NZZ Folio 04/07 - Thema: Heiraten   Inhaltsverzeichnis

Die Kinder von 5010

© Julia Komissaroff , Jerusalem.
Jerusalem: Dvori (44) mit Bezalel, Naama (beide 5), Avichai (8). Linktext
Sieben Frauen auf zwei Kontinenten haben eines gemeinsam: Kinder vom Samenspender 5010 – und keinen Mann. Sie freunden sich an und helfen sich auch mal mit ein bisschen Sperma aus. Portrait einer Grossfamilie im 21.Jahrhundert.

Von Anja Jardine

Als Julia sich ein zweites Kind wünschte, ging ihr der Samen aus. Dabei hatte die Marketingfachfrau vier Jahre zuvor, als sie mit dem Kinderkriegen anfing, durchaus auf Vorrat eingekauft. Doch mit 39, und so alt war Julia mittlerweile, klappte die Befruchtung nicht mehr auf Anhieb, und das für Baby Nummer zwei vorgesehene Sperma von Spender 5010, eingelagert in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad, war schnell fruchtlos verbraucht. Mit Schrecken stellte Julia fest, dass 5010 nicht mehr zu haben war. «Er muss zuletzt so um 1997/98 aktiv gewesen sein», sagt sie, und es klingt, als spreche sie von einem Vulkan.

Zu ihrem Glück entdeckte Julia auf Donorsiblingregistry.com – einer Website, auf der sich Kinder von Samen- und Eispendern, ihre Eltern sowie auch die Spender registrieren können – doch tatsächlich eine weitere Mutter mit Nachwuchs von 5010 des New England Cryogenic Center. Und als sie eines Abends mal wieder in ihrem Appartement in New York am Computer sass, Töchterchen Amelia schlief friedlich im Kinderzimmer, fasste sie sich ein Herz und schickte dieser Frau eine E-Mail mit der höflichen Frage, ob sie eventuell noch Samen von 5010 übrig habe, den sie entbehren könne. Auf diese Weise kam Julia nicht nur in den Besitz von fünf weiteren strohhalmdünnen Gläschen des kostbaren Saftes, sondern fand auf Anhieb drei Halbgeschwister von Amelia. Und das war nur der Anfang.

Die Zwillinge Naama und Bezalel und ihr Bruder Avichai leben mit ihrer Mutter Dvori in Jerusalem; sie sind orthodoxe Juden. Die Kinder besuchen spezielle Schulen, halten Sabbat, essen koscher – am liebsten Falafel –, verkleiden sich an Purim und nicht an Fasnacht; in ihrer Strasse wachsen Zitronenbäume. Ihre Halbschwester spielt in den Häuserschluchten von Manhattan. Sonntags geht Amelia manchmal mit ihrer Mutter in die liberale Episcopal Church, wo der Gottesdienst mit viel Gesang gefeiert wird; sie liebt Maccaroni mit Käse, Mary Poppins und spielt am liebsten mit ihrem Puppenhaus.

Die vier Kinder sprechen nicht die gleiche Sprache. Doch sie alle haben das gleiche feine Haar, die gleichen schmal geschnittenen Gesichter und ein Talent fürs Malen und Zeichnen. «Manchmal, wenn ich Amelia laut und melodisch singen höre, denke ich, das hat sie von ihm», sagt Julia. Es ist ein Puzzle, ein Vater-Puzzle, und mit jedem weiteren Halbgeschwisterchen, das sich auf der Website registriert, kommt ein Teil hinzu. Mittlerweile sind es elf Kinder in sieben Familien. In der Summe wird sich nie ein Bild ergeben. Und doch ist 5010, der Abwesende, immer präsent.

Als Amelia zwei war, hat sie zum ersten Mal gefragt: «Wo ist mein Daddy?» Da hat Julia ihr aus einem Bilderbuch vorgelesen, das das Donor Conception Network in England herausgegeben hat: «Es gibt viele verschiedene Arten von Familien … Um ein Baby zu machen, braucht man den Samen von einem Mann und das Ei von einer Frau.» Der Mann, so heisst es weiter, «… wird nicht Teil unseres Lebens sein, aber es ist gut zu wissen, wie nett und grosszügig er war, denn ohne ihn hätte ich nicht das Glück, dich zu haben».

