Wenn bei und sie Tage wärmer werden, tauchen die lästigen Mücken in immer grösserer Zahl auf. Neben solchen jahreszeitlichen Schwankungen von Tierpopulationen kennt die Natur auch mehrjährige Zyklen: Alle vier Jahre machen Bevölkerungsexplosionen bei den Wühlmäusen unseren Bauern Sorge; in Skandinavien geschieht Ähnliches jedes siebte Jahr mit den Lemmingen. Was es jedoch mit den Schneeschuhhasen und den Luchsen in Nordamerika auf sich hat, stellt all dies in den Schatten. Im Zehnjahresrhythmus wächst die Anzahl der Schneeschuhhasen innert zwei, drei Jahren um das Zweihundertfache, worauf sie dann ebenso schnell wieder schrumpft. Mit einer Verzögerung von ein bis zwei Jahren folgt diesem Zyklus der Hasen die Populationskurve der Kanadaluchse.
Dass dieses existentielle Auf und Ab die Abhängigkeit des Jägers Luchs von seiner Beute Hase widerspiegelt, war den Biologen schon immer klar. Erstaunlich blieben aber der strenge Takt sowie die geographische Gleichzeitigkeit des Phänomens: Seit 1752 sind 19 Luchszyklen von jeweils knapp zehn Jahren Länge festgestellt worden. Und: der Zyklus läuft im gesamten Verbreitungsgebiet der Luchse (6000 Kilometer Ausdehnung in Ost-West-Richtung und 3000 Kilometer in Nord-Süd-Richtung) gleichzeitig ab. Zwar findet man kleinräumig durchaus Zyklen, deren Länge zwischen sieben und zwölf Jahren variiert. Über grosse Gebiete betrachtet aber ergibt sich ein verblüffend synchroner Zehnjahresrhythmus.
Den Grundstein zum Studium des seltsamen Geschehens legte die buchhalterische Sorgfalt der Company of Adventurers of England tradeing into Hudson's Bay. Diese unter dem Kürzel Bay legendär gewordene Handelsgesellschaft hatte 1670 das Glück, vom englischen König Charles II alles Land zugesprochen zu erhalten, dessen Wasser in die von Henry Hudson entdeckte Meeresbucht fliesst - eine Fläche von vier Millionen Quadratkilometern, wie König und Bay erst nach und nach merkten. Zu den Reichtümern des riesigen Gebietes gehört eine Vielfalt an Pelztieren; die Bay wurde bald schon zum renommierten Pelzlieferanten. Und da die Gesellschaft ihre Geschäfte akribisch dokumentierte, steht eine einmalig umfangreiche Statistik der gehandelten Felle zur Verfügung.
Es war den indianischen Fallenstellern und den weissen Händlern natürlich schon früh aufgefallen, dass die Zahl der erbeuteten Hasen- und Luchsfelle in regelmässigem Rhythmus schwankt. So berichtete bereits 1820 ein Agent der Bay über besonders hohe Eingänge an Luchsfellen alle acht bis zehn Jahre. Vor hundert Jahren begannen sich auch Biologen für die aussergewöhnlichen Daten in den Büchern der Bay zu interessieren. Aber erst die sehr detaillierte Aufschlüsselung der Fangergebnisse nach einzelnen Regionen durch Elton und Nicholson im Jahre 1942 ermöglichte eine umfassende zeitliche und geographische Beurteilung des Phänomens. Jetzt konnte die Suche nach der Lösung des Rätsels beginnen.
Gab die Zahl der erbeuteten Felle überhaupt Aufschluss über die wahre Zahl der vorhandenen Tiere? Im Zeitraum von 1778 bis 1790 fehlen beispielsweise in der Pelzstatistik die gewohnten Spitzenerträge. Just in jenen Jahren wütete unter den Indianern eine Pockenepidemie. 1980 äusserte ein Autor die Hypothese, der Hasenzyklus sei zwar natürlich, der Luchszyklus aber widerspiegle lediglich die Jagdtradition der Cree-Ojibwa-Indianer: In hasenarmen Jahren hätten die Indianer für die eigene Ernährung Elch und Karibu jagen müssen und deshalb keine Zeit für den Tauschhandel mit Fellen gehabt. Bei hoher Schneeschuhhasen-Dichte aber sei es den Frauen und Kindern möglich gewesen, mit Schlingen rasch genügend Hasen für den täglichen Bedarf zu fangen, was den Männern Freizeit für den Pelztierfang liess.
Diese hübsche Hypothese fand ihre Widerlegung mit der Erkenntnis, dass die Indianer in den «luchsarmen» Jahren andere Pelzarten weiterhin in grösseren Mengen an die Bay lieferten. Zudem wurde im 20. Jahrhundert der Hauptteil der Pelzernte von weissen Fallenstellern eingebracht, die kaum Hasen assen und trotzdem Luchsfelle im ausgeprägten Zehnjahreszyklus erbeuteten.
Nachdem auch Mutmassungen über modebedingte Schwankungen des europäischen Pelzmarktes diese Regelmässigkeit nicht erklären konnten, machten sich die Mathematiker an die Arbeit. Sie brachten nach den klassischen Regeln der Jäger-Beute-Beziehung den Luchszyklus mit dem Hasenzyklus in zeitlich verschobenen Gleichtakt: der Jäger Luchs vermehrte sich rasch, wenn er viel Beute fand, und er verhungerte, wenn er durch Übernutzen des Hasenvorrates seine Nahrungsgrundlage ruiniert hatte.
