«Man liebt es in China, Kreise und Zirkel um sich zu ziehen. (. . .) Chinesen sind unter dem grossen Schirm von Einheit und Harmonie immer darauf bedacht, sich mit Mauern und Wällen vor den anderen zu schützen.» Sun Longji, «Das ummauerte Ich»
DIE MAUERN SIND DAS, was zuerst auffällt. Überall recken sie sich, weisen sie ab, stellen sie sich dem Besucher in den Weg. Die Städte zerfallen in steinerne Waben: Jede Fabrik, jeder Betrieb, jede Nachbarschaft - jede Danwei kapselt sich ab, igelt sich ein, errichtet trutzige Wälle, die Innen und Aussen, fremde und eigene Leute scharf trennen. Von jeher haben die Pekinger Herrscher geklagt - auch die jetzigen tun es -, die chinesische Gesellschaft gleiche einem «Haufen zerstreuter Sandkörner», den man nur mühsam zusammenzuhalten vermöge. Das Bild der voneinander isolierten Sandkörner beschrieb nie die Individuen: Einst waren die Clans gemeint, heute sind es die Danweis, die sogenannten Arbeitseinheiten.
«Früher haben wir Chinesen gesagt: Zu Hause baue auf deine Eltern, draussen baue auf deine Freunde. Heute aber gilt: Ein ganzes Leben lang baue auf deine Danwei. Die Danwei ist uns eine grosse Familie und ein kleiner Staat.» Man Jun, 39jährige Pekinger Germanistin
Die Danwei ist die Kernzelle der chinesischen Gesellschaft, Gehilfe des Staates und Kokon für seine Bürger - sie ist das Nest, in das die Chinesen hineingeboren werden, in dem sie ein Leben lang umsorgt, behütet, gegängelt und kontrolliert werden. Eine Danwei ist ein weitaus schillernderes Phänomen, als es die spröde Übersetzung Arbeitseinheit vermuten lässt. Jeder Chinese ist Mitglied einer Danwei. Die Danwei gibt ihm Arbeit, zahlt ihm Gehalt, besorgt ihm eine Wohnung, übernimmt seine Arztkosten, organisiert seine Freizeit, vermittelt ihm einen Ehepartner, bestimmt, wann eine Frau ein Kind bekommen darf, sorgt für Kindergartenplatz sowie Schulerziehung und bezahlt schliesslich auch eine Rente.
Ein Chinese möchte ein Hotel buchen, ein Flugticket oder eine simple Bahnkarte kaufen? Erst der Danwei-Ausweis ermöglicht ihm dies; meistens verlangen die Leute am Schalter aber gar ein Empfehlungsschreiben der jeweiligen Einheit. Auf dem Land kann die Danwei die Dorfgemeinde sein, in der Stadt die Fabrik, das Kaufhaus, die Universität, das Ministerium oder das Wohnviertel. Eine Trennung zwischen Arbeitswelt und Privatleben gibt es, in welcher Form auch immer, praktisch nicht.
Entstanden ist das Danwei-System in den fünfziger Jahren im Zuge der Verstaatlichung, und es zeigt, wie Mao Tsetung bei aller revolutionären Rhetorik traditionelle chinesische Lebensmuster aufzufangen wusste und in die neue Gesellschaftsordnung einfliessen liess. So sind Danweis eine eigentümliche Renaissance der alten Clans in sozialistischem Gewande. Die grossen Familienverbände waren in sich geschlossene Gebilde, die relativ autark lebten und produzierten - genau wie die Danweis heute. Auch die Clans kümmerten sich in patriarchalisch-bevormundender Weise um das Wohlergehen ihrer Mitglieder und sorgten gleichzeitig für ideologische Indoktrination (damals war es das konfuzianische Gedankengut) und politische Disziplinierung. Umgekehrt gibt es auch unter den Danweis heute «bessere Familien», deren Mitglieder sich stolz wie Adelssippen gebärden. Dabei gilt als Regel: je perfekter das geschlossene System der Danwei, um so besser ihr Ruf.
Die Danwei will ein Abbild der Gesellschaft im kleinen sein. Ein Beispiel dafür ist die berühmte Peking-Universität, die hinter ihren Mauern einen kleinen Kosmos beherbergt: Wohnungen für Dozenten und Studenten, einen Kindergarten, ein Krankenhaus, eine Buchhandlung, einen Verlag, eine eigene Post, einen Gemischtwarenladen, ja sogar eine universitätseigene Fabrik, die das Budget aufbessern soll. Wer keine Lust dazu hat, braucht den Campus monatelang nicht zu verlassen.
