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Sportmärchen -- Prinz Aprikose
© Markus Roost
Von Richard Reich
Es war einmal ein Prinz, der meinte, er sei der glücklichste Mensch der Welt. Denn erstens lebte er in einer Gegend, wo die Aprikosenbäume blühten. Zweitens war er ein geradezu unanständig hübscher Kerl mit Mandelaugen, Aprikosenhaut und pechschwarzem Haar. Drittens war er ein derart begnadeter Tänzer, dass er den Mägdelein seines Städtchens die Köpfe verdrehte und die Herzen brach.
Übrigens tanzte der Prinz nicht nur am Erntedankfest oder auf Bällen, sondern Tag und Nacht. Er tanzte über Stock und Stein, über Flur und Hain, und am allerliebsten tanzte er im städtischen Kurpark. Dort probierte er komplizierte Figuren, riskierte die kühnsten Sprünge und drehte rund um den Springbrunnen Pirouetten, bis den Frauen ganz flau wurde im Magen und sie auf eine Tasse Verveine ins Grand Hotel wankten. Ihre Männer standen bereits an der Bar und tranken Marc und rissen über den sanften Prinzen bitterböse Witze.
Draussen aber war der Tänzer nun allein auf weiter Flur. Keiner sah ihm mehr zu ausser einem bärtigen Russen, der im Kurpark tagein, tagaus die Passanten anpumpte; abends sass er im Casino und verspielte sein Geld. «He, Durchlaucht!» rief der alte Russe, «was zahlst du mir für einen guten Rat?» Der Prinz schaute verwundert und sprach: «Wie sollte ich einen Rat brauchen, wo ich doch ein Prinz bin und erst noch ein guter Tänzer?» – «Weil du unglücklich bist», antwortete der Alte, «denn wisse, das Glück ist wie eine Aprikose: Du musst es eigenhändig pflücken! Wenn es dir vor die Füsse fällt, ist es längst faul …»
«Da redet mir der Richtige!» lachte der Prinz, blieb indessen stehen, worauf der Russe mit seinen Ratschlägen fortfuhr: «Geh schnurstracks zum Städtchen hinaus und erprobe dein Geschick in der Fremde! Und bevor ich’s vergesse: Dieser Tip kostet dich zwanzig Taler.» – «Das ist Wucher!» maulte der Prinz, gab dem Alten aber doch ein paar Goldstücke und verliess das Städtchen noch am selben Tag.
Der Prinz tanzte eine Weile über Land, bis er in die Hauptstadt kam. Dort fand an diesem Tag ein grosser Tanzwettbewerb statt, bei dem sich die edelsten Edelleute und die tollsten Tänzer des Landes messen wollten. Natürlich nahm der Prinz stehenden Fusses daran teil, und als die Sonne unterging, hatte er den Siegerpokal in der Tasche samt den Herzen aller Prinzessinnen (und dem Hass ihrer Verehrer). So tanzte er unter einem silbernen Sternenhimmel ziemlich zufrieden wieder nach Hause.
Daheim allerdings wurde der Prinz vom Volk statt gefeiert bloss belächelt, und auch der alte Russe beäugte ihn missmutig, denn er hatte vergangene Nacht neben den Goldstücken auch Frack und Manschettenknöpfe verspielt. «Was willst du schon wieder hier?» fauchte er, «hast du’s denn immer noch nicht verstanden? Ausser Landes musst du! Hinfort in die Fremde! Nur wer fern der Heimat die Härte des Lebens erfahren hat, kann daheim auf Dauer glücklich werden!» Da nickte der Prinz traurig, drückte dem Russen einen Beutel mit Goldstücken in die Hand und verschwand.
Er wanderte einen Tag und eine Nacht und noch einen Tag, und dann war er in der Fremde. Dort blieb er nun manche Wochen und Monde und zwar so viele, bis er alle Tänzer der Welt übertrumpft und alle anderen Prinzen ausgestochen hatte. Dann ging er wieder nach Hause, mit zerschundenen Gliedern und kaputten Knien, aber glücklich.
Jetzt endlich feierte man ihn auch daheim wie einen Kriegshelden. Alles schrie «Hoch!» und «Hurra!» – nur der alte Russe nicht, denn der hatte inzwischen im Casino seinen Koffer, das letzte Hemd sowie sein Rasiermesser verspielt. Da sprach der Prinz: «Ich schulde dir viel, Väterchen, du hast einen Wunsch bei mir frei.» Der Russe nickte und sprach: «Tu mir den Gefallen und jag mich aus der Stadt! Auch ich war lang genug in der Fremde.»
Im Januar 2007 gab der Eiskunstlauf-Weltmeister Stéphane Lambiel bekannt, er werde an den nächsten Titelkämpfen nicht mehr teilnehmen, sondern bleibe lieber daheim. Lambiel stammt aus Saxon-les-Bains, wo einst der Dichter Dostojewski sein Geld verspielte.
Richard Reich ist Autor; er lebt in Zürich.
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