NZZ Folio 11/99 - Thema: Echtzeit   Inhaltsverzeichnis

Ich male ein Bild meines Daseins

Zeit, Endlichkeit und Ewigkeit im Werk von Roman Opalka.

Von Sibylle Omlin

Roman Opalka, 1931 in Frankreich als Sohn polnischer Eltern geboren, 1946 nach Polen zurückgekehrt und heute in Bazérac in Südwestfrankreich lebend, begann 1965 auf einer schwarz grundierten Leinwand eine Zahlenreihe in titanweisser Farbe mit der Zahl 1. Am 20. September 1999 war er auf dem 210. Bild bei der Zahl 5 248 565 angelangt. Bis Sie, der Leser, die Leserin, dieses Heft in die Hände bekommen, wird Opalka vielleicht die Zahl 5 258 000 erreicht haben.

Opalka malt die Zahlen etwa 5 Millimeter gross mit der immer gleichen Pinselgrösse; auf einer ganzen Bildfläche finden etwa 20 000 Zahlen Platz. Mit jedem Bild gab Opalka der Hintergrundfarbe Schwarz ein Prozent mehr Weiss hinzu, so dass der Hintergrund heute von einem hellen Grau ist. Die Bilder wurden und werden also zusehends weisser.

1968 erweiterte er das Konzept um Tonbandaufnahmen: seither zählt er die Zahlen beim Malen laut in polnischer Sprache und nimmt dieses Zählen auf Tonband auf, damit die Zahlen wenigstens noch hörbar und also bestimmbar wären, wenn er bei weissen Zahlen auf weissem Grund anlangt. Und er macht von sich an jedem Tag, an dem er an den Zahlenbildern arbeitet, eine Fotografie.

Opalka 1965/1 - <unendlich> heisst das Werk. Absicht des Künstlers ist es, in mehreren Dimensionen die Zeit zu dokumentieren, zu manifestieren, erlebbar zu machen. Seit 1970 arbeitet er ausschliesslich an diesem Projekt. Bis in die frühen neunziger Jahre hatte er in den Ferien und unterwegs noch ein separates Zahlenprojekt auf Postkarten geführt.

Herr Opalka, das Jahr hat 365 Tage. Bis ins Jahr 2000 werden Sie - abzüglich Ferien, Ausstellungen und dergleichen - über 12 750 Tage an Opalka 1965/1 - <unendlich> gearbeitet haben, die Hälfte Ihres bisherigen Lebens. Was bedeutet Ihnen Zeit? Was bedeuten Ihnen Zahlen?

Das Konzept Opalka 1965/1 - <unendlich> und das Leben des Künstlers Roman Opalka sind eine Einheit. Es ist aber nicht so, dass ich meine Lebenszeit in Zahlen umrechne - Zahlen sind nur ein Hilfsmittel - und sie in Malerei festhalte, sondern ich male die Zeiten. Der Plural ist bewusst gewählt. Ich verstehe Zeit nicht nur als lineares Kontinuum, als Spur des Vergehens, sondern als raumzeitliche Ausdehnung in alle Richtungen wie in einem Koordinatensystem. Das Projekt zeigt meine psychische Befindlichkeit in allen Dimensionen. Deshalb umfasst mein Werk nicht nur Malerei auf dem traditionellen Tafelbild, sondern auch Fotografie und gesprochene Sprache. Jeden Tag, an dem ich daran arbeite, stelle ich mit Selbstauslöser und fix installierter Kamera eine Fotografie von mir her.

Was bezwecken Sie damit?

Mit dem Fotografieren habe ich die Fragmentierung der Zeit im Auge. Der Augenblick des Fotografierens, das Öffnen und Schliessen der Verschlussklappe in der Kamera, entspricht dem Lidschlag des menschlichen Auges. Ich dokumentiere nicht nur die Zeit, während der ich male, sondern auch die Zeit, während der ich mich mit Ausstellungen beschäftigte, mich um andere, das Projekt betreffende Probleme kümmere, während ich schlafe und während der ganz alltäglichen Verrichtungen, zum Beispiel auch, wenn ich mit Ihnen spreche. Die Fotografien meines Gesichts zeigen den Wandel, sie zeigen das immer weissere Haar, das sich in immer weisseren Bildern verliert. Es ist ein scheinbar paradoxes Unterfangen, in der Vergänglichkeit immer das Gleiche festzuhalten: das Portrait ist immer gleich komponiert, die Beleuchtung bleibt gleich, ich trage immer das gleiche weisse Hemd, habe den gleichen Haarschnitt, den gleichen Gesichtsausdruck. Und es wird immer das eine Gesicht fotografiert - das meinige. Wenn man die Zeit definieren will, wie ich, muss man einen Bezug haben, der immer dabei ist.

Wenn Sie die Zahlen malen, zählen Sie sie laut mit, in polnischer Sprache, Ihrer Muttersprache, und nehmen sich auf Tonband auf. Ihr Bedürfnis, sich mit Apparaten in der Zeit festzuhalten, ist fast grenzenlos.