«Als ich im Pekinger Akademischen Verlag gearbeitet habe, schrie eines Morgens plötzlich einer <Die Fische sind da>, und alle stürzten wir in den Hof: Die Danwei hatte extra verlagseigene Lastwagen über Tausende von Kilometern in den Süden geschickt, die kurz vor dem Frühlingsfest nur schwer erhältliche Fische für uns besorgten. Über 500 Leute aus allen Redaktionen drängelten sich auf dem Hof, um sich ihren Teil zu schnappen. Am Nachmittag kamen dann noch die Lastwagen mit den Pfirsichen.» (Man Jun)
Die Danwei hat die Rolle der einstigen Grossfamilie übernommen, und entsprechend väterlich geben sich die Danwei-Oberen. Sie verhalten sich nach dem alten Konzept des ren, der konfuzianischen Spielart von Humanität.
Gute Vorgesetzte zeichnen sich nach chinesischer Auffassung durch intensive Fürsorge und Verantwortung für ihre Untergebenen aus. Die Fürsorge ist dabei meist materieller Art: Man gewinnt die Herzen der Menschen, indem man für ihr leibliches Wohl sorgt. Also ist die beste Danwei die, die es bei der sozialen Grundversorgung an nichts mangeln lässt, und der beste Chef der, der seine Untergebenen mit Konsumgütern versorgt - das zählt viel in einem Staat, in dem der Warenkreislauf häufig noch schlecht und ineffizient organisiert ist. Die grossen staatlichen Danweis, die finanziell am besten ausgestattet sind, betreiben selbst Gemüseanbau und Schweinezucht. Viele verfügen sogar über eigene Schulen und eigene Kurorte. Der Staat hat die sozialen Aufgaben fast vollständig den Danweis übertragen.
Das bedeutet auf der andern Seite, dass die Menschen von ihrer Danwei völlig abhängig sind. Im Gegenzug zur patriarchalischen Fürsorge der leitenden Funktionäre wird von ihnen Gehorsam und Anpassung erwartet. Wer die Nestwärme geniessen will, muss sich ganz und gar unterordnen. Persönliche Entfaltung ist unerwünscht und wird von vielen Chinesen auch gar nicht angestrebt. Der chinesische Autor Sun Longji hat in diesem Zusammenhang von dem ständigen Bedürfnis seiner Landsleute gesprochen, «Nahrung am Busen des Kollektivs zu saugen». Jeder definiert sich über die Danwei und die Rolle, die er in der Danwei-internen Hierarchie spielt. Die Interessen des Kollektivs ersticken jede persönliche Freiheit.
«Vor elf Jahren, als ich meinen Sohn bekam, da musste ich die Genehmigung dazu vorher gleich dreifach einholen: bei meiner Danwei <dem Verlag>, beim Vertragskrankenhaus unserer Danwei und bei den <kleinfüssigen Spitzeln>, so nennen wir die alten Damen vom Nachbarschaftskomitee unseres Wohnviertels, die zum Teil noch eingebundene Füsse haben. Ich hab' die Genehmigung gleich bekommen, weil ich mit 28 schon relativ alt war und unser Verlag in dem Jahr seine Geburtenquote noch nicht ausgeschöpft hatte.» (Man Jun)
Privatsphäre gibt es in dieser Gesellschaftsordnung keine. Seit der strengen Familienplanungspolitik der Regierung ist selbst die Fortpflanzung eine Angelegenheit des Kollektivs. Die Danwei-Leitung mischt sich aber auch sonst in persönliche und intime Dinge ein - immer im Namen der väterlichen Fürsorge und mit dem angeblichen Ziel, die Harmonie in der Danwei zu erhalten. Egal ob der Verkäufer sich in die verheiratete Kollegin verliebt oder die Sekretärin mit einem blauen Auge im Büro erscheint - immer werden der Chef und die Mitarbeiter sich «um sie kümmern», mit allen Beteiligten reden und sanft, aber wirkungsvoll Druck ausüben. Wenn sich zwei streiten oder ein Ehepaar sich scheiden lassen will - sofort ist die Danwei als Vermittlerin und Schiedsrichterin da. So kommt kaum ein Konflikt vor Gericht, denn die Danweis sorgen dafür, dass der alte Spruch, wonach das chinesische Volk weder Religion noch Gesetz brauche, weiterhin seine Gültigkeit hat.
Auch die Freizeit ihrer Mitglieder nimmt die Danwei in Beschlag: Sie organisiert Ausflüge, Kinobesuche und Sportmannschaften. Für Junggesellen werden Tanzabende veranstaltet, und die Danwei sorgt auch schon einmal dafür, dass sich bei einem Filmbesuch unversehens zwei gleichaltrige Singles in benachbarten Kinosesseln wiederfinden.
«In China ist ein Mensch ohne <dang'an>, ohne Personalakte, ein Mensch ohne Schatten. Als ich noch Lehrerin an der Mittelschule war, habe ich einmal im Personalreferat die Akte der Bewerberin Frau X liegen sehen. Sie war aufgeschlagen, und ich konnte zufällig den Satz lesen: <Frau X gibt sich liederlich mit vielen Männern ab.> Sie ist dann übrigens doch eingestellt worden, und der verheiratete Schuldirektor hat sie zu seiner Freundin gemacht.» (Man Jun)
Über jeden Chinesen ist eine Personalakte angelegt. Sie begleitet ihn von der Schule bis zum Tod. Aber keiner darf seine Akte je einsehen. Die Vorgesetzten vermerken darin ihr Urteil über den persönlichen Lebensstil genauso wie jenes über die politische Zuverlässigkeit. Einmal notierte Urteile dürfen nicht mehr revidiert werden. Wechselt einer die Danwei, dann wechselt zuvor seine Akte.
