«FUCKIN' THE HOLE!!!»
«. . . akin dä ouu . . .» Der afroamerikanische Master of Ceremony ist unzufrieden: «Louder, muthafuckers!!!» Die Kids im Saal sind begeistert: «Akkkin dä ouuuuu!!!»
«Verstehst du, was er da sagt?» frage ich die Wollmütze vor meinem Gesicht. «Nö, aber der Sound ist fett.»
Ich gehe an die Bar und ordere einen Espresso. Die junge Frau neben mir, sie ist vielleicht achtzehn und balanciert den Bund ihrer sensationell unförmigen Hose auf der äussersten Hüftkante, kauft eine Cola light. Ruedi, der Barmann, seufzt. «Cola light . . .», er schiebt den Plasticbecher über den Tresen und sagt zu mir, «weisst du noch, früher . . .?»
«Imperialistengesöff. Geh' zu McDonald's, du Tröte.» Die junge Frau schaut mich irritiert an: «Entschuldigung, wie meinen Sie das?»
EntschuldigungwiemeinenSiedas.
Louis, wie er vor der versammelten Belegschaft des alternativen Kulturzentrums zum rhetorischen K. o. ausholte: Nicaragua, Ronald Reagan, Coca-Cola.
«Akkkin dä ouuuu!!!»
«Gefällt dir der Sprachkurs dort drinnen?» frage ich die junge Frau. Sie schnappt sich ihre Cola light, und ab durch die Schwingtür.
«Zwingli, du bist ein alter Mann», sagt Ruedi.
«HIP HOP ist mehr als Musik», belehrt mich Luki, während er sich den Schweiss aus dem Nacken wischt. Luki ist neunzehn, arbeitslos und Breakdancer. Jeden Dienstagabend trifft er sich mit seiner Crew zum Training im grossen Saal des Quartiertreffs. «Hip Hop ist auch mehr als eine Mischung aus DJ, Rap, Breakdance, Graffiti. Hip Hop ist eine Einstellungssache. Kultur und so.»
Ein Typ im Volleyballerformat, eins neunzig, die Baseballmütze in die Stirn gezogen, tritt in den Saal. «Hey, Adi, kommst aber spät.» Die Jungs kneten sich zur Begrüssung die Hände. «Angefangen hat es ja 1976, da tauchten in Philadelphia die ersten tags auf, diese verschlungenen Schriftzüge. In New York wissen sie selber nicht recht, wer der erste writer war, ob Supercool 223 oder Tacki 183 - sie haben einfach ihre Hausnummer überall hingesprayt. Aber ganz am Anfang von Hip Hop stand das Problem mit den Gangs im Ghetto. Deshalb gründete Afrika Bambaataa die Zulu Nation. Das war eine Organisation, die versuchte, die Jugendlichen von der Gewalt wegzubringen. Statt euch gegenseitig abzuknallen, sagte Africa, würdet ihr doch gescheiter mit Tanzen oder mit guten Reimen beweisen, wer der Bessere ist. Sich an den Parties übertrumpfen, das ist Wettbewerb im kreativen Sinn.»
Die Jungs aus Lukis Crew nicken beipflichtend.
«Die Situation hier kannst du natürlich nicht mit Amerika vergleichen. Bei den Kids dort kam zuerst einmal das Überleben und dann erst der Hip Hop. Hier in der Schweiz ist es genau umgekehrt: man lebt zuerst den Hip Hop und macht dann nichts mehr. Weil wir hier eh ein Sozialsystem haben. Man geht aufs Sozialamt und bekommt Geld - in Amerika bekommt man drei Essensmarken und den Schuh in den Arsch. Darum kann man das Zeug hier auch viel fanatischer durchziehen.»
Eine junge Frau mit langem Rossschwanz setzt sich zu uns. «Interview oder was?» Sie rümpft die Nase. «Da hatten wir aber schlechte Erfahrungen.» Ich frage, wieso. «Nur weil ein paar Möngis Stress machten, hiess es dann in den Medien: das ist Hip Hop. Echt Scheiss.»
«Das war wegen der Szene vor dem McDonald's beim Globus», mischt sich Küde ein, «da kamen so ein paar Affen und machten auf Drogen.»
«Okay, da hatte es zum Teil recht krasse Zombies dabei. Die waren wirklich verwirrt . . .»
