DIE AUTOFAHRT VON ZÜRICH über den Brünig nach Grindelwald ist noch eine Fahrt durch eine Sommerlandschaft, die Kornfelder zwar schon gelb und die Heuwiesen gemäht, aber die Matten unter dem verhangenen Himmel dunkelgrün und die Wälder noch ganz ohne herbstliche Färbung. Ein Donnerstag Mitte August. Und nun durch die Fenster der Bahn, die zur Kleinen Scheidegg hinaufführt, die ersten Schneefelder, so nah, dass sich erkennen lässt: schmutziger Altschnee, Schnee noch vom vorigen und nicht schon vom nächsten Winter. Nicht dass sich der eine immer vom anderen unterscheiden liesse. Vielleicht vier Wochen ist es her, dass wir an einem anderen Ort in den Alpen auf einer Wanderung an einem Prachtstag durch frischgefallenen Schnee stapften und dabei in ein hochsommerliches Tal hinabblickten. Die Schneegrenze war wie mit dem Lineal den Hängen entlang gezogen.
Station Eigerwand auf 2865 Meter Höhe, zwanzig nach fünf. Uns auf dem Jungfraujoch richtig umzutun ist zwar erst für morgen geplant. Doch sind wir, weil sie bei unserer Ankunft auf der Kleinen Scheidegg gerade dastand, noch schnell in die letzte Bahn gehüpft. Das Wetter ist auf den Abend schlecht geworden. Dennoch sind wir nicht die einzigen im Zug. Man soll aber auch gutbesetzte Züge hinauffahren sehen, wenn man oben nicht die Hand vor dem Gesicht erkennt. Da nehmen die Reisenden den legendären Ausblick auf die Gletscher und die schneebedeckten Berggipfel nicht als Erinnerung, sondern in Form von Diapositiven mit, die es am Kiosk zu kaufen gibt. Selbst bei Hundewetter kämen täglich 1500 bis 2000 Leute hier herauf, sagt man uns auf dem Joch. Die Jungfrau liegt an der Route von Europe in twelve Days und steht auf dem teuren Programm. Da liesse unsereins sie sich auch nicht entgehen.
Keine zwanzig Meter weit sieht man an der Station Eigerwand, aber wie das Wasser über den Fels hinabstürzt, in den das Schaufenster zur Eigernordwand geschnitten ist, und noch im Fallen zu Schnee gefriert, der sich sogleich vom Wind verwehen lässt, ist als Sommererlebnis auch nicht nichts. Auf der Terrasse auf dem Jungfraujoch halten wir uns um 18 Uhr gar schützend die Hand vors Gesicht. Schon exotisch, wenn einem an einem Augusttag eisiger Schnee in die Wangen sticht. Das Thermometer zeigt auf minus 4 Grad. Im Winter können es auch einmal minus 35 Grad sein.
Nach der Nacht im Hotel Kleine Scheidegg, das, wie seine Besitzerin auch, einer anderen Zeit als der unseren angehört und in dem wir die einzigen nichtjapanischen Gäste waren, geht es am Morgen, der blau und klar wie aus dem Bilderbuch ist, mit der steilen Zahnradbahn nun erneut und ernsthaft hinauf zum Jungfraujoch. Die Neun-Uhr-Bahn ist bis auf den letzten Platz besetzt, und von beiden Seiten, von Grindelwald und von Wengen herauf, schaffen die Zubringerzüge schon wieder neue Leute herbei. Der mit Ellbogeneinsatz ergatterte Fensterplatz soll sich bald als lästig erweisen. Denn viel zu sehen gibt es nicht auf der Fahrt, da sie nämlich weitgehend im Tunnel verläuft, und solange es etwas zu sehen gibt, beugt sich irgendeiner über uns und filmt die zugegebenermassen hinreissende Landschaft. Hinter der Jungfrau steigt jetzt die Sonne auf, erfasst ein paar weisse Bergspitzen und lässt ihr gleissendes Licht über den Gletscher fliessen, während der Eiger noch nichts als kalter, schwarzer Schatten ist.
Es ist eng im Zug. In unserem Abteil sitzen wir Nasenspitze an Nasenspitze, hinter und vor und neben uns dasselbe und in den Gängen auch, nur dass sie dort stehen, und im Fenster spiegelt sich, sowie wir in den Tunnel eingetaucht sind, das Ganze nochmals. In sechs Sprachen wünscht man uns aus dem Lautsprecher einen guten Morgen, auf japanisch zuletzt, der Himmel mag wissen, warum. Meine Sitznachbarn, Franzosen, reiben sich schon mal Gesicht und Glatze mit Sonnenblocker ein und sitzen für den Rest der Fahrt mit weissen Köpfen da. Der Geruch von oxidiertem Eisen, typischer Tunnelgeruch, mischt sich unter die versammelten Deodorants. Seit Guyer-Zellers Leute 1912 nach 16jähriger Bauzeit dieses abenteuerliche Bauwerk vollendet haben, hat sich wohl einiges von den Schienen abgewetzt. Ganze Dörfer hatte man da einst in die unwirtliche Welt gestellt, um die Bauleiter und Sprengmeister und Arbeiter, zeitweise bis zu 300 Leute, zu beherbergen, die bis von Italien heraufkamen, um den Berg von seinem Innern her zu bezwingen. Nicht alle kamen lebendig wieder zurück. Und wir sind jetzt ganz ohne Kraftaufwand unterwegs zum Ort, der, wie wir der polyglotten Lautsprecheransage entnehmen, in sämtlichen Sprachen «Top of Europe» heisst.
