WENN DAS FAHLE Morgenlicht die Nacht verdrängt, weicht auch die Stille: Mit Zwitschern und Pfeifen teilen die Vögel den Artgenossen ihren territorialen Anspruch oder die sexuelle Verfügbarkeit mit. Je grösser der Lebensraum eines Tieres, desto schwieriger die Kommunikation. So muss der Hirsch schon tüchtig röhren, will er im grossen Bergwald gehört werden. Und das Brüllen des Löwen trägt kilometerweit.
Der Mensch als Erforscher der Tierwelt nahm lange Zeit nur wahr, was er mit seinen eigenen Sinnen erfassen kann. Dass sich die Fledermäuse im Dunkeln mit Hilfe von Ultraschallsignalen orientieren, merkten die Zoologen erst, als spezielle Mikrophone den Schallbereich oberhalb des menschlichen Hörens erschlossen. Von Natur aus fremd ist uns auch die Unterwasserwelt. Scheinbar Ort des grossen Schweigens, kennt das Meer selbst in dunkler Tiefe Leben. Was unweigerlich die Frage aufwirft, wie sich die Tiere dort orientieren und wie sie kommunizieren. In den sechziger Jahren machten der amerikanische Meeresbiologe Roger Payne und seine Frau Katharine die sensationelle Entdeckung, dass Buckelwale nicht nur Töne produzieren, sondern ganze Lieder singen. Mit Unterwassermikrophonen zeichneten sie die Lieder verschiedener Wale in unterschiedlichen Revieren auf. Was erst wie unstrukturiertes Grunzen, Grollen, Klagen und Trompeten erschien, entpuppte sich bei sorgfältiger Analyse als ein langes Lied mit mehreren Strophen. Das ganze Lied dauert einige Minuten bis eine halbe Stunde. Und der Buckelwal kann pausenlos viele Stunden lang singen; der längste registrierte Gesang endete erst nach 22 Stunden.
Bald schon entdeckte man weitere marine Tonkünstler. Der Finnwal sendet sehr tiefe Brummlaute aus, die der Verständigung und möglicherweise auch der Echolotorientierung im trüben Wasser dienen. Delphine verwenden Ultraschall-Ortungsklicks zum Erkennen von Freund und Feind. Sie nutzen zudem zur Kommunikation eine ganze Palette von Pfeif- und Zwitscherlauten. Mit speziellen Signalpfiffen wird zur koordinierten Jagd auf Fischschwärme geblasen. Wie die einzelnen Meeressäuger ihre Töne produzieren und die Schallsignale empfangen, ist noch weitgehend unbekannt. Bei den Delphinen dürften die Ortungsklicks durch schnelle Luftbewegungen in den Luftsäcken des Oberkopfs entstehen und durch die «Melone», ein ölgefülltes Stirnorgan, zum engen Strahlenbündel fokussiert werden.
Der uns seltsam anrührende Sirenengesang der Buckelwale faszinierte auf Schallplatten bald ein breites Publikum. Und die Forscher wurden laufend aufs neue akustisch überrascht. So singen die Wale in den Gewässern von Bermuda alle das gleiche Lied; die Wale in Hawaii aber haben einen andern Dialekt. Gesungen wird jedoch nur im winterlichen Paarungsgebiet in den südlichen Gewässern. Im Sommer, nach der Wanderung zu den Futterplätzen im arktischen Norden, verstummen die Tiere. Zurück im Süden, nehmen die Buckelwale das Lied des vorangegangenen Winters wieder auf, ändern dann aber sukzessive einzelne Teile der Strophen.
Nach bisheriger Beobachtung singen bei den Buckelwalen die Männchen. Es besteht die Vermutung, dass sie damit den Weibchen über grosse Distanzen ihre Paarungsbereitschaft mitteilen. Sicher dienen die akustischen Signale der Wale aber auch dem Zusammenhalt der Gruppe, denn ohne effizientes Nachrichtennetz müssten sich die Tiere auf der Tausende von Kilometern langen Saisonwanderung verlieren. Über welche Distanzen funktioniert die Walkommunikation? Die Antworten der einzelnen Fachleute sind alles andere als schlüssig.
Da direkte Messungen über grosse Distanzen fehlen, wurden nach der Stärke der ausgesendeten Laute und den akustischen Eigenschaften der Meere die maximalen Reichweiten theoretisch berechnet. Man hat bei Buckelwalen Tonstärken von über 150 Dezibel in unmittelbarer Nähe des Tieres gemessen. Ein solcher Laut dürfte noch in 20 Kilometern Entfernung wahrnehmbar sein, wobei jedoch weitgehend unbekannt ist, wie empfindlich das akustische Empfangsorgan der Wale ist. Der Narwal sendet sogar mit einer Schallstärke von gegen 220 Dezibel ein Stakkato räumlich eng gebündelter Klicks im hohen Ultraschallbereich von 50 Kilohertz. Dies dürften die lautesten Schallsignale im Reich der Tiere sein - möglicherweise eine akustische Mordwaffe, mit der der Narwal seine Fischbeute betäubt.