Julia war 32 Jahre alt, als sie in Betracht zu ziehen begann, es unter Umständen allein zu machen. Die letzte langjährige Beziehung zu einem Mann war in die Brüche gegangen, als sie Ende 20 war, seitdem hatte sich keine Liebe mehr als dauerhaft erwiesen. Und für Julia stand felsenfest: Ein Ehemann wäre schön, ein Kind jedoch war lebensnotwendig. Plan A lautete also, schleunigst einen Erzeuger zu finden. Sollte der sich bis zu ihrem 35. Lebensjahr nicht materialisiert haben, träte Plan B in Kraft: Sie würde allein Mutter werden. «Viele Frauen glauben, sie hätten Zeit bis 40», sagt Julia, «nur weil sie dreimal die Woche ins Fitnesscenter gehen und aussehen wie 32. Die sind fassungslos, wenn sie mit Ende 30 feststellen, dass Gebärmutter und Eierstöcke erbarmungslos gealtert sind und ihre Zeit zu Ende geht.»

Das sollte Julia nicht passieren. Noch während sie unter Hochdruck Plan A verfolgte und sowohl im realen als auch im virtuellen Raum nach dem Richtigen fahndete, zahllose Dates absolvierte, sicherte sie die Rückfallposition auf Plan B. Neben ihrer Arbeit bei einer Maschinenbaufirma absolvierte sie ein Aufbaustudium in Marketing, um ihre Karrierechancen zu verbessern. «Als alleinerziehende Mutter in New York brauchst du Geld», sagt Julia. Parallel dazu recherchierte sie die Möglichkeiten, die einer Frau ohne Mann zu Gebote stehen, um an ein Kind zu gelangen: Adoption und Samenspende.

In dieser Zeit fiel Julia das Buch «Single Mothers by Choice» von Jane Mattes in die Hände. Unter dem Kürzel SMC hatte Jane Mattes vor 26 Jahren eine Organisation gegründet, die «alleinerziehenden Müttern aus freiem Entschluss» Unterstützung anbietet. Mitglied werden kann nur, wer bereits zum Zeitpunkt der Empfängnis willens war oder ist, das Kind allein grosszuziehen. Also keine Scheidungs- oder Trennungs-Alleinerzieherinnen.

Julia wurde Mitglied und besuchte die Treffen der lokalen SMC-Gruppe. «Du denkst, mein Gott, da sitzen bestimmt lauter Mauerblümchen», sagt Julia, «und dann sind es ganz normale Frauen.» Vor allem tauschen sich dort «Nachdenkerinnen» und «Versucherinnen» aus. Die einen grübeln noch, die anderen versuchen bereits, schwanger zu werden. Eines wird deutlich: Man muss um die Familie, die man nicht haben wird, getrauert haben, bevor man sich zum Alleingang aufmacht: «Niemand wird dir nach der Geburt eine Kette um den Hals legen. Und es wird keine Sonntagmorgen zu dritt im Bett geben.»

Für Julia kein Problem. Als Mr. Right, wie sie ihn nennt, sich auch in ihrem 35. Jahr nicht blicken liess, hörte sie auf, mit Männern auszugehen, und verwirklichte Plan B. «Ich wollte nicht, dass mir jetzt noch einer dazwischenfunkt. Bei jedem denkt man, der könnte es sein. Und so ziehen Jahre ins Land.» Eine Haltung, die immer mehr Frauen einnehmen. In den USA stieg die Zahl der Babies, die von alleinstehenden Frauen zur Welt gebracht wurden, zwischen 1999 und 2003 um 17 Prozent, wie das National Center for Human Statistics registrierte. Und SMC nahm 2005 doppelt so viele neue Mitglieder auf wie zehn Jahre zuvor; insgesamt waren es in 26 Jahren knapp 10 000 Frauen, darunter welche aus Australien, der Schweiz und Israel.

