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Unter die Haut
Reines Blendwerk oder wirkungsvolle Substanz? Bei Kosmetikprodukten sind Goldpartikeln in Nanogrösse der letzte Schrei.
Von Olaf Tarmas
Ob Gold gut für die Haut ist? Sehen Sie doch: Da liegt sie, nackt, schön und tot auf Nullnullsiebens Bett – das Bond-Girl Jill, erstickt an einer Ganzkörpermaske aus flüssigem Gold. Auch wenn diese Mordvariante aus «Goldfinger» nur eine Filmlegende ist (in Wirklichkeit würde keine Frau durch eine derartige Goldbepinselung auch nur in Atemnot geraten) – es war doch das Einzige, was uns jahrzehntelang zum Thema «Gold und Haut» einfiel.
Bis dieser neue Trend kam. Plötzlich hiess es, es gebe kaum etwas Besseres für die Haut. Gold sei «anti-irritativ», versetze den Zellen kleine «Energieimpulse», stoppe gar den Kollagenabbau. Hersteller von Estée Lauder über Julisis bis La Prairie versahen Kosmetika mit dem edlen Stoff, von der Feuchtigkeitscrème bis zum Anti-Aging-Gel. Yves Saint Laurent brachte einen Lippenstift mit Goldpartikeln auf den Markt.
Im Unterschied zur «Goldfinger»-Behandlung wird hier äusserst zurückhaltend dosiert: Der Anteil der Partikeln in den Produkten bewegt sich im Promillebereich. Teuer sind sie trotzdem: Eine Ampulle «Cellular Radiance Concentrate Pure Gold» von La Prairie kostet umgerechnet 780 Franken.
Doch das ist eine Kundin wie Natascha Kindermann sich wert. Jeden Morgen massiert die 47-Jährige mit sanftem Druck das Anti-Aging-Serum mit 24-karätigem Gold auf Stirn- und Gesichtshaut. Zwei Tropfen der Gel-artigen, mit winzigen, schimmernden Partikeln versehenen Flüssigkeit aus der Pipette genügen. «Die Falten gehen davon nicht weg», sagt die Russin, die seit 22 Jahren in Deutschland lebt. «Aber ich sehe sie nicht mehr, wenn ich das Serum aufgetragen habe. Das ist wichtig für meine Stimmung.»
Sie sitzt bei einem Cappuccino in der Nobelparfumerie Hamburger Hof, lässig-teuer gekleidet in Jeans und Wildlederjacke mit Pelzbesatz, am Ringfinger funkeln Weissgold und Brillanten. Nein, zu teuer sei das Schönheitsgel nicht. «Immerhin reicht es sechs Wochen.» Die Stammkundin hat in der Parfumerie am Hamburger Jungfernstieg fast schon Hausrecht. Mit den Verkäuferinnen ist sie auf du und du, man kennt sich seit über zehn Jahren. Sie darf in der Parfumerie sogar tun, was ihr in jeder Hamburger Kneipe verwehrt würde: ihre Marlboro rauchen. Über die Entwicklung des aktuellen Goldtrends weiss sie besser Bescheid als ihre Beraterin. «Vor fünf Jahren gab es die erste Crèmekombination mit Gold und Silber», erinnert sich Kindermann, «Gold für den Tag, das entsprach der Sonne, Silber für die Nacht – wie das Mondlicht.» Schon damals probierte sie die Crème aus. Überzeugt hat die sie nicht: «Das war so ein Bioprodukt, nicht ganz ausgereift. Es wurde schnell schlecht und roch dann ein wenig.»
Nach der müffelnden Biocrème mit der esoterisch anmutenden Produktprosa («direkter Einfluss auf das Herzchakra») lag das Feld der Goldkosmetik für einige Zeit brach. Ab 2007 entwickelte sich ein neuer Trend zu Schönheitsprodukten mit Edelzutaten: Kaviar, Diamantstaub – und Gold. Dieses Mal waren auch die grossen Hersteller mit von der Partie. Neu war, dass das Gold jetzt auch unter die Haut ging: Die Nanopartikel sind klein genug, um in die Hautzellen einzudringen. Doch was bewirkt es dort?
