NZZ Folio 12/03 - Thema: Kitsch und Kult   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Lui pour Elle

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin

DASS ES zu einem Parfum Mut brauchen könnte, habe ich zum ersten Mal begriffen, als eine Freundin der Familie, eine hochgewachsene, gutaussehende Frau mit Adlernase, kurzem blondem Haar, Rouge auf den Wangen, rauchiger Stimme und durchdringend blauen Augen in unsere Pariser Wohnung schneite. Ich war neun, sie zweiunddreissig, sie trug Tweed und Vétiver für den Mann. Ich verliebte mich. Man schrieb das Jahr 1962, und damals grenzte ihr Verhalten (leider nicht mir gegenüber) ans Skandalöse.

Seither haben wir uns an vieles ge wöhnt. Amazonen müssen – wie erfolgreiche Geschäftsmänner auch – zur Arbeit keine Anzüge mehr tragen. Aber durch unsere Abneigungen drücken wir immer noch genauso viel aus wie durch unsere Vorlieben. Herrenparfums sind dazu bestens geeignet, weil die meisten eine Geruch gewordene Verweigerung sind: auf keinen Fall dies oder jenes, keine Blumen, kein Barbie-Pink, keine Komm-näher-Wolke und vor allem: kein Lachen. Kurz, der Duft, den eine Osterinselstatue trüge, wenn sie sich je rasierte.

Was bleibt einer Frau heute, wo wir gewohnt sind, die Wörter «klug» und «hinreissend» in einem Atemzug zu nennen? Zunächst einmal sollte sie sich an das russische Hausmittel gegen Schluckauf erinnern: «Dreimal ums Haus laufen, ohne dabei an das Wort Wolf zu denken!» Folgen Sie diesem Rat, verbannen Sie alle virilen Gedanken, schlüpfen Sie in ein knöchellanges raschelndes Taftkleid von der Farbe eines seltenen Käfers, und suchen Sie sich den quergestricktesten, selbst angesichts guter Nachrichten gleich mütigsten Duft, den Sie finden können.

Vielleicht fangen Sie mit Rive Gauche pour Homme in der elegant mit Trauerflor gestreiften Aluminiumflasche an. Es ist ein klassischer Farnduft, ein entfernter Nachfahr von Paul Parquets Fougère Royale von 1881, dessen Variationen von Kleins 1981 lanciertem und jüngst neu aufgelegtem Calvin bis zu Martin Heidenreichs erhabenem Azzaro pour Homme von 1979 reichen. Aber behalten Sie es für sich: Diese mattschwarzen Tarndüfte bringen Sie durch die Verteidigungslinien des Gegners, ehe er auch nur Zeit hatte, Alarm zu schlagen.

Mittlerweile sollten Sie zu waghalsigeren Missionen bereit sein. Sie träumen davon, den Spiess für immer umzudrehen, dem Kerl seine Karriere zu stehlen und die Aussicht aus einem Eckbüro zu geniessen? Dann nehmen Sie auch sein Parfum, eine jener heissblütigen Kreationen für Italiener mit offenem weissem Hemd.

Maurice Roucels brillant auf den Punkt gebrachtes Lapidus pour Homme, Guccis pseudo-mystisches, weihrauchschweres Pour Homme oder Carons wunderbares, seit je unterschätztes No. 3 (früher Troisième Homme) werden auf Sie aufmerksam machen. Und falls Sie sich nach all diesen Abenteuern mit einem Gefährten fürs Leben zur Ruhe setzen möchten, dann probieren Sie meinen Liebling: Patous Yohji Homme von Jean-Michel Duriez. Aber drücken Sie aufs Gas, die Produktion soll demnächst eingestellt werden.




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