Menschen aus aller Welt kaufen in den USA ein, was im eigenen Land verboten ist: Eizellen, Embryonen, Leihmütter. In keinem anderen Land ist die Keimzellspende derart kommerzialisiert. Da die Amerikaner ein konstitutionell verankertes Recht auf Freiheit in Fragen der Fortpflanzung haben, gibt es so gut wie keine Restriktionen. Einer der wenigen Fälle, der im Jahr 2000 eine Ethikkommission auf den Plan rief, war der von Pamela Reno. Ihr Sohn Jeremy war noch keine 24 Stunden tot, als man ihm rektal eine Elektrosonde bis zur Prostata einführte, seine Beckenmuskulatur in rhythmisches Zucken versetzte und dem 20-Jährigen auf diese Weise einen letzten und unfreiwilligen Orgasmus verpasste, der seine Mutter in den Besitz von genügend Sperma für drei Versuche brachte, sich mittels künstlicher Befruchtung Enkelkinder zu machen. Im Tausch gegen den Samen ihres Sohnes hatte Pamela Reno seine Organe zur Spende freigegeben. Obwohl Jeremy weder für die Organ- noch für die Samenspende seine Einwilligung erteilt hatte, bevor er sich an jenem Abend beim russischen Roulette eine Kugel in den Kopf schoss. Der Fall Reno macht deutlich, wie weit die Technik es dem entstehenden Leben erlaubt, sich von jenem zu lösen, aus dem es hervorgegangen ist. Es können Kinder geboren werden, deren Eltern zum Zeitpunkt der Zeugung längst tot sind.

900 000 Samenspenden pro Jahr werden bei den 150 Samenbanken in Amerika bestellt, der Anteil alleinstehender Frauen und lesbischer Paare an der Kundschaft wird auf 50 bis 70 Prozent geschätzt. Ein nicht quantifizierbarer Teil von ihnen kommt aus Europa, wo die Fortpflanzungsmedizin in vielen Ländern verheirateten Paaren vorbehalten ist. Belgien, die Niederlande, Spanien und Dänemark erlauben die künstliche Befruchtung für Alleinstehende und Lesben; Deutschland, Norwegen, Italien und die Schweiz nicht.

Doch in Webforen wie go.feminin.ch diskutieren Singles auch hierzulande, wie sich ihr Kinderwunsch verwirklichen liesse. Sie geben sich gegenseitig seelische Unterstützung und vor allem praktische Hinweise. So erfährt man, dass in Dänemark die Storkklinik empfehlenswert sei, dass in Deutschland das Hauptproblem darin bestehe, einen Arzt zu finden, der mitmache – amerikanische Samenbanken lieferten prompt, heisst es, wenn man die Adresse eines Arztes nennen könne. Wer beschliesst, selbst zu inseminieren, sprich: sich den Samen selbst einzuführen, dem wird ans Herz gelegt, zu prüfen, wann der Eisprung ist; und zur Freisetzung schwangerschaftsfördernder Hormone «hilft vielleicht ja Selbstsex, zeitnah an der Insemination».

Mit Selbstinsemination hatte Julia nichts am Hut. Für sie war das Ganze ein medizinischer Akt wie eine Kariesbehandlung. Und da sie unter ihren Freunden niemanden kannte, den sie um ein Reagenzglas Sperma, geschweige denn um eine unverbindliche Befruchtung hätte bitten mögen, wälzte sie die Kataloge der Samenbanken. Denn sie wollte unbedingt einen Ja-Spender – das verringerte die Zahl der in Frage kommenden Kandidaten radikal. Ein Ja-Spender ist einer, der Kindern, die aus seinem Samen hervorgegangen sind, erlaubt, im Alter von 18 Jahren Kontakt mit ihm aufzunehmen. Ein Treffen wird nicht versprochen, eine Beziehung schon gar nicht, aber immerhin.

Julia blieben am Ende fünf Kandidaten zur Auswahl. Von denen litt einer an Migräne, da waren es nur noch vier; einer war zu dunkel, da waren es nur noch drei. Sie liess von der Samenbank ein Fotomatching machen, bei dem ihr Foto mit jenen der drei Kandidaten abgeglichen wurde, um den ihr Ähnlichsten herauszufischen. Julia selbst wollte die Fotos nicht sehen: «Besser nicht», sagt sie, schliesslich gehe es nur um genetisches Material. Die Wahl fiel auf 5010. Julia kaufte vier Gläschen à 170 Dollar plus Versandkosten. Der Gynäkologe spritzte den Samen direkt in die Gebärmutter, die Krankenkasse übernahm die Kosten, Julia wurde schwanger und trat zeitgleich einen neuen Job beim «Time Magazine» an, der sie finanziell so stellte, dass sie sich nach Amelias Geburt eine Vollzeit-Tagesmutter leisten konnte. Plan B termingerecht erfüllt.

