NZZ Folio 02/99 - Thema: Nano!   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Dorotheas Raum

© Christian Känzig
Die 29jährige Dorothea Niklaus, die in Bern das Restaurant Schütti führt, wohnt mit ihrem Freund in der alten Stadtmühle an der Wasserwerkgasse im Berner Mattenquartier. Linktext
Von Lilli Binzegger

«OB DIE PROPORTIONEN einer Wohnung stimmen, merkst du erst, wenn du drin wohnst. Und hier ist wirklich alles total gut. Das fägt. Die anderen Zimmer sind zwar klein, aber mehr braucht es nicht. In Blockwohnungen hast du ein Riesenschlafzimmer, wo du nie bist, und dafür eine Küche, in der du dich nicht umdrehen kannst.

Soviel ich weiss, war das hier früher das Mehllager der alten Stadtmühle. Als wir die Decke herrichteten, kam jedenfalls jede Menge Mehl herunter. Anfangs war da überhaupt nichts, kein Wasser, kein Strom, auch keine Wände. Ein einziger grosser Raum, etwa 110 Quadratmeter. Chrigu und ich haben mit der Spraydose auf dem Boden den Grundriss entworfen, zwei Arbeitszimmer, ein Schlafzimmer, ein Bad, und dann während zweier Monate gemauert und verputzt und gestrichen, bevor wir einziehen konnten. Nur das Elektrische und die sanitären Anlagen liessen wir machen, das hätten wir nicht gekonnt. Wir hatten extrem knapp Stutz. Wir pumpten uns 20 000 Franken, und davon räumte allein der Sanitär fast die Hälfte ab. Badewanne, Waschmaschine, Lavabo, Herd, Kühlschrank haben wir alles vom Ghüder. Die Möbel? Also das war der Esstisch von meiner Mutter. Die Stühle habe ich geklaut, in einer Beiz. Die standen dort in einem Schopf herum, man hatte sie durch Plasticstühle ersetzt. Den Rasenteppich habe ich nach dem Einzug gekauft und rund zugeschnitten. Eigentlich wollten wir einen Tonplattenboden. Aber dann ging uns der Stutz aus.

Das «Wasserwerk», der Club unten, ist laut, vor allem, wenn Disco ist, vor allem die Bässe. So um zehn Uhr abends fängt es an. Während der Woche bis zwei, am Wochenende bis vier. Es stört mich nicht, weil es absolut meinem Lebensrhythmus entspricht. Wenn es nicht so wäre, dann wäre es ein Horror. Das ist es auch, wenn man nur schon mal zwei Tage krank ist. Dann ist es recht ätzend. Auch der ganze Siff im Treppenhaus, da stinkt es gäng wie ne More. Wenn du am Samstag morgen zur Türe hinaus gehst, schlägt dir der kalte Rauch entgegen. Und wenn ich am Freitag nachts heimkomme, muss ich mich unten im Eingang manchmal durch eine Meute hindurchkämpfen, bevor ich in die Wohnung hinauf kann.

Aber die Vorteile sind extrem überwiegend. Dass ich ein normales Leben führen kann, duschen kann, wenn ich von der Arbeit heimkomme, herumgehen, kochen, Leute einladen. Da triffst du auf dem Heimweg vielleicht ja noch jemanden und willst nicht in eine Bar. Die Lokale sind schon gut, aber wenn du morgens um zwei vom Bügle kommst, bist du noch aufgedreht, und wenn du dann in eine Bar kommst, und alle hängen schon in den Seilen - mit der Zeit hast du das einfach gesehen. Hier kannst du noch Musik obtun und musst nicht einen Augenblick fürchten, dass du jemanden stören könntest. Ich komme ja nicht von der Party heim, ich komme vom Schaffen, dann ist es einfach extrem mühsam, wenn du nur noch herumschleichen kannst. Darum bin ich auch mehrmals umgezogen, ich hatte so genug davon. Eigentlich habe ich Kindergärtnerin gelernt, aber nicht eine Stunde im Beruf gearbeitet. Ich war nie tagaktiv und wollte schon als Kind nie früh ins Bett. Ich brauche nicht viel Schlaf, mit sechs Stunden komme ich locker aus.

Ich wohne mit meinem Freund hier. Chrigu ist Jugendarbeiter und hat einen ähnlichen Lebensrhythmus. Nicht ganz so extrem verschoben wie ich, sonst würden wir uns ja gar nie sehen. Und zwei Katzen, Susi und Fritz. Die gehen hier ein und aus, ich treffe sie manchmal irgendwo im Quartier an. Katzen sind eine angenehme Gesellschaft. Wenn du da am Tisch sitzt und Zeitung liest und die auch herumhängen, das gibt einfach eine gute Stimmung.

Hier drin ist immer aufgeräumt. In Sachen Ordnung müssen wir eine Mitte finden, Chrigu und ich. Er ist der Ordentliche von uns beiden. Bei mir im Zimmer ist immer alles verstreut, aber ich finde alles. Ich finde nichts, wenn ich aufgeräumt habe. Ich kann alles lange herumliegen lassen, und es stört mich nicht. Und irgend einmal stört es mich, und dann mache ich eine Grossaktion, und nachher ist alles fort.

Vorher habe ich in einem sogenannten Atelier gewohnt, eigentlich eher ein Keller. Keine Fenster. Es war irgendwie noch heiss, aber nicht wirklich zum Wohnen. Es war stockfinster, ich habe dort etwa doppelt soviel Strom gebraucht wie hier. Das WC war auf dem Gang, und ich musste es auch noch mit einem Psychiater teilen. Hier hat es von morgens bis in den Nachmittag hinein Sonne, und wir sehen über die Dächer der alten Leinenweberei hinweg hinüber ans andere Aareufer mit den Bäumen, die sich mit den Jahreszeiten verändern. Zur anderen Seite ist eine schmale Gasse. Dort sehen wir voll in eine Wohnung hinein. Wir winken einander manchmal, kennen einander aber nicht. Zu dieser Seite hin ist es ziemlich laut, wenn die unten auf der Gasse reden, hörst du hier jedes Wort.

So luxuriös habe ich noch nie gewohnt. Es ist auch nicht billig. Stadt Bern, Industriequartier, Mattenquartier, an der Aare, das alles ist halt edel. Aber mir ist Wohnen dermassen wichtig, dass ich den Preis in Kauf nehme. Und zur «Schütti», der Beiz, die ich seit bald sechs Jahren führe, ist es nur drei Minuten von hier. Es ist eine kleine Essbeiz, 28 Plätze, ein Schlauch. Gemischtes Publikum, die meisten zwischen 30 und 50. Es ist eng, und du hockst selten allein an einem Tisch. Es läuft sehr gut, gäng wie besser.»


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.