ein Leben lang, das holt man nie auf. Sie hat als grosse Schwester fürsorglich zu mir geschaut, das ist meine frühste Erinnerung an sie. Sie spielte viel mit mir und brachte mir früh Rechnen und Schreiben bei.

Ich hatte nie das Gefühl, nicht für voll genommen zu werden. Sie hat mich in meiner Entwicklung nicht behindert, hat mich nicht bemuttert. Von unserer Mutter wurden wir gleichwertig behandelt. Chantal und ich haben uns nie um ein Stück Schokolade gestritten, sondern ehr- und redlich geteilt. Ihre Pubertät war markanter als meine. Das ist überhaupt so in ihrem Leben: Sie durchläuft markantere, einschneidendere Phasen als ich.

Um zwei Jahre zeitverschoben haben wir den gleichen Weg gemacht, vom Kindergarten bis zur Maturität. Aber es gab schon Unterschiede: Nach dem ersten Tag in der Berufslehre kam Chantal nach Hause und sagte: Das ist furchtbar, das mach ich nicht mit. Sie war viel zu lebendig für den Bürobetrieb, hats dann aber durchgezogen. Ich konnte mich da besser einordnen, das passte besser zu mir. Eigentlich hatte ich ja Glück, jemanden zu haben, der erzählen konnte, wie das so läuft. Als Problem habe ich es jedenfalls nie empfunden. Und es hiess ja auch nie: O je, da kommt noch mal jemand von der Sorte.

Für Politik habe ich mich schon früh interessiert. Seit ich acht war, habe ich täglich die Zeitung gelesen und viel Fernsehen geschaut. Tierschutz, Dritte Welt, Tschernobyl – das hat uns beide politisiert. Entscheidend war dann der Jugoslawienkrieg. Als wir hörten, dass Waffen in den Balkan geliefert wurden, sagten wir uns: Jetzt machen wir eine Initiative für ein Waffenexportverbot. Und ein paar Tage später lancierte die SP genau diese Initiative. Darauf wurden wir beide SP-Mitglied.

Dann kamen 1994 die Wahlen fürs Winterthurer Stadtparlament. Sie war jene, die sich exponierte, die sich vorne hinstellte. Ich war dabei, aber im Hintergrund. Sie trat sehr gut auf, so kam ihre Karriere in Gang, die sie in den Kantons- und den Nationalrat führte. Ich verspürte nie das Gefühl von Rivalität. Ich bin stolz auf das, was sie macht. Mir entsprach es mehr, mich in den Dienst der Partei zu stellen, während sie sich auf Themen wie die Bildungspolitik konzentrierte. Ich wollte in der Lokalpolitik aktiv sein, das passte zu mir, ich bin extrem in Winterthur verwurzelt, wo ich Gemeinderat und Parteipräsident wurde.

Während sie schon nach ihrem ersten Tag im Parlament mit Foto in der Zeitung stand, wartete ich zuerst einmal ein halbes Jahr, bis ich im Gemeinderat etwas sagte. Mit ihrem Naturell eckt sie viel mehr an als ich. Sie hat auch mehr Neider – mich nimmt man dagegen wahr als Helfer, nicht als Konkurrenten. Mit Chantal war ich immer auf gleicher Augenhöhe. Unsere Ansichten decken sich etwa zu 95 Prozent, bei den restlichen 5 Prozent bin ich eher auf der Parteilinie als sie, etwa bei der Verwahrungsinitiative, die die SP ablehnt. Aber grundsätzlich beraten und unterstützen wir uns gegenseitig, wo wir können. Da ist es dann nicht immer so klar, wer sich für wen mehr verantwortlich fühlt.

Am meisten von ihr profitiert habe ich, als wir zusammen in einer WG wohnten. Sie hat da viel gegrübelt und alles hinterfragt, wir haben nächtelang diskutiert. Das hat mich geprägt. Klar, sagt man noch heute immer wieder, wenn man meinen Namen hört: Aha, du bist doch der… – Ja, sage ich dann, ich bin der Bruder der Schwester.

Daniel Weber ist Redaktionsleiter von NZZ Folio. Er ist Einzelkind.



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