Das Projekt, die irreversible Zeit zu malen, ist auch die Ausdehnung meines Seins. Um dieses Sein zu erfassen, bediene ich mich eben verschiedener Medien. Die Zeit, die ich manifestiere, ist körperhaft, indem sie mit meinen Handbewegungen verbunden ist, mit dem Verschleiss von Pinseln, mit dem Trägermaterial Leinwand - aber auch mit dem Gegenteil von Körperhaftem, dem Geistigen: der Körper von Farbe, an den die Zahl gebunden ist, tendiert zu einem immer helleren Weiss; die Zahlenprogression ist ein Prozess, in dem sich die Zahlen in immer grösserer Helligkeit allmählich verlieren.

Was hat es für eine Bewandtnis damit?

Was Sie in meinem Werk sehen, ist das Hervorbringen eines erdauerten Weiss. Weiss war als Imagination und als Emotion schon am Anfang meines Konzeptes da. Wie die Zahl 1, die ich an den Anfang gesetzt habe und die bereits ein Ganzes war. Mit der 1 war potentiell schon alles da, wie bei einer Geburt. Das Weiss hat den Aspekt des Verdientseins, da es in der Zeit, die mir bis zur völligen Erschöpfung der Lebenskräfte verbleibt, vertieft wird. Wir leben alle in einem Programm, das unser Leben erschöpft. Mein künstlerisches Programm bringt aber ein individuelles und doch universelles Werk hervor. Ich male ein Bild von der Emotion des Seins in der Welt. Diesem Bild widme ich meine ganze Zeit und Kraft.

Das Weiss, das Sie von Bild zu Bild um ein Prozent mehr aufhellen, ist heute von einer Durchsichtigkeit, die es vom Weiss der Zahlen fast nicht mehr unterscheiden lässt. Und Ihr Gesicht, Ihr Haar auf den Fotos ist von einer fast ebenso grossen Transparenz. Und Sie zählen nicht Daten, sondern reine Zahlen. Ist das ein Abstraktionsprozess?

Bei der Unsinnigkeit, oder besser gesagt, bei der dauernden Enttäuschung über mein Tun, brauche ich eine logische und emotionale Sicherheit, eine Abstraktion, eine Art logische Gravitation, wenn Sie so wollen. In meinem Fall ist es die Neuinterpretation des Bildes von Sisyphos, wie es die griechische Mythologie hervorgebracht hat. In meinem Werk geht es nicht nur um die Befreiung von Sisyphos, sondern auch um die Befreiung von Zeit. Das Bild von Sisyphos ist wie eine Sanduhr, die immer wieder gedreht wird, während mein Werk eine progressive Dynamik impliziert, die sich nie wiederholt und doch eine einzigartige Einheit darstellt, im Grunde das Leben, die Welt.

Gab es nie Krisen? Keine Unlust? Ist bei diesem Projekt nicht die Idee verlockender als die Ausführung?

Es gab eigentlich nur eine Krise. Eine sehr grosse sogar, kurz nach der Aufnahme der Arbeit am Projekt. Ich hatte eine schwere Herzkrise mit 35, einen Zusammenbruch, der mich an den Rand des Todes brachte. Es war bezeichnenderweise die Zeit der Entscheidungen, die im Hinblick auf das Projekt gefällt werden mussten: das Bildprogramm, das Bildformat, die Farbe, die Grösse der Zahlen, die Art, wie die Zahlen geschrieben werden sollten. Die 7 mit Querstrich oder ohne. Die Wahl des Pinsels, des Materials. Die Frage, ob das gewählte Material bis an mein Lebensende erhältlich sein würde.

Wie waren die Reaktionen?

Viele Leute haben mich ermuntert, immer wieder. Opalka 1965/1 - <unendlich> darf nicht aufhören, schrieben die Kritiker in den achtziger Jahren, als einige Leute sagten: Genug, Opalka, wir haben genug von deiner Idee gesehen.

Sie haben bis jetzt 209 Bilder gemalt. Sie sind mit dem Zählen bald bei 5 300 000 angelangt. Sie sind nun 68 Jahre alt. Ihre Lebenszeit beträgt nach statistischem Durchschnitt noch etwa zwölf Jahre. Wann ist Opalka 1965/1 - <unendlich> fertig?

Ich weiss, was Sie beschäftigt: die Frage nach meinem Tod und nach der Vollendung meines Werks. Natürlich ist das Projekt in erster Linie mit meinem Tod abgeschlossen. Die Endlichkeit der Zeit ist also identisch mit der Endlichkeit meiner Lebenszeit. Das Phänomen der Zeit scheint nur einmal im Leben wirklich wundertätig zu sein. Paradoxerweise ist dieser freundliche Moment der Augenblick des Todes, der schwierigste Augenblick, vor dem jeder Mensch von Natur aus Angst hat, obwohl das Wissen um den Tod eine Voraussetzung dafür ist, dass das Leben die grösste Emotion ist. Wir werden nie erfahren, dass wir nicht mehr sind. Der Moment des Sterbens ist unermesslich, weil er sich zwischen den Brüchen der Raumzeit befindet.

Bleibt denn Opalka 1965/1 - <unendlich> nicht ein Fragment, weil Sie , das Unendliche, gar nie erreichen?