«. . . und die haben die Szene kaputt gemacht. Der eine Teil hat sich umgebracht, ein anderer ist im Knast gelandet, der dritte im Heim. Da sind jene abgestürzt. Zürich war mal mega. Jetzt haben wir eine zersplitterte Szene. Sie entwickelt sich aber wieder.»
Adi reicht mir die Cola-Flasche: «Im Moment sind die Leute im Hip Hop so zwischen 14 und 30. Und es kommen immer neue dazu. Die Alten sind heute zum Teil Familienväter, aber sie breaken oder mixen immer noch. Oder malen noch, illegal.»
«Ja, die Alten!» schnödet Luki, «da fehlt manchmal schon der Respekt. Sie wollen die Jungen nicht ranlassen, sie wollen nicht, dass die Jüngeren besser werden als sie.»
«Die Jungen können natürlich von dem profitieren, was die Alten aufgebaut haben. Das darf man nie vergessen, man muss den Alten schon auch dankbar sein.»
DIE HIP-HOP-REVOLUTION. 1982 verliess er in Vinyl gepresst das «schwarze» Ghetto in der Bronx, New York, und kam in die Welt: Grand Master Flash's Hit «The Message». Der Rap, die rhythmisch gesprochenen Worte, war in aller Ohren: «Dont push me / 'cause / I'm close to the / eeedge . . .» Die Popmusikgemeinde, die in den frühen achtziger Jahren nach dem Schema des kalten Krieges in (kritische Links-)«Radikale» und (angepasste Freizeit-)«Konsumenten» geschieden wurde, reagierte auf den Hit, wie es zu erwarten war: die «Radikalen» störten die Anklänge an den «unpolitischen» Discosound, wurden aber durch den Text wieder versöhnt. Die «Konsumenten» fanden zwar den Sound heiss, hatten aber etwas Mühe mit dem Text; das war Ghetto-CNN mit Berichten aus dem Alltag in der Bronx: «Du wächst auf im Ghetto, zweite Klass', und deine Augen singen 'n Lied vom tiefen Hass . . .»
Was allerdings von diesen und jenen zunächst kaum wahrgenommen wurde: Die Disc Jockeys in der Bronx - Kool DJ Herc, Afrika Bambaataa und Grand Master Flash - zeigten einen völlig neuen Umgang mit den Plattenspielern. Bis dahin hatte der Job des DJ darin bestanden, am Ende eines Stücks möglichst sanft in das nächste überzublenden. Kool DJ Herc bemerkte jedoch, dass die Kids auf der Tanzfläche vor allem auf bestimmte Stellen reagierten, die Breaks. Also besorgte er sich dieselbe Platte zweimal und spielte bloss noch die beliebten Breaks, indem er zwischen den beiden gleichen Platten hin- und herwechselte: die Erfindung der Breakcuts.
Grand Master Flash verfeinerte diese Technik und mixte unterschiedliche Musikstücke zu völlig neuen Soundcollagen zusammen. Irgendwann verzichtete er auch darauf, die Übergänge zu kaschieren, er machte sie hörbar: das giftige Geräusch der Nadel in der Rille - scratch. Unversehens war der DJ nicht mehr bloss der stille Scheibenreiter im Hintergrund, er war ein Organisator der Klänge geworden, ein Produzent, der neue Sounds kreiert. Das war revolutionär, Musik-Musik, das Aus für den instrumentalen Rock. Kids, die den Pop-Ruhm suchen, greifen spätestens seit den späten Achtzigern nicht mehr zwangsläufig zur Gitarre, sie träumen von zwei Technics-Plattenspielern und einem Dancefloor, auf dem das Publikum zu ihrem mixing ausrastet.
IN DIE SCHLAGZEILEN der hiesigen Presse kam Hip Hop aber nicht, weil eine neue Musik ihren Siegeszug um die Welt angetreten hatte. Hip Hop, das hiess Homeboys, und Homeboys, da waren sich Polizei und Jugendexperten einig, bedeuteten Schmierereien und Gewalt. Psychologen und Juristen schrieben Analysen mit Titeln wie: «Skateboard, Breakdance und rohe Gewalt» oder «Sachbeschädigung in Millionenhöhe durch Sprayen». Die «Homies»: die bösen Buben der Neunziger.
