NZZ Folio 02/09 - Thema: Parallelwelten   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Handschuh mit Schlüsselfach

© Patrick Rohner
Jogginghandschuh, Polyester-Fleece mit 2 Prozent Spandex, Nike, 29 Franken 90. Linktext
Wo erfährt man etwas über die Materialien der Mode der Zukunft? Nicht in den Modemagazinen – sondern in den Sportabteilungen der Warenhäuser.

Von Jeroen van Rooijen

Es ist etwas langweilig geworden in der Modebranche, als sei alle Evolution aufgeschoben worden, als hätten die letzten zwanzig Jahre kaum stattgefunden. Noch immer wird Kleidung aus denselben traditionellen Materialien gefertigt, noch immer nach denselben Schnitten und Verarbeitungstechniken. Die neokonservative Welle der letzten Jahre hat diesen Eindruck noch verstärkt. Und die jetzt abflauende konjunkturelle Euphorie wird die Hersteller nicht ermutigen, endlich ein paar Schritte vorwärts zu tun und endlich all die neue Technologie in ihr Schaffen einfliessen zu lassen, die in der Zwischenzeit verfügbar ist.

Wer sich auf der Strasse umschaut und dann in einem besseren Modemagazin blättert, erkennt die Diskrepanz: Das Modebild auf der Strasse ist heute moderner, hybrider und pragmatischer als vieles, was einem das Fashion-Establishment schmackhaft machen will. Die Leute kombinieren selbstverständlich Designermode mit Casual Wear und Sportbekleidung – weil letztere beide Kategorien wirkliche Bedürfnisse abdecken.

Wer heute schon sehen und fühlen will, wie morgen Kleidung gemacht wird, begibt sich in die grossen Sportabteilungen der Warenhäuser, etwa in die «World of Sports» von Jelmoli. Hier hängen die Materialien und Techniken der Zukunft. Von den unglaublichen Schlauchstricktechniken dieser Branche haben wir an dieser Stelle bereits vor wenigen Monaten berichtet (das Odlo-Shirt, NZZ Folio 11/2008). Nun liegt ein vergleichsweise bescheidenes Stück Kleidung auf dem Seziertisch: ein Jogginghandschuh aus Polyester-Fleece von Nike. Das Material ist kein Gewebe, sondern ein feines ­Gestrick, dessen Maschen sogenannte Plüschhenkel haben, die aufgeschnitten und aufgerauht werden. Dieser Trick gibt dem Fleece seinen weichen, elastischen dreidimensionalen Charakter.

Aus dem Material schneiden die chinesischen Näherinnen von Nike acht Teile, wovon einer mit dem Logo von Nike bestickt ist. Zwei weitere sind mit reflektierenden Motiven bedruckt: Der Handrücken, der geschwungen in den kleinen Finger ausläuft, trägt ein dreieckiges Punktmuster, und die Innenfläche von Daumen und Zeigefinger zeigt einen stilisierten Schlüssel. Das verweist auf den Clou des Handschuhs: In der Innenhand ist ein kleines «Geheimfach» eingenäht, in dem der Läufer seinen Auto- oder Hausschlüssel sicher verstauen kann. Trägt man beim Joggen seinen Schlüssel in der Hosen- oder Jackentasche mit sich, tastet man ständig danach, um zu sehen, ob er noch da ist. Trägt man ihn aber sicher in der Handfläche, so besteht kein Zweifel daran, dass man nach absolvierter Laufstrecke gelassen sein Heim aufsperren und sich unter die warme Dusche stellen kann.

Dieser Handschuh sorgt also nicht nur für warme Finger an kalten Tagen, sondern gibt seinem Besitzer ein Stückchen Extrakomfort, der über den unmittelbaren Funktionsanspruch des Kleidungsstücks hinausgeht. Und zwar auf intel­ligente und ästhetisch überzeugende Weise.

Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ.



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