Als Julia 1999 Samen kaufte, waren die Ja-Spender noch eine Rarität, doch mittlerweile ist die Nachfrage so stark gestiegen, dass Samenbanken forciert solche rekrutieren. Ein Ja-Spender bekommt etwa 20 Prozent mehr Geld – um die 75 Dollar pro Spende; die Kundin zahlt 400 bis 500 Dollar. In der Vergangenheit wurden Samenspenden vor allem von Paaren in Anspruch genommen, deren Anliegen es war, die Unfruchtbarkeit des Mannes geheimzuhalten. Bei Alleinstehenden und Lesben geht das nicht. Hinzu kommt, dass Studien über Adoptivkinder gezeigt haben, wie wichtig die Kenntnis des eigenen Ursprungs für die psychosoziale Entwicklung eines Menschen ist.

Eine neue EU-Richtlinie zu Zell- und Gewebespenden trägt dem Rechnung, indem sie vorschreibt, Spenderunterlagen 30 Jahre aufzubewahren. In vielen Ländern ist die anonyme Samenspende bereits verboten – in der Schweiz seit 2001, in England seit 2005. In beiden Ländern herrscht seitdem «Sperma-Notstand», so dass die Reproduktionskliniken Samen aus den USA importieren. Doch auch die unterliegen der Meldepflicht.

Dass Anonymität im 21. Jahrhundert ohnehin nicht mehr zu gewährleisten ist, hat 2005 ein 15-Jähriger bewiesen, als er mit Hilfe einer DNA-Probe und einer genetischen Datenbank im Internet seinen Vater aufspürte. Der Junge hatte einen Abstrich aus seiner Mundhöhle an Family Tree DNA geschickt, eine private Registratur von 45 000 DNA-Proben, um herauszufinden, ob sein Y-Chromosom, das von Vater zu Sohn weitergegeben wird, mit einem Registrierten identisch sei. Er fand zwei Männer, deren Y-Chromosomen seinem sehr ähnlich waren. Der Teenager ging nun auf OmniTrace.com und gab Geburtsdatum und Geburtsort seines Samenspenders ein (die seine Mutter von der Samenbank erhalten hatte), um alle Namen zu kaufen, die an dem Tag an dem Ort geboren worden waren. Und siehe da: Ein Mann trug den gleichen Nachnamen wie einer der zwei aus dem DNA-Register. Bingo.

Auch Dvori in Israel wollte unbedingt einen Ja-Spender, und darin lag für sie das grösste Problem. Denn zwar hat in Israel jede Frau ein gesetzlich verankertes Recht auf zwei Kinder – egal, ob sie verheiratet ist oder nicht. Die staatliche Krankenkasse bezahlt jede erforderliche Behandlung. «Nach dem Holocaust wollen die Juden so viele Kinder wie möglich», sagt Dvori. Doch die Spender werden vom Arzt ausgesucht und bleiben grundsätzlich anonym, die Frau darf lediglich Wünsche zu Haar-, Augenfarbe und Grösse äussern. Als orthodoxe Jüdin ist Dvori gehalten, einen nichtjüdischen Spender zu nehmen, denn als Nichtjude ist der Vater einfach nicht existent, was weniger Probleme bereitet als ein anonymer jüdischer Vater. Der nämlich müsste ausfindig gemacht werden, wenn Avichai, Bezalel oder Naama eines Tages heiraten wollen. Dvori suchte also einen nichtjüdischen Ja-Spender, der – das war ihr besonders wichtig – keine deutschen Vorfahren hat.

Sie wusste von den Ja-Spendern in den USA und überzeugte ihren ersten Arzt, von dort Samen zu beschaffen, worauf die Gesundheitsbehörde drohte, ihm die Lizenz zu entziehen. Das konnte Dvori nicht entmutigen. Sie suchte sich einen neuen Arzt, beschaffte sich eine Importlizenz für ihre Ja-Spende, klapperte zu diesem Zweck jede beteiligte Behörde ab, verliess nie den Raum, bevor die nötigen Formulare ausgefüllt waren.

Der Kinderwunsch scheint ungeheure Kräfte freizusetzen. Die Single Mothers by Choice sind Grossmeisterinnen des Multitaskings. Ihr Tagwerk ist ein Kraftakt. Dvori arbeitet als Informatikerin in anspruchsvoller Position. Zwei