«Das war vor allem in den Jahren 1988 bis 1992, 1992 und 1993 fanden die letzten grösseren Strafverfahren statt», sagt mir der Chef des Jugenddienstes der Stadtpolizei Zürich am Telefon. «Damals haben wir alle Sachbeschädigungen registriert, die Sprayereien, die tags, kopiert und durch Vergleiche versucht, den Tätern auf die Spur zu kommen.» Die solchermassen aufgespürten writer nahmen sich jedoch Anwälte und behaupteten, die tags seien nicht von ihnen, sondern jemand anderer habe sie kopiert. «Heute muss man die Sprayer in flagranti erwischen. Die Streifenpolizisten halten nachts immer wieder Jugendliche an, die mit Rucksäcken unterwegs sind. Aber wenn die Düsen ihrer Spraydosen nicht benutzt sind, kann man nichts machen. Manchmal auch nicht, wenn sie benutzt wurden - sogar die Stadt Zürich vergibt gut bezahlte Aufträge, um Unterführungen zu bemalen.»
Ich lasse mich mit dem Tiefbauamt verbinden. Man verweist mich an den zuständigen Beamten für den Kreis West. «Es lohnt sich, diese Leute zu akzeptieren, dann verläuft das Ganze in geordneten Bahnen. Wir organisieren selber Sprayaktionen und vergeben Aufträge an die Jugendlichen - so können sie etwas verdienen. Und das spricht sich dann herum. Es gibt in meinem ganzen Kreis gar nicht so viele Unterführungen wie Leute, die uns fragen, ob sie etwas bemalen können - wir können richtiggehend auswählen. Natürlich ist das nicht unbedingt meine Aufgabe, aber ich denke, man kann da etwas Gutes machen mit den Jungen, und das ist besser, als sie zu verteufeln.»
DER LADEN befindet sich in einem älteren Gebäude. Die Registrierkasse auf dem Tisch, daneben leere ColaBüchsen. Mannshohe Gestelle, fein säuberlich gefüllt mit Spraydosen in allen Farben, verstopfen das Lokal. Die Homies liegen in Stühlen und auf einem abgewetzten Sofa und lesen sich mit dem neuesten Szene-Fanzine «tag um tag illegale Handlungen» durch den Donnerstagnachmittag.
Herbie und André? «Treppe runter.»
Der Keller unterscheidet sich nur dank den von Platten überquellenden Sperrholzkisten an der einen Wand von einer abgetakelten Bar. Und es stehen keine Whiskyflaschen in den Gestellen hinter dem Tresen. Irgendwo spuckt eine Kaffeemaschine heisses Wasser in einen Filter. Ich setze mich auf einen der hochbeinigen Hocker. Ich bin der einzige Kunde. Aus dem angrenzenden Lagerraum dringt der Geruch von Farbe.
Herbie und André, die beiden Chefs des Ladens, sind 27 und 29 Jahre alt.
André: «Wir machen den Laden erst seit Mitte Januar. Ich war vorher arbeitslos, Herbie auch. Jetzt müssen wir schauen, ob er läuft. Das werden wir aber erst in zwei Jahren sehen. Psychisch rentiert er sicher, wir können den Leuten etwas beibringen, ihnen sagen, wo's lang geht.»
Herbie: «Es sind die Älteren, die heute in der Hip- Hop-Szene das Ganze ein wenig in den Händen haben und darauf achten, dass die Sache nicht vom Weg abkommt. Bei der Musik geht es ja immer auch um Geld. Die Jungen werden von der Musikindustrie und der Werbung beeinflusst. Deshalb braucht es starke Leute, die dem etwas entgegenhalten.»
André: «Das sieht man bei Techno und House: einfach die Sache reinziehen, und am Montag gehen sie wieder ins Büro arbeiten. Hip Hop dagegen soll die Kreativität der Leute anregen. Dass sie nicht nur immer zu Hause vor dem TV hocken und dann am Wochenende an diese und jene Party gehen, sich den Sound reinlassen und all diese Pillen, sprich Ecstasy. Beim Hip Hop und vor allem beim Rap geht es um Kommunikation, es geht um Texte, um Botschaften. Bei der anderen Musik, die im Moment top ist, spielt das eine geringere Rolle. Da geht es mehr um Stimulation durch Schall.»
Herbie holt eine Kanne dampfenden Kaffee: «Coffee Break!» Schmunzeln. Coffee Break ist der Name der Internet-Homepage von Afrika Bambaataa.
