NZZ Folio 11/02 - Thema: Humor   Inhaltsverzeichnis

Sage und Schreibe -- Wer kommt denn da daher?

Von Manfred Papst

«THOU COMEST in such a questionable shape», sagt in der vierten Szene des ersten Aktes Hamlet zum Geist seines Vaters. «Du kommst in so fragwürdiger Gestalt», hat Schlegel übersetzt, und wir können wohl sagen: Du kommst daher – denn der Geist bewegt sich tatsächlich auf den dänischen Königssohn zu. In diesem sinnvollen Sinn wird der Begriff, wenn wir es richtig sehen, aber nur noch selten verwendet.

Zumindest im «Tages-Anzeiger» und in der NZZ – aus den beiden Blättern stammen unsere Beispiele – ist es inzwischen ein recht seltenes Vergnügen, wenn etwas daherkommt, das gehen oder fahren oder fliegen oder schwimmen kann. Mit eifriger Zustimmung lesen wir deshalb – im Zusammenhang mit einer heimatlosen Statue der Iron Lady in Marmor – den folgenden Satz: «Aber schon kommt irgendein Schlaumeier daher und sagt, dass nach parlamentarischen Regeln ein Premierminister fünf Jahre tot gewesen sein muss, um podestwürdig zu sein.» Das «tot gewesen sein» wäre zwar Stoff für eine eigene Glosse; gegen den daherkommenden Schlaumeier indes ist nichts einzuwenden.

Meist jedoch kommt landauf, landab gar vieles daher, was eigentlich nicht daherkommen kann, und zwar in sämtlichen Ressorts von Wissenschaft bis Wirtschaft – wenngleich die Feuilletons auf diesem Gebiet nicht zu schlagen sind. Dass Michael von der Heides neues Album «einiges rockiger daherkommt als früher», während ein «Prosagedicht im Rap-Rhythmus von Rapunzel handelt und sehr prosaisch daherkommt», gehört dabei zum Standardrepertoire.

Darüber mag man sich kaum noch aufregen, obwohl es natürlich falsch ist. Auch daran, dass Texte nicht mehr auf dem Papier stehen, sondern daherkommen, haben wir uns leider gewöhnt. Bei Uwe Kolbe «kommt das Geschliffene rhapsodisch daher», während Kéthévane Davrichewys Roman «Eine Liebe in New York» «etwas oberflächlich und manieriert daherkommt». Noch kurioser wird es, wenn die Epitheta sich türmen. In der Besprechung einer Salzburger Schnitzler-Aufführung lesen wir von einer Wahrheit, sie sei weder modisch noch altmodisch und komme deshalb «nicht milde nostalgisch, sondern düster, scharf und unaufhaltsam daher», nämlich als «eindringlich modellierte Kunstgewalt». Nun mag das Düstere und Unaufhaltsame als Weise des Daherkommens noch verständlich sein; was dagegen das scharfe Daherkommen einer Wahrheit ist, weiss die Rezensentin allein.

Natürlich gibt es Grenzfälle. Dass eine Chopin-Polonaise in einer kritisierten Interpretation «etwas gar stampfend daherkommt», kann man wohl sagen, weil die Musik sich ja bewegt; auch dass das Tannhäuser-Vorspiel in Bayreuth «unverdächtig daherkommt, neutral und in verhaltener Schönheit», leuchtet ein, da auch hier eine Bewegung des Klangs auf den Festspielbesucher hin stattfindet. Dass im Taschenbuchformat Proust so anspruchslos daherkommt wie Papa Moll, ist sogar eine hübsche Vignette, da man nicht die beiden Bücher, sondern die beiden so verschiedenen Figuren plötzlich auf gleiche Weise daherkommen sieht.

Es gibt aber auch krasse Fehlleistungen. «Das Restaurant kommt unscheinbar daher», lesen wir in einem Artikel über die Libera Università di Alcatraz – und denken, gut, dann müssen wir schon mal nicht nach Umbrien fahren, sondern nur aufpassen, dass wir das unscheinbare Restaurant rechtzeitig kommen sehen. Vorsicht geboten ist auch in der Kneipenszene Rigas: Denn dort kommt nicht nur «das Geschirr sowjetisch daher», sondern es ist wiederum ein ganzes Lokal im Anmarsch: «Dezenter kommt das ‹Nostalgija› in der Fussgängerzone daher.» Ob man da noch ausweichen kann? Und wohin sollen wir uns retten?


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