Oben auf 3454 m ü. M. schliessen wir uns im Gewirr von Gängen und im Gewimmel von Leuten sicherheitshalber einer Gruppe von Japanern an, was alsbald in Schlangestehen ausartet. Die Schlange ist falsch, stellt sich heraus, wie Bewegung in sie kommt und wir die Vordersten in die talwärtsfahrende Bahn steigen sehen.
Der Blick auf die weisse Bergwelt, hat man einmal den Ausgang aus den dunklen Gebäuden gefunden, raubt einem buchstäblich den Atem. Die nun vollends in der Sonne liegenden Schneeberge blenden die Augen. Schnee und Eis und blauer Himmel, wohin man schaut. Unter uns der Aletschgletscher, der sich wie die Landespur eines gigantischen ausserirdischen Gefährts 22 Kilometer weit zwischen den Bergen hinzieht. Tief unten macht sich eine Gruppe Leute, alle aneinander angeseilt, an die Überquerung des Gletschers. Sie sinken bei jedem Schritt ein. Ein Himmel, dessen Blau man besser schon gar nicht zu beschreiben versucht. Samtigdunkel in der Kuppel, durchscheinend an den Rändern zum Horizont.
Diesen Blick teilt man gern mit der Heerschar von Leuten, die mit jeder Zugsankunft wächst. Allein hält man solche Schönheit nicht aus.
Auf dem Weg zur Mönchsjochhütte 3650 m ü. M., eine knappe Stunde zu Fuss vom Jungfraujoch entfernt. Von oben hat er wie eine Ameisenstrasse ausgesehen. Wir schliessen uns den hintersten Ameisen an, die bei näherem Hinsehen Soldaten sind. Sie sprechen über Rucksackmarken. Bis jetzt habe er immer einen Koflach gehabt, aber es gebe ja unterdessen «söfuviu». Weiter vorne erzählen sie von einem Kollegen, der «drunger ungerem Hirn» etwas gehabt habe und daran gestorben sei, ohne etwas zu merken.
Berner. Nun ja, warum nicht? Hier.
Hunderte vor uns, Hunderte nach uns und Hunderte hinter uns auf den Terrassen. 4980 werden es bis zum Abend sein, der Rekord dieser Saison, und eine halbe Million im ganzen bis zum Ende des Jahrs. Mütter mit Kindern, Kinder mit Vätern, Alte, Junge aus aller Herren Welt. Das spanischsprechende Liebespärchen, das zuvor im Eispalast versucht hatte, ein Herz ins Eis zu schneiden. Die mit den geweisselten Köpfen aus dem Zug. Zuhauf Nacken und Gesichter, die sich in der Sonne röten, dabei hat es selbst jetzt noch keine null Grad. Ein Schlittenhundegespann, fünf Franken die Fahrt. Vorne zwölf fröhlich bellende Hunde, hinten sechs piepsende Japaner. Sich halbentblösst in der Sonne räkelnde Frauen. Skifahrer, die einen winzigen Hang hinabsausen oder hinabrutschen, je nachdem.
Neben dem Weg, der (immer noch) zur Mönchsjochhütte führt, landet ein gelb-rotes Flugzeugchen mit einem bärtigen Piloten. Er hat eine dampfende Tabakspfeife im Gesicht und den Nacken im Gips und wird von den Soldaten gefrotzelt. Ob er sich den Hals beim Pfeifenrauchen verrenkt habe? Oder beim Stemmen der Biergläser? In die Röhre habe man ihn gesteckt, sagt der Pilot, und schon sei er unter dem Messer gewesen. Die Ärzte hätten gesagt (wieso haben alle anderen immer Ärzte und unsereins stets bloss einen Arzt?), das könne jedem Aufrechtgehenden passieren.
Pilot und Flugzeug locken. Ein Mann aus der Gruppe hinter den Soldaten, den wir mit seiner Frau plattdeutsch haben reden hören, ist interessiert. Nach einer Viertelstunde und sechzig Franken ist er wieder da, das Flugzeug ist jetzt von Leuten umgeben. Keine zehn Meter unter sich habe er die Sphinx gesehen, erzählt der Mann. Und den Aletschgletscher, und das Observatorium, und überhaupt. Und alles gefilmt. So richtig mit eigenen Augen wird er das alles somit erst zu Hause auf dem Videobildschirm sehen. Er sagt, er bereue nichts. Frau Platt wollte nicht mit, sie hatte Angst.
Rechts Schneefelder, links über dem Weg Eis in türkisfarbener Schichtung, darüber meterhoch Schnee, der unter seinem eigenen Gewicht irgendwann auch zu Eis werden wird. Weit oben ein Riss durch das bedrohlich hängende Ganze. Wie das für einen Moment angehaltene Bild einer dramatischen Bewegung. Wir beschleunigen den Schritt.
Eine Suppenwurst in der behaglichen Mönchsjochhütte, in der man für 53 Franken Halbpension und heute bei minus 10 Grad Aussentemperatur auch übernachten kann. Hinter der weissen Kante des Trugbergs, die sich messerscharf vom Wahnsinnsblau des Himmels abhebt, verschwindet gerade eine Zeile aneinandergeseilter Männer. Wir bleiben, bis wir fast die letzten sind, die sich auf den Rückweg machen, und lauschen der zunehmenden Stille.
Auf der Terrasse, hinter der die Eiszapfen schwer von den Felsen hängen, flattert doch tatsächlich ein Schmetterling vorbei. In diesen Höhen entständen die Gewitter, lasen wir in der Broschüre, die man uns in die Hand gedrückt hatte. Während im Tal schwarze Wolken Gewitter ankündigten, schössen hier oben die Blitze manchmal aus heiterem Himmel. Bloss nicht!