«Auch die Hip-Hop-Szene lebt von Aktivisten, die etwas machen, und von Konsumenten, die dafür bezahlen. Im Limmathaus gab es letztes Jahr eine Rap-Grossveranstaltung, gesponsert von Puma und was weiss ich für Marken. Wenn es nun so eine Grossveranstaltung gibt, dann kommen die vielen Konsumenten und zahlen ihre 35 Hämmer. Dieses Geld fliesst aber nicht zurück in die Szene, wo es eigentlich hingehört. Solche Sachen sollte man boykottieren.»
«Diese Grossanlässe verkommen regelmässig zu Kopfnickerparties. Die Leute stehen rum und nicken mit dem Kopf. Tanzen tut eh niemand. Erst recht, seit der harte New-York-Sound so gepusht wird: 90 Schläge pro Minute, gähn, da schläft man ja ein. Ich fühle mich wohler an kleinen Anlässen. Das Ganze wird sowieso vor allem in den Kellern weiterleben.»
FASH: zwanzig Meter breit, drei Meter hoch - vier gestylte Buchstaben, an der Stirnseite des Zürcher Hauptbahnhofes. Silbern schimmern sie im Nachthimmel hoch über dem Bahnhofquai. Jay deutet mit dem Kinn auf die Styles: «Krass, megamega - das musst du dir mal bewusst überlegen. Den Bahnhof hier voll gebombt. Totale Psychos. Respekt.»
Jay lotst mich zu einer Hip-Hop-Party in einem der Gewerbegebäude bei den Geleisen. Er ist gelernter Elektromonteur und geht seit seinem Lehrabschluss vor zwei Jahren stempeln: «Das Problem hier in Zürich ist das Verhältnis der Hip Hopper untereinander. Ich lebe nach der Old School, also nach Grandmaster Flash und Zulu Nation. New School, das ganze Gangstergehabe, das wieder in Mode gekommen ist - sich herumprügeln, den bösen Blick machen, das Hosenbein raufkrempeln und rumhinken -, das ist echt Quatsch.»
«Rumhinken?» frage ich.
«Wenn du Hip Hopper beobachtest, dann merkst du, dass einige von ihnen einen speziellen Gehstil haben: sie hinken - das ist cooles Gehen, das kommt aus Amerika. Die Polizisten in New York tragen diese langen Knüppel mit dem quer abstehenden Seitengriff; wenn du davonrennst, werfen sie den Knüppel, er verfängt sich zwischen den Beinen und knackt dir das Knie. Darum ist es Mode geworden, so zu gehen, wie wenn du ein kaputtes Knie hättest. Dann gibt's noch den Hänge-Style: die Hosen ganz weit unten tragen. Das ist der Gefängnisstil, weil man im Gefängnis keinen Gürtel hat.»
Wir kreuzen eine Gruppe von Kids. Jay steuert auf sie zu und drückt ihnen Flyers in die Hand, kleine, farbig bedruckte Einladungen für eine Hip-Hop-Party. Dann sind wir da. Industriegelände, Zweckbauten, Beton. Neben dem Eingang zum Lagerhaus ein kleines Kästchen. Jay hackt den Code in die Tasten, und die Tür springt auf. Wir steigen einige Etagen höher. Rauchgeruch, dumpfe Bässe, Gelächter.
Der Raum ist klein, aber nicht zu voll. Einige Homies hängen in einem alten Sofa und plaudern, ein kleines Grüppchen amüsiert sich beim Würfeln auf dem improvisierten Tischchen für die beiden Technics-Plattenspieler. DJ Herbie steht, den Kopfhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, gebückt über seinen Kisten und durchwühlt die Platten. Ein Joint dampft. Jay wird enthusiastisch begrüsst: «Hey man!» AM FENSTER steht ein unauffälliger junger Mann, vielleicht 24 Jahre alt, und schaut auf die Geleiselandschaft im Flutlicht hinunter. Die letzten Züge werden eingefahren. Jay zieht mich am Ärmel. «Das ist Ferrari, der kann dir was erzählen.»
Ferrari nickt. «Hallo!»
Wir gehen zusammen nach draussen. Es ist eine milde Nacht. Bahnhofsgeräusche.