Unbestritten sind die Make-up-Qualitäten von Gold. «Goldpartikeln, die an der Oberfläche bleiben, lassen die Haut durch Reflexion glatter und strahlender erscheinen», bestätigt der Kosmetikwissenschafter Nils Krüger von der Universität Hamburg. «Dazu gibt es einschlägige Studien.» Zwar lasse sich dieser Effekt auch durch goldfarbene Pigmente erreichen, aber das Edelmetall habe den Vorteil, dass es schon in extrem niedriger Dosierung im Promillebereich sichtbar sei.
Abgesehen von dieser Oberflächenwirkung ist Gold Dermatologen als Wirkstoff bisher nicht aufgefallen. Unter den 7000 (!) Inhaltsstoffen der «International Nomenclature of Cosmetic Ingredients», der offiziellen Liste der wichtigsten Kosmetikzutaten, taucht Gold überhaupt nicht auf. Zwar gibt es durchaus Metalle, die positive Wirkungen auf die Haut haben, etwa Silber oder Kupfer. Gold dagegen ist für Krüger «kein Stoff, von dem bis anhin bekannt wäre, dass der Körper ihn in irgendeiner Form verwenden könnte». Im Gegensatz zu den zahlreichen Studien über Anti-Aging-Wirkstoffe kennt der Experte keine überzeugende Untersuchung, die belegen würde, dass Gold in der Haut eine positive Wirkung hat. Im Gegenteil: In der Chirurgie sind Goldfäden gerade deshalb so beliebt, weil sie am wenigsten mit dem Körper reagieren. Aber vielleicht als Nanopartikeln? Krüger bezweifelt das – die Wirkung von Gold-Kleinstteilchen in der Haut sei noch kaum erforscht, man fange gerade erst an zu verstehen, was passiere, wenn Nanoteilchen in Hautzellen eindrängen. Man wisse noch nicht einmal, ob sie nicht vielleicht sogar schädlich seien. Eine Studie über das Verhalten von Gold-Nanopartikeln in Hautzellen stammt von 2006 und deutet darauf hin, dass sie die Kollagenproduktion eher verlangsamen können.
Zwar spricht La Prairie von umfangreichen In-vivo- und In-vitro-Tests, die mit dem Produkt unternommen wurden. Doch ob es tatsächlich das Gold ist, das dort wirkt, bleibt unklar. So wie die Studien unter Verschluss bleiben. Wer wirklich wissen will, ob und wie Gold wirkt, sollte wohl auch keine dermatologischen Studien lesen, sondern Marketinguntersuchungen. In einer repräsentativen Studie der Universität Mannheim gelangte der Wirtschaftswissenschafter und Marketingexperte Hans H. Bauer schon 2005 zu einem Ergebnis, das den kleinen Goldrausch im Kosmetikbereich besser erklärt als jeder Laborversuch: Demnach geht von Kosmetikprodukten, die mit einzigartigen Zutaten werben, in jedem Fall ein höherer Kaufanreiz aus – ganz gleich, ob die edle Zutat irgendeinen Effekt hat oder nicht. Selbst wenn die Probanden der Studie zuvor explizit über die Wirkungslosigkeit des besonderen Inhaltsstoffes aufgeklärt wurden, bekundeten sie eine wesentlich höhere Kaufbereitschaft. Hauptsache, es klingt exklusiv und weist die Käufer vor sich und der Welt als etwas Besonderes aus.
Als die Parfumerie Hamburger Hof im vergangenen Oktober zu einem exklusiven «Goldabend» lud, drängelten sich bei Champagner und Blattgold in den Speisen rund hundert Kundinnen in den Verkaufsräumen. Das war noch zu Beginn der Wirtschaftskrise, doch auch in diesem Jahr ist ein ähnlicher Event geplant. Für die Klientel der Parfumerie gehört das einfach zur mentalen Krisenbewältigung. Den Siegeszug des Goldes wird dabei wohl nur eines aufhalten können: eine andere, noch exklusivere Zutat. Christina Matthies, Kosmetikberaterin in der Parfumerie, weiss auch schon, was es sein wird. «Nächstes Jahr», prognostiziert sie, «kommt Platin.»
Olaf Tarmas ist freier Journalist; er lebt in Hamburg.
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