Die Danwei hat viele Möglichkeiten, ihre Mitglieder in die Konformität zu pressen: Belohnungen gehören ebenso dazu wie Sanktionen. Die politische Kontrolle und die Erziehung im Auftrag der Kommunistischen Partei versucht sie vor allem über die wegen ihrer Langeweile berüchtigten «Sitzungen» (kai hui) auszuüben: Statt zu arbeiten, studieren die Mitglieder einen Tag lang ideologisch wichtige Dokumente, deren Hauptgedanken sie verarbeiten sollen. In der Praxis trinken dann die meisten ganz einfach Tee, sie schlafen oder üben sich in Blindschach, wobei sie den Zwang zu politisch korrektem Verhalten oder zumindest zum passiven Mitläufertum dennoch verinnerlichen. Denn wer gegen die Regeln verstösst, den wird die Danwei hart strafen: Sie kann ihm Prämien streichen, ihn versetzen oder ihm «das Gesicht nehmen», indem sie ihn öffentlich kritisiert oder zur Selbstkritik zwingt. Konformität wird auch dadurch erzwungen, dass manche Regelverletzung durch einen Einzelnen die Bestrafung der ganzen Danwei nach sich zieht.
«Meine Mutter wohnt in Hebei und ist eine Revolutionsveteranin. Neulich lag sie über sechs Monate im Krankenhaus und hätte eigentlich an der Milz operiert werden sollen. Aber dazu hätte man für 10 000 Yuan einen Arzt aus Peking holen müssen. Die Danwei hatte das Geld nicht und erklärte: Nimm sie doch mit nach Peking, ruf den Notarzt und bring uns dann die Quittung. Das Geld hätte ich nie wieder gesehen. Meine Mutter ist heute noch nicht operiert, jetzt kuriert sie sich mit Kräutertee. Das hätte es früher nicht gegeben.» (Man Jun)
Die Mauern fallen. Deng Xiaopings Politik der Reform und der Öffnung reisst Löcher in die Wälle um die Danweis. Plötzlich gelten sie als lästige Bremsklötze auf dem Weg zur Marktwirtschaft. Gerade weil sie alle für sich autonome Einheiten sein wollen und die ganze Palette an Sozialleistungen anbieten, sind sie nicht konkurrenzfähig mit den knallhart geführten Privatbetrieben oder Joint ventures. Die Manager der Shanghai Petrochemicals - noch eines der erfolgreicheren Staatsunternehmen - berichteten im letzten Jahr, dass 40 Prozent ihrer Arbeiter nicht in der Produktion, sondern in Bereichen wie der Klinik, dem Kindergarten oder der Kantine beschäftigt seien. Während die privaten Betriebe boomen, sind fast die Hälfte der Staatsunternehmen hoch verschuldet.
Die Unternehmensberatungsfirma McKinsey hält mindestens ein Drittel der 110 Millionen Arbeiter in den Staatsbetrieben für überflüssig. Früher undenkbar: Die ersten Unternehmen haben schon Konkurs angemeldet; die ersten Millionen Arbeitslosen stehen schon auf der Strasse, abgespeist mit einer Pension von umgerechnet vielleicht 10 Dollar pro Monat, ohne Anspruch auf Kranken- oder Altersversorgung - aus dem warmen Nest der Danweis in die rauhe Wirklichkeit der «sozialistischen Marktwirtschaft» gestossen. Die Danwei-Gesellschaft erodiert, und es scheint sich jetzt zu rächen, dass der Staat selbst kein landesweites soziales Netz gespannt hat.
Doch jeder Mauerfall ist auch eine Befreiung. Das ehedem allgegenwärtige Danwei-System zerbröckelt und eröffnet dem Einzelnen neue Chancen. Tiao cao, «den Futtertrog wechseln», war noch nie so einfach. Früher konnte einen der Vorgesetzte an die Danwei fesseln, indem er die Personalakte - ohne deren Übergabe ein Wechseln unmöglich war - einfach zurückbehielt. Dem Personalchef eines Joint-venture-Betriebes heute ist es egal, ob einer seine Akte mitbringt. Dang'an, die Personalakte, und hukou, das strenge System der Wohnortregistrierung, haben die Chinesen früher an ihre Danwei gekettet. Beides ist in Auflösung begriffen. Die Danwei hat ihre historische Rolle ausgespielt. Um den Preis des Verlustes der Nestwärme: Die Menschen können sich aus der allumfassenden Abhängigkeit freistrampeln, die «ewigen Kinder» (Sun Longji) zu Individuen werden.
Kai Strittmatter ist Sinologe und Redaktor für Aussenpolitik bei der «Süddeutschen Zeitung» in München.