NZZ Folio 02/07 - Thema: Teheran   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Die sechs von Chanel

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin
Die Vorsehung hat ihre Pläne geändert; noch ist die Welt nicht ganz verloren. Vor einigen Wochen kam ich nach zwei Gesprächen mit gewöhnlich stoischen Parfumeuren zum Schluss, dass die grosse Zeit der Parfumerie abgedankt habe und ich künftig genauso gut dem tuvanischen Obertonsingen frönen könnte. Sie müssen sich nur Folgendes vor Augen führen: Die Komposition eines ernst zu nehmenden Parfums dauerte früher mindestens ein Jahr; heute lassen sich die grossen Marken dafür noch gerade drei Monate Zeit. Was Wunder, dass die bedeutendsten Parfumeure mittlerweile unbezahlt in Nischen wirken, um sich das Leben ein wenig zu versüssen.

Dann kam der Wink der Götter: Chanel sandte mir ein verboten luxuriöses Paket mit sechs Düften für den Verkauf in ihren eigenen Boutiquen. Ich hatte keine grossen Erwartungen. Die letzten Erfolge von Chanel (Chance, Allure Sensuelle) glichen ein wenig dem iPod von Apple: nett und gewinnträchtig, aber nicht revolutionär. Immerhin war mir zu Ohren gekommen, dass Chris Sheldrake, die Nase hinter Serge Lutens, mit Jacques Polge von Chanel kooperierte. Da braute sich etwas zusammen.

Während ich den Inhalt des Pakets sichtete, lichteten sich die Wolken, und meine Stimmung hellte sich in wenigen Minuten von Verhangen zu makelloser Klarheit auf. Diese sechs Düfte werden meiner Meinung nach die Parfumerielandschaft für immer verändern, denn sie beweisen, dass es auch heute noch grosse Könnerschaft gibt. Es sind: Coromandel, ein weicher Patchouliduft im Stil von Serge Lutens’ Borneo 1834, aber raffinierter; No. 18, ein Iris-Rosen-Duft, der direkt neben dem verblichenen Iris Gris im Dufthimmel Platz genommen hat; 28 La Pausa, ein Iris-Veilchen-Duft, der nach einem Haus benannt wurde, in dem Coco Chanel einst wohnte; Bel Respiro, ein frischer aldehydiger Duft, der ebenfalls nach einem Gebäude benannt wurde; sowie ein Eau de Cologne, das ohne weiteres zur Spitze seiner Zunft gehört.

Jeder dieser Düfte könnte nicht besser gelungen sein, aber einer davon löste in mir ein Gefühl aus, das ich seit Jahren nicht mehr verspürt hatte: die erregende Spannung weiblicher Schönheit, die stechende Sehnsucht, die einen überfällt, wenn Grace Kelly in Hitchcocks «Rear Window» zur Tür hereinweht, ihren Mantel über einen Stuhl wirft und durchs Zimmer schlendert, um James Stewart einen Kuss zu geben. 31 Rue Cambon, nach Chanels Pariser Adresse benannt, ist das beste Chypre seit 30 Jahren. Bei den heutigen Auflagen zur Verwendung von Eichenmoos schien ein neues, grosses Chypre undenkbar. Chanel hat verblüffenderweise stattdessen einen Pfeffer-Iris-Akkord benutzt, um auf völlig neue Weise die klassische Wirkung zu erzielen. Falls Sie in Ihrem Leben nur für sechs Parfums Platz haben, so leeren Sie Ihr Regal!

Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.



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