Je tiefer der Ton, desto weiter trägt er. Aus physikalischen Gründen leitet Wasser den Schall viermal schneller als Luft. Die sehr lauten Brummtöne der Finnwale haben die extrem tiefe Frequenz von etwa 20 Hertz, also 20 Schwingungen pro Sekunde, und die Wissenschafter schätzen, dass diese Tonsignale bis 80 Kilometer weit reichen könnten. Oder sogar viele Hunderte von Kilometern, denn in den Tiefen der Ozeane gibt es dort, wo Wasserdichte, Temperatur und Salzgehalt in bestimmter Art zusammenspielen, Zonen mit besonders hoher akustischer Leitfähigkeit. Solche Tiefwasser-Schallkanäle können sich über sehr grosse Distanzen erstrecken. Ob allerdings die Spekulation gewisser Forscher zutrifft, die Finnwale und andere grosse Wale überbrückten mit solcher Telekommunikation Tausende von Kilometern, ist sehr fraglich. Schön ist der Gedanke allemal, die prächtigen Riesen pflegten in den Tiefen der Ozeane weltweite Dialoge und ein transozeanisches Liedersingen.
1984 stiess Katharine Payne in weiteres akustisches Neuland vor. Beim Beobachten von drei Elefantenmüttern mit ihren Kälbern im Zoo von Portland (Oregon) nahm sie plötzlich ein Grollen wie von einem fernen Gewitter wahr. Sie spürte im Raum ein kaum merkliches Vibrieren, das sich pulsförmig wiederholte. Katharine erinnerte sich, wie sie als Kind in der Kirche neben der grossen Orgelpfeife eine ganz ähnliche Empfindung gehabt hatte. Sollten sich die Elefanten neben ihrem bekannten Trompeten und Brummen auch mit Infraschall verständigen, mit Tönen also, die unterhalb des menschlichen Hörbereichs liegen?
Mit einem Team von Biologen und Akustikspezialisten machte Katharine Payne monatelang im Elefantengehege Tonaufnahmen. Das Resultat überstieg die kühnsten Vermutungen: Auf den Bändern fanden sich neben den vom menschlichen Ohr wahrnehmbaren Elefantengeräuschen doppelt so viele zusätzliche Laute mit Frequenzen zwischen 14 und 35 Hertz, also mehr oder weniger weit unterhalb des menschlichen Hörbereichs. Solche Tieftöne pflanzen sich auch im Wald und im Grasland gut über längere Distanzen fort. Liegt in solchen Ferngesprächen allenfalls die Erklärung für die rätselhafte Koordination des Elefantenverhaltens, selbst wenn die Tiere viele Kilometer voneinander entfernt sind und sich nicht sehen können? Und informiert so das Weibchen, das in den Weiten der Savanne ein männerfernes Leben führt, alle vier oder fünf Jahre die Bullen, dass jetzt für ein paar Tage Herrenbesuch willkommen ist?
Zusammen mit verschiedenen Forschergruppen untersuchte Katharine Payne in Kenya und in Namibia die akustische Kommunikation wildlebender Elefanten. Heraus kam, dass ein Weibchen, sobald es brünstig geworden ist, ein langsames, sehr tiefes Grollen anstimmt, sachte lauter und höher singt und schliesslich wieder zu tieferer Tonlage zurückkehrt. Das Liebeslied dauert etwa eine halbe Stunde. Noch bevor der Tag zu Ende ist, sind dann aus allen Richtungen die Bullen da und liegen sich nun wegen der Dame in den Stosszähnen.
Schliesslich registrierten die Zoologen von einem Beobachtungsturm aus im offenen Gelände das Tierverhalten in weitem Umkreis sowohl mit Videoaufnahmen wie mit an verschiedener Stelle im Feld installierten Mikrophonen. Das Ergebnis: Ein Wasserloch, das tagelang unbeachtet war, erhielt den Besuch einer Elefantengruppe. Das Durstlöschen ging mit etlichem Elefantenkommentar von sich, und bald schon tauchten von überall her weitere Gruppen von Dickhäutern beim kostbaren Wasser auf. Ebenfalls war zu beobachten, dass Dutzende von Elefanten mitten in ihrer Aktivität plötzlich erstarrten - offensichtlich, um weit entfernte Töne besser hören zu können.
Ein Experiment lieferte den direkten Beweis. Man hatte den Brunftruf eines Weibchens auf Band aufgezeichnet und spielte ihn von einem Fahrzeug per Lautsprecher vier Kilometer vom Beobachtungsturm entfernt wieder ab. Kaum war der Sender aktiv, stutzten zwei Männchen, die vom Turm aus zu sehen waren. Sie spreizten weit die Ohren und lauschten regungslos. Dann bewegten sie sich dezidiert in Richtung des Lautsprecherwagens, der unsichtbar in der Ferne wartete. Nach zehn Minuten Eilmarsch näherten sich die beiden Riesen dem Lautsprecher. Dieser hatte mittlerweile sein Locken wohlweislich eingestellt, und die Bullen stapften am Fahrzeug vorbei weiter in Richtung des lustvollen Versprechens.