BERTHOLD ROTHSCHILD, PSYCHOLOGE UND PSYCHIATER:
Ein moderner Mensch - no nonsense. Alles Überflüssige ist weggelassen. Die Wohnung, sie steht im hablichen Vorort einer Stadt, dient als geräumiges Modul für die sich darin bewegenden Menschen, nicht als Selbstzweck. Eine Einzelperson verleiht dieser Wohnung ihren Charakter, eventuelle Partner werden sich in vielen Dingen dem Spiritus loci anzupassen haben. Er oder sie liebt das schlichte Holz, seine klaren Flächen, keine Schnörkel, es soll den Besuchern klar werden, dass der Besitzer eindeutige und eigenwillige Ideen und Vorstellungen hat. Nichts ist dem Zufall überlassen.
Anders als in den meisten Wohnungen wird hier mit der Einrichtung willentlich keine Geschichte erzählt, vielmehr soll auf eine bestimmte Lebensweise hingewiesen werden. «Orthodoxe Moderne» wird hier vorgeführt. Angestrengtes Cool-Sein? Jedenfalls bleibt Raum und Platz für die Wendung nach jetzt und aussen - zur Natur, zur Gegenwart, zum Gegenüber, vielleicht gar zum Spirituellen. Heute beim Nachtessen zu viert wird es angeregte Gespräche, wenn nicht gar gemessene Ausgelassenheit geben. Besser ist's dann, für die Gäste ein Taxi zu bestellen.
JEAN-PIERRE DOVAT, DESIGNER UND INNENARCHITEKT:
Hallo, ist jemand zu Hause? Lebt hier ein menschliches Wesen? Wenn ja, dann muss es sich um einen Zen-Mönch handeln. Die schwarzen Kutten auf dem Kleiderständer sehen ganz danach aus und passen ausgezeichnet zu den Steinbrocken auf dem Fenstersims des Wohnzimmers. In reduzierter Form findet auch das Essen statt, wie das stilvolle, jedoch karge Gedeck andeutet.
Die Wohnung ist nach den zeitgemässen Kriterien des guten Geschmacks eingerichtet: cool und puristisch. Nichts deutet auf die Vergangenheit hin und wenig auf ein bisschen aktuelles Leben. Schade. Der oder die Bewohner lassen sich, trotz dem vermeintlich avantgardistischen Anstrich, auf keinerlei Risiken ein. Alles ist neutral. Bei näherer Betrachtung allerdings will die äussere Hülle - ein ältliches Mietshaus mit viel Grün vor den Fenstern und wahrscheinlich geschwätzigen Nachbarn, die durchs Guckloch spähen - nicht recht zur inneren Askese der Einrichtung passen. Ein seltsamer Gegensatz.
Die geometrischen, hellen Holzmöbel sind formschön und von ansprechender Qualität. In Kombination mit den hellen Wänden und den hellen Böden wirkt der Gesamtcharakter dieser Wohnung jedoch ein wenig unpersönlich und langweilig. Dabei gäbe es wunderbare Weissschattierungen, die hier in Kombination mit Naturmaterialien - Leinen, Ramie oder Seide - zum Einsatz kommen könnten. Das würde dem eigentlichen Ambiente keinen Abbruch tun, sondern einfach für ein wenig Pep sorgen. Mit Licht und Schatten liesse sich ebenfalls einiges ausrichten. Ach ja: die Radiatoren müssen unbedingt abgedeckt werden.
. . . und wer wirklich darin wohnt
CHRISTA DE CAROUGE, MODEMACHERIN, GESCHIEDEN:
In meinen eigenen vier Wänden lebe ich so, wie ich bin: ehrlich. Die Radiatoren würde ich nie im Leben abdecken. Die sind da, warum soll man sie nicht zeigen? Alles andere wäre mir zu gekünstelt. Licht und Sonne sorgen spontan für verschiedene Weisstöne in den Räumen, und schöne Schattenspiele habe ich an den Wänden, das glaubt man gar nicht.
Die Einrichtung muss bei mir neutral sein, damit der Mensch und seine Handlungen zur Geltung kommen. In der Grümpelkammer, einem Zimmer, das ich abschliesse, lagert alles, was mich verwirren und stören würde. Nippes und Dekorationen mag ich nicht, Bilder langweilen mich schnell. Wenn ich etwas in dieser Art geschenkt bekomme - was inzwischen gottlob selten der Fall ist -, gebe ich es sofort weg. Die Erinnerungen sind in meinem Kopf und in meinem Herzen.
In dieser Wohnung herrscht Ruhe. Visuell und akustisch. Einen Fernseher besitze ich nicht. Nur so kann ich mich entspannen und die Sinne wieder nach aussen richten. Das altmodische Haus im Zürcher Seefeld, es stammt aus den dreissiger Jahren, gefällt mir darum so gut, weil es einen Hof gibt, in dem Kinder spielen, man hört durch die offenen Fenster das Klappern von Geschirr. Am Morgen riecht es nach frisch gebackenem Brot, denn im unteren Stock befindet sich eine Bäckerei.
Auch diese Dinge gehören zu meiner Wohnsituation. Man sagt mir nach, eine Puristin zu sein. Mit diesem Begriff verbinde ich keine negativen Eigenschaften. Selbst sehe ich mich als lustbetonten Menschen. Qualität - schöne Stoffe und Materialien, gutes Essen - ist mir in allen Belangen wichtig. Das Reduzierte ist eine logische Konsequenz davon. Meinen grossen Freundeskreis bekoche ich am langen Tisch mit währschaften, einfachen, aber einwandfreien Dingen: einer Butterrösti, einer schönen Käseplatte mit gutem Wein.
Habe ich völlig freie Zeit, halte ich mich am liebsten im Bett auf, einem Futon, der gelegentlich durch ein richtiges «Näscht» ersetzt werden könnte. Ach ja: nach vierzehn Jahren als beinharter Single gibt es neu einen wunderbaren Mann in meinem Leben. Er hat die Wohnungseinrichtung in dem Sinn verändert, dass jetzt ab und zu grosse Rosensträusse auf dem Tisch stehen.