Schauplatz des Gesprächs ist eine Gefängniszelle. Häftling A - sein Prozess steht unmittelbar bevor - arbeitet an einem umfangreichen Manuskript. B ist ein ungewöhnlich schöner, sehr junger Mann. Er trägt den Gesellschaftsanzug des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit einer Blume im Knopfloch.
B: Was schreiben Sie da?
A: (ohne den Blick zu heben) Armselige Erinnerungen, Lektüre für die Geschworenen. Meine Geschichte. Mark klebt daran und Blut und schöne grünschillernde Fliegen. Wenn ich mich zu den Tagen meiner Jugend zurückwende, kommt es mir vor, als flögen sie in immer gleichen bleichen Fetzen von mir fort, ähnlich dem morgendlichen Gestöber benutzten Krepppapiers, das ein Eisenbahnreisender im Aussichtswagen hinter sich wegwirbeln sieht.
B: Ein merkwürdiges Bild.
A: Bei einem Mörder können Sie immer auf einen extravaganten Prosastil zählen.
B: Ich bin selber auch einer.
A: (erstaunt) So jung - und ein Mörder? Wen wollen Sie umgebracht haben?
B: Ich habe einen Maler erstochen.
A: Warum?
B: (nimmt die Blume aus seinem Knopfloch) Ersparen Sie mir die Einzelheiten.
A: (mit dem Lächeln eines Kenners): Ah - die ewige Jugend persönlich, der Gestalt gewordene Hedonismus seiner Zeit! Immer noch auf der Suche nach neuen Erlebnissen für die Sinne? Schönheit ist das Wunder aller Wunder, sie macht Fürsten aus denen, die sie haben, undsoweiter, nicht wahr?
B: Sie wissen, wer ich bin.
A: Das herauszubekommen war kein Kunststück, und schon gar nicht für mich. Ich bin Literaturprofessor.
B: Was haben Sie sich zuschulden kommen lassen?
A: Ich habe den Mann erschossen, der mir das Liebste genommen hat. Er war Dramatiker und Verfasser von Filmdrehbüchern. In seinen aufgedunsenen Körper habe ich eine Menge Blei gefeuert. Das ganze traurige Geschäft hat über eine Stunde gedauert. Am Ende lag er im Bett, ein Viertel seines Gesichts war weg, und zwei Fliegen konnten ihr unglaubliches Glück kaum fassen.
B: Entsetzlich.
A: Er war ein Schwein. Er hat meine Liebste gekidnappt und sodomisiert. Ah, Licht meines Lebens. Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Bei ihrem Namen macht die Zungenspitze drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne. Ich sehe dich vor mir: zerbrechliche, honigfarbene Schultern, ein seidiger, geschmeidiger Rücken, knabenhafte Hüften. Wunderbare Haut, oh, wunderbar: zart und gebräunt, nicht der kleinste Makel. - Aber als ich sie drei Jahre später wiederfand, war sie ganz offensichtlich und gewaltig schwanger, hatte erwachsene, schmale Hände mit dicken Adern, weisse Gänsehautarme, flache Ohren und unrasierte Achselhöhlen. Hoffnungslos verbraucht mit siebzehn.
B: Ich habe meine Seele verwirkt, um immer jung zu bleiben . . .
A: Und ich weiss kein anderes Mittel gegen mein Elend als die kunstvolle Artikulation. Um einen alten Dichter zu zitieren: Es zahlt der Mensch mit der Moral den Preis, dass er so viel von Menschenschönheit weiss.
Die Geschichten von A und B haben bei ihrem Erscheinen Stürme moralischer Entrüstung hervorgerufen. Heute sind die beiden Romane, deren Publikation 65 Jahre auseinanderliegt, die bekanntesten Werke ihrer Verfasser.
Wer und wer? A ist Humbert Humbert aus Vladimir Nabokovs «Lolita» (1955); B ist die Titelfigur aus Oscar Wildes «The Picture of Dorian Gray» (1890).