Mir geht es nicht um die Darstellung der Unendlichkeit oder der Endlichkeit von Lebenszeit. Mir geht es um die Vollendbarkeit eines Kunstwerks. Wann kann ein Kunstwerk als vollendet gelten? Diese Frage hat schon Leonardo da Vinci beschäftigt. Es ist eine willkürliche Festlegung der Grenzen, die eng an den Begriff des Fragments gekoppelt ist. Wenn ich sterbe, wird Opalka 1965/1 - <unendlich> absolut vollendet sein. Es wird kein Fragment bleiben, da das Konzept der Arbeit keine Fragmentarisierung erlaubt. Das Konzept ist bereits das Ganze, bereits die erste Zahl, die 1, war das Ganze. Deshalb behaupte ich, dass das Aufregendste an dieser Arbeit die Zeit bis zum Beginn war. Die Vorbereitungsphase und die Entscheidungen, die für die Durchführung des Projekts zu fällen waren, waren die intensivsten Momente der Arbeit, da die einmal getroffenen Entscheidungen irreversibel waren.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Ja, natürlich. Sie nicht?

In Ihren früheren Bildern war eine deutliche Artikulation der Zahlen zu erkennen, immer dann, wenn der Pinsel voller Farbe zu einer Zahl ansetzte, war das Weiss dichter. Auf Ihren jüngsten Bildern scheint sich die Zahlenschrift zu verwischen. Auch der Duktus Ihrer Hand hat sich verändert im Laufe der Jahre; er ist luzid und gelassen geworden wie auch Ihr Gesichtsausdruck auf den Fotos.


Ich denke, es hat damit zu tun, dass der Tod im eigentlichen Sinn gar nicht existiert. Das vollendete Leben ist in meinem Fall das vollendete Werk, das gleichzeitig auf die Unendlichkeit hin geöffnet ist.

Meinen Sie das in einem religiösen Sinn?

Nein, vielleicht in einem diabolischen Sinn. Ich meine es vielleicht vor allem in einem Sinn von Trennung und Begegnung, wie dies bereits Parmenides bezüglich der unzerstörbaren Einheit von Raum und Zeit bedachte. Die Wirklichkeit ist immer daran, gerade erst geschaffen zu werden. Natur ist immer Kreation. Der Tod ist einfach ein bestimmter Moment, der dem Individuum so erscheint, als ob alles aufhöre. Der Moment hat jedoch keine scharf begrenzte Dauer, keinen Beginn und kein Ende. Er ist grenzenlos. Das, was unendlich klein ist, ist im Grunde auch unendlich gross. Der Begriff Moment kommt vom griechischen Wort für Bewegung. Gemeint ist daher nicht nur die Zeit, die ich erkennbar mit der linearen Zahlenprogression male, sondern auch die, die aus der linearen Progression heraus entsteht: wo sich Zahlenverhältnisse in allen Richtungen auftun, wie dies bei der Vergegenwärtigung der von uns schon durchlebten Zeit der Fall ist. Diese Zeit nenne ich: die befreite Zeit.

Werden auf Ihren Bildern, wenn Sie lange genug leben, Zahlen und Hintergrund eins werden?

Ich werde nie zum absoluten Weiss gelangen, denke ich. Weisserwerden ist ja immer in der Relation zu einem vorangegangenen Weiss zu sehen. Falls ich das sogenannte Weiss auf Weiss erreiche und von Auge kein optischer Unterschied zwischen dem Hintergrund und den Zahlen mehr zu erkennen ist, wird immer noch ein chemischer Unterschied in der Zusammensetzung der Farben zu registrieren sein, da der Hintergrund mit Zinkfarbe, die Ziffern hingegen mit Titanweiss gemalt sind. Ich werde älter, und das wird das Problem noch vergrössern: Zahlen zu malen, die irgendwann nur noch während der kurzen Zeit des Trocknens der Acrylfarbe zu sehen sein werden.

Was bedeutet es für Sie, wenn Sie nicht an Ihrem Werk arbeiten können, weil Sie unterwegs sind, etwa an Ausstellungen?

In der Tat habe ich keine Zeit zu verlieren. Ich bin ungeduldig, wenn ich nicht an Opalka 1965/1 - <unendlich> arbeiten kann. Und ich bin wohl der Künstler mit den meisten Geschwindigkeitsbussen, weil ich ständig zu schnell fahre. Für mich ist die Arbeit für Ausstellungen allerdings auch Arbeit am Werk selbst. Die Leute wollen diese Arbeit ja sehen, ihr Wachsen. Und auf das Jahr 2000 hin ist ein Werk, das sich mit Zeit beschäftigt, offenbar sehr gefragt.

Was werden Sie in der Nacht vom 31. Dezember 1999 auf den 1. Januar 2000 tun?

Ich werde ich in meinem Atelier sein und arbeiten. Nichts Aussergewöhnliches, ausser dass man mir in dieser Nacht über Satellitenfernsehen auf der ganzen Welt dabei zuschauen kann.

Sibylle Omlin ist Mitglied der NZZ-Redaktion.


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