FEDERICO FELLINI schickte in seinem Film «Roma» hohe Würdenträger der Orden wie Models über den Laufsteg, um die neusten Kreationen klerikaler Mode zu präsentieren - eine Phantasmagorie aus Cinecittà und doch nicht ganz ohne realen Hintergrund. Denn auch die Geistlichkeit schätzt feinen Stoff und eleganten Faltenwurf.
Keiner weiss das besser als Massimiliano Gammarelli. Solches auszuplaudern ist indes gar nicht seine Art. Der 37jährige Mann mit der blonden Mähne und dem Spitzbärtchen ist verschwiegen wie ein Beichtvater. Denn wer die Eitelkeit der Eminenzen befriedigt, der hütet sich davor, dies an die grosse Glocke zu hängen.
Die 1798 gegründete Schneiderei Gammarelli ist die erste Adresse für kirchliche Roben und seit sechs Generationen Exklusivlieferant der päpstlichen Gewänder - ein kleiner Laden hinter dem Pantheon, der leicht zu übersehen ist. «Sartoria per ecclesiastici» steht schlicht unter dem Namen, der das Geschäft kennzeichnet, «Schneiderei für Geistliche». In der bescheidenen Auslage hängt ein goldgefasstes Messgewand, davor liegen das purpurrote Birett eines Kardinals und ein paar Zigula, kunstvoll geflochtene Schnüre zum Festzurren des Unterrocks. Auch ein weisses Soli Deo, das kleine Käppi für den Papst, liegt da.
Dreimal im Jahr fährt die Hofschneiderei Gammarelli beim Papst vor und nimmt Mass. Die Kleidung soll sitzen, der Heilige Vater sich wohl fühlen. Und vor dem Konklave sorgt Gammarelli dafür, dass drei Kleider verschiedener Grösse aufliegen. Nur Johannes XXIII. sprengte den vorgegebenen Rahmen. Der beleibte Angelo Roncalli glich in dem zum Platzen engen Gewand einer Knackwurst, und für den ersten Segen auf der Loggia über dem Petersplatz musste die Rükkennaht geöffnet werden.
Die Gewänder für die Geistlichkeit, brummt Massimiliano Gamarelli, seien vergleichbar mit Armeeuniformen. So gibt es genaue Vorschriften für Farben und Art der Gewänder, je nach Rang und Zeremonie. Die geistlichen Herren tragen grundsätzlich Schwarz, die Bischöfe Violett, die Kardinäle Purpurrot und der Papst Weiss. Neben dieser Farbenhierarchie gibt es für jeden Rang zum Teil eigene Kleidungsstücke. Zur Grundausstattung eines Kardinals zum Beispiel gehören eine rote, wollene Soutane mit roter Seidenbordüre, ein weisses Chorhemd, ein kurzer roter Umhang namens Mozzetta, ein rotes Scheitelkäppchen, ein roter Kardinalshut, eine rote Schärpe und ein Paar rote Socken aus Seide. Der breitkrempige rote Samthut mit goldenen Quasten und der zehn Meter lange Seidenumhang jedoch gehören der Vergangenheit an.
Dass Kardinäle und Priester keine langen Umhänge mehr nachschleppen wollen, dafür hat Massimiliano Gammarelli Verständnis. «Wenn man mit einer Schleppe in ein Auto einsteigen will, ist das unpraktisch.» Der Juniorchef bedauert hingegen, dass mit den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils die Vielfalt der Farben und Formen beschnitten worden ist.
Der Spielraum für hohe Schneiderkunst ist aber immer noch erheblich. Qualitätsarbeit beginnt bei den verschiedenen Stoffen - Seide, Leinen, Popeline -, die bei Gammarelli die Regale füllen. Dazu hält die Schneiderei jede Menge Zöttelchen, Quasten, Seidenbordüren, Fransen und Knöpfe bereit, die sich zu den verschiedenen Gewändern kombinieren lassen.
Eine Eisenwendeltreppe führt vom Laden in die Schneiderwerkstatt im ersten Stock, wo sieben Schneider an der Arbeit sind. «Bei uns ist alles Handarbeit», erklärt der etwas gesprächigere Onkel Filippo Gammarelli. Auch die Knopflöcher, die anderswo längst Maschinen stanzen und nähen, werden von Hand umsäumt. Bei einem Talar, der dreissig Knöpfe zählt, ein schönes Stück Arbeit. 15 bis 25 Stunden muss das gesamte Atelier für eine Soutane aufwenden. Dass die Gewänder, von der Soutane bis zur päpstlichen Stola, auch ihren Preis haben, liegt auf der Hand.
Darüber und über ihre Kunden, die verschiedenen Eminenzen, mögen die Gammarellis aber schon gar nicht sprechen. «Der Laizist hat ohnehin immer nur zu kritisieren. Denn er versteht nichts von dieser Welt.»