NZZ Folio 01/03 - Thema: Angst   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Wortmumien und Nebelkerzen

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Von Wolf Shneider

WAS HABEN EIN REITPFERD und eine Stechmücke gemeinsam? Was ein Elefant und die Schraubenwurmfliege Cochliomya hominivorax, menschenfressend, wie der Name sagt, vor allem aber Schafe quälend bis in den Tod, weil sie ihnen Hunderte von Eiern in Augen, Nasenhöhlen oder Wunden legt? Gemeinsam haben die vier Lebewesen nur, dass unsere Ahnen sie unter das Begriffsdach «Tier» geschoben haben. War das vernünftig? Vertragen sie sich da? Hat eigentlich der «Tierschutz» definiert, wen er schützen will? Oder der Deutsche Bundestag, als er im vorigen Sommer dem Schutz «der Tiere» gar Verfassungsrang verlieh – mit der abstrusen Folge, dass jeder, der eine Fliege erschlägt, gegen das Grundgesetz verstösst?

Denn Wörter sind Vorurteile. Viele geistern als Mumien durch die Sprache, uns hinterlassen von Häuptlingen und Medizinmännern der jüngeren Altsteinzeit. Andere sind Nebelkerzen, die unsere Politiker abbrennen, weil sie nicht erläutern wollen oder selbst nicht wissen, was das ist: «soziale Gerechtigkeit» oder Gerhard Schröders «deutscher Weg».

Wörter sind Trostpflaster: Nur auf dem Papier, schrieb George Bernard Shaw, habe die Menschheit es je zu Weisheit, Tugend und ewiger Liebe gebracht. Und Wörter sind Keulen: Was wir «Ungeziefer» nennen, das schlagen wir tot. Mit Barbaren, Heiden, Juden, Kulaken geschah es ebenso. «Es ist nicht abzusehen, wie viel Blut um blosser vager Begriffe willen geflossen ist», schrieb Friedrich Dürrenmatt, «und, wird das nicht begriffen, wie viel Blut noch fliessen wird.»

Grossen Worten zu misstrauen, ist also ein guter Rat, und seit fast 400 Jahren könnten wir ihn hören. Francis Bacon, Lordkanzler und Philosoph, warnte 1620 vor den idola fori, den «Trugbildern des Marktes», also der öffentlichen Meinung; darunter verstand er «die Namen von Dingen, mit denen die Philosophie uns täuscht und denen der Gegenstand fehlt». Der englische Philosoph John Locke wetterte 1690 gegen die Unsitte, «die Wörter auf Treu und Glauben hinzunehmen» und sie nachzuplappern wie die Papageien; doch stosse die Einsicht, dass es Wörter gebe, die nichts bedeuten, auf Widerstand, da Väter, Lehrer, Pfarrer sie nun mal verwendet hätten. Dieser Widerstand ist heftig wie eh und je.

Oft gelesen, nie beherzigt haben wir Mephistos Spruch: «Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.» Nietzsche forderte «die absolute Skepsis gegen alle überlieferten Begriffe» – vergebens. Und kaum je zitiert wird der Vorschlag des Nobelpreisträgers Elias Canetti, Akademien einzurichten, «deren Aufgabe es wäre, von Zeit zu Zeit gewisse Worte abzuschaffen». Dabei wimmelt es doch von Wortballons, die wir anstechen, von Begriffsgötzen, die wir schlachten sollten, wenn wir denn die Unvernunft auf Erden mindern und uns gegen Verführer wappnen wollen.

Einigen dieser Wort-Idole soll es an dieser Stelle an den Kragen gehen. Harmlosen wie dem merkwürdigen Gerede von Erdteilen, Inseln und Subkontinenten, heiklen wie der Krankheit, der Seele, dem Naturschutz oder der Selbstverwirklichung, politisch brisanten wie der Gleichheit, der Arbeitslosigkeit oder der Lebensqualität – lauter regierenden Begriffen also, von denen anschaulich zu machen wäre, warum ein redlicher Mensch sie nur entweder mit einer klaren Erläuterung oder gar nicht mehr benutzen sollte, es sei denn mit jenem Augenzwinkern, das Wörter wie «Ehre» oder «Elite» schon heute oft begleitet.

Nehmen wir die Selbstfindung: Zauberwort der Anhänger von Bhag wans, Gurus und von Selbsterfahrungs gruppen, dem Grimmschen Wörterbuch (Band 16, 1905) noch unbekannt, laut Duden von 1999 «das Sich-selbst-Finden, Sich-selbst-Erfahren als Persönlichkeit». Da schwingt eine tollkühne Unterstellung mit: Was man in seinem Inneren finde, das könne nur erhebend und voller Wunder sein. Doch wer würde darauf wetten, dass nicht dieser oder jener tief in sich ein Charakterschwein entdeckte, das nur durch gute Erziehung, glückliche Umstände und eben durch den Verzicht auf alles Nachforschen daran gehindert worden ist, sich in seiner Scheusslichkeit zur Schau zu stellen?

Bitten wir hundert Mitmenschen, die den Fortschritt preisen oder ihn neuerdings verteufeln, um Auskunft, was sie damit meinen: Dutzende von Definitionen würden durch den Äther schallen und dutzendfach ratloses Gestammel. Oder denken wir an das Schlagwort von der Überalterung. Wäre nicht einfach «Alterung» das angemessene, das faire Wort für die Tatsache, dass in den meisten hochentwickelten Ländern der Anteil älterer Menschen steigt? Was daran ist Über-, also zu viel? Soll es heissen, dass der Anteil der Älteren gesenkt werden müsste, und mit welchen Mitteln?

Und gar das Paradies: Welche Träume, wie viele Wahnvorstellungen spreizen sich in diesem Wort! An ein Schlaraffenland denken Arme und Kinder, der Glaube an ihren Garten der ewigen Glückseligkeit beflügelt die islamistischen Selbstmordattentäter, und wohlgemut reden wir von einem «Tierparadies», wenn die Krokodile noch ungehindert die Gazellen fressen dürfen. Ja, manche Paradiese können einen in Panik versetzen. Darüber mehr beim nächsten Mal.




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