DIGITALE SCHLÖSSER und Riegel, Wälle und Wächter sind wohlfeil sonder Zahl. Sicherheit verkauft sich gut, aber Sicherheiten gibt es keine. Der Webmaster E. japste nach Luft, als er folgende E-Mail bekam: «Ihre Site», schrieb ein guter Mensch, «ist komplett offen. Damit meine ich, dass jeder, ich wiederhole: jeder Ihre Internetseiten herunterladen, verändern und wieder abspeichern kann. Ich präzisiere: alle Ihre Seiten!» Daran angeschlossen war ein Consulting-Angebot.
Wenn sie gross genug sind, werden Peinlichkeiten alt. Noch nach Jahren holen sie ihre Verursacher aus dem Schlaf, baden sie in Schweiss, stürzen sie ins Elend. Was ist so schlimm? Ein Kontrollverlust ist zu verbuchen. Das gibt keine gute Bilanz in einer Branche, in der man alles im Griff zu haben hat. Verwechslung, Übertreibung, Ungeschick – Peinlichkeiten entstehen aus Komödienbestandteilen, als Kontrapunkt zur Perfektion.
Egal, ob der gute Mensch doch nicht so gut war oder E. naiv, ob ein Systemchen das System irritiert hat oder nicht – Sicherheit ist eine Frage der Einstellungen.
Default-Werte sind immer grün und deshalb zu meiden. Sie gestatten eine Bequemlichkeit, die Bert Brecht gefallen hätte: jeder Empfänger ein Sender, der Sender ein Empfänger. Brecht’sche Server existieren, weil der Mensch nach dem Auspacken anfangen möchte. Zuerst kommt das Einschalten, dann die Moral.
Und E.s Anwort auf zu wenig? Mehr! Whitelisting für Do’s, Blacklisting für Dont’s. Tägliches Studium der Logfiles, der einschlägigen Literatur, der bald aktendicken Sicherheitsrichtlinie. Aber Brecht’sche Server gibt es auch, weil der Mensch müde wird und vergisst. Zum Beispiel den grauen Server, der ausgemustert, aber nie abgeholt wurde. Dort kriecht der aktuelle Wurm hinein, und schon ist das Netz fort.
Am nächsten Tag ist immer Expertentag. Da meldet sich das bessere Wissen. Das Land sei weitgehend verschont geblieben, erklärt der gute Mensch im TV. Nur «semiprofessionelle Installationen» seien betroffen. In so einem Moment ballt auch einer wie E. die Faust, und das Proletariat lässt grüssen.