«Hip Hop, das ist für mich malen. Ich liebe Graffiti. Ich finde auch breaken geil und die, die mixen und alles, aber für mich ist das Malen das Geilste. So bin ich auch dazugekommen, nicht durch den Hip Hop zum Malen, sondern umgekehrt. 1984 habe ich den Film <Wildstyle> mit Fab 5 Fredy gesehen, und der hat mich umgehauen. Ich zog los und begann zu malen, allein. Während etwa fünf Jahren. Was ich damals machte, war natürlich nicht gut. Früher hattest du eben nicht so locker Informationen wie heute. Du musstest alles selber lernen. Du hattest nichts, vor allem kein Geld. Ich holte mir die Spraydosen in der Migros. Heute bekommst du alles in unserem Laden, zu einem guten Preis.
Heute gibt es viele, die Bildchen malen, irgendwelche Gesichter. Aber für mich ist Graffiti: Buchstaben schreiben, writen. Letztlich geht es darum, deinen Namen zu schreiben, deine Buchstaben, und darum, dass du einen guten Style hast. Was ich erreichen will, ist ein eigener Stil mit Buchstaben, denen man sofort ansieht, dass sie von mir sind, egal, welches Wort ich schreibe. Aber bis du das schaffst, geht es lange.
Wenn heute Leute 7000 legale Wände machen, an denen sie 30 Stunden dran sind, dann ist das schon schön. Aber das ist nicht Graffiti. Das ist so Möchtegern-Kunst. Richtiges Graffiti ist illegal. Für mich hat das mit Protest zu tun. Ich will nicht, dass irgendein Spiesser daran vorbeilatscht und denkt: Oh, wie schön. Wenn er denkt: Scheisse! dann ist es gut.
Die message des Graffiti ist, zu sagen und zu zeigen, dass du da bist, dass es dich gibt. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das zu zeigen: entweder du willst schockieren, oder du willst es auf eine schöne Art machen. Ich will zeigen, dass ich der Beste bin, der Härteste. Denn das Ganze ist ein Wettbewerb. Am meisten Respekt bekommst du, wenn du dort malst - möglichst riesengross -, wo es praktisch unmöglich ist. Je grösser das Risiko ist, desto mehr Respekt bekommst du.
Zürich ist eine typische Bomberstadt. So hart wie Zürich ist keine Stadt, was das Bomben anbelangt.»
Bomben?
«Bomben. Das kommt von den Spraydosen: Illegal sprayen. Zürich ist da knallhart, vor allem die Strassenbilder. Basel ist mehr Style. So an der Bahnlinie, da ist es friedlich. Es ist aber etwas ganz anderes, wenn du in ein paar Minuten ein Bild machen musst das ist brutal. Dann kannst du nicht lange mit Färbchen rumspritzen, dann nimmst du Silber. Silber deckt besser als alle anderen Farben, und es geht schneller. Es sticht auch mehr heraus als Rot oder Grün.
In Zürich ist es heute extrem. Wenn mir vor fünf Jahren jemand gesagt hätte, was es heute für Sachen gibt, hätte ich ihn ausgelacht. Ich meine, was FASH am Bahnhof gemacht hat, das ist unglaublich. Nur schon bis die dort oben waren, brauchten sie eineinhalb Stunden. Das ist total psycho. Du musst das Gebäude vollkommen kennen. Die Leute sind so fanatisch, das kann man sich gar nicht vorstellen.
Aber die Besten sind für mich jene, die Trains machen, die an die Züge gehen. Das sind die grössten Psychos. Die Verfolgung ist krass, und wenn sie dich schnallen, dann gehst du gleich in U-Haft mit Hausdurchsuchung und so Scheiss. Und du zahlst extrem viel. Was die durchmachen, die auf Züge losgehen, kann ein normaler Mensch gar nicht begreifen. Es gibt solche, die hocken drei Nächte auf einem Baum, um zu sehen, wann man eine Viertelstunde malen gehen kann. In Worten kannst du das nicht erklären. Das ist ein Gefühl. Wenn ich nicht mehr bomben könnte, würde ich wahrscheinlich durchdrehen. Bomben ist für mich Hip Hop, nicht Kleider anziehen und so tun wie in <Yo!-MTV>. Das sind für mich Bauern. Nichts begriffen.
Manchmal frage ich mich selber: Wozu mache ich das? Ich will zeigen, dass es mich gibt.»
Marcel Zwingli, Zürich, ist freier Journalist und Filmer.