Nur: Alle mathematischen Bemühungen konnten nicht erklären, warum die beiden Zyklen über ein derart weites Gebiet synchron sind, obwohl lokal durchaus zeitliche Abweichungen bestehen. Die Fachleute wurden sich schliesslich einig, es müsse über allen ökologischen und menschlichen Faktoren ein geheimnisvoller und mächtiger Taktgeber walten, der das Werden und Vergehen mindestens der Schneeschuhhasen-Population zeitlich regle.
In den letzten zwanzig Jahren verdichtete sich die Vermutung, der Hasenzyklus werde vom wechselnden Angebot an Nahrungspflanzen gesteuert. Und dieser Rhythmus wiederum unterliege einem Klimadiktat. In der Tat liess sich zeigen, dass in der Taiga Nordamerikas Niederschlagshäufigkeit und Temperatur der Sommermonate im mehrjährigen Verlauf parallel zum Hasenzyklus schwanken. Was aber steuert das Klima? Höchstwahrscheinlich der Kosmos. Denn mit einer mittleren Periodenlänge von 10,6 Jahren wächst und schwindet die Strahlungsaktivität der Sonne, wobei als sichtbare Zeichen erhöhter Aktivität auf dem Sonnenantlitz dunkle Flecken, die Sonnenflecken, erscheinen.
Die selbst für manchen Wissenschafter phantastisch klingende Sonnenfleckentheorie erhielt 1993 dank der Arbeit von Sinclair Unterstützung, der an gefällten Bäumen im Yukon das rhythmische Auftreten von sehr engstehenden Baumringen nachweisen konnte. Die im Baumquerschnitt alle acht bis zwölf Jahre auftauchenden engen Jahrringe interpretierte Sinclair als Zeichen eines verringerten Wachstums der Nadelbäume infolge starken Verbisses durch die periodisch sehr zahlreich auftauchenden Hasen. Auch die von den Astronomen registrierten Sonnenfleckenzyklen zeigen Perioden mit schwankender Dauer zwischen acht und vierzehn Jahren. Überzeugend wirkt nun die Feststellung, dass in Zeiten, wo die maximale Sonnenaktivität schwach ausgeprägt war, der Sonnenfleckenzyklus und die Abfolge enger Baumringe nicht gut übereinstimmen und in verschiedenen Regionen zeitlich durchaus verschoben sein können. In den drei Epochen von 1751 bis 1787, 1838 bis 1870 und 1948 bis heute aber, die alle durch eine generell starke Sonnenaktivität gekennzeichnet waren und sind, folgt der Baumringzyklus (und mit ihm der Hasenzyklus) grossräumig und exakt dem Takt der Sonnenflecken.
So sind sich die Wissenschafter weitgehend einig, dass ein kosmischer Zyklus das Wohlergehen der Schneeschuhhasen in Nordamerika regiert. Für den Biologen aber bleibt die Frage, wie solche Kausalität im ökologischen Detail funktioniert, denn Sonnenflecken gebären keine Hasen und töten sie auch nicht.
Diese Frage zu klären, dient die wohl grösste ökologische Freilandstudie, die 1976 begonnen wurde. Unter der Leitung der Universität von Britisch Kolumbien in Vancouver hat sich eine internationale Forschergemeinschaft im Jagdbanngebiet Kluane im südwestlichen Yukon an die Aufgabe gemacht, das regionale Ökosystem in seiner ganzen Vielfalt zu untersuchen. Den Forschern war klar geworden, dass Hase und Luchs, Kojote und Eichhörnchen, Kräuter und Sonne in inniger Verflechtung zusammenwirken und die natürlichen Zyklen nur in der Gesamtschau zu verstehen sind.
Bei diesem wissenschaftlichen Generalangriff ist auch das Berner Biologenpaar Christine und Urs Breitenmoser-Würsten dabei. Die beiden widmen sich vorab der Reaktion der Luchse auf den Zusammenbruch der Hasenpopulation. Die ersten Ergebnisse sind unlängst in der Zeitschrift «Wildbiologie International» publiziert worden. Es zeigt sich, dass die Hasen vom Winterfutter, vor allem von Sträuchern und Bäumen, entscheidend abhängen.
Die wachsende Hasenmenge übernutzt die karge Vegetation jeweils derart stark, dass die Hasen wieder weniger werden, noch bevor die Luchse zuschlagen. Der Luchs selber ist Nutzniesser wie Opfer des Hasenzyklus, indem er beim Wachsen der Hasenbevölkerung sofort mehr Junge produziert, beim Schwinden der Hasen aber seine Fruchtbarkeit rasch reduziert. Denn während Hasenfresser wie Greifvögel und Kojoten auf andere Beute ausweichen können, ist der Luchs auf den Schneeschuhhasen spezialisiert.
Der dann alle zehn Jahre durch die erhöhte Sonnenaktivität vermittelte Klimabonus hilft der geschundenen Vegetation - und damit den Hasen - schliesslich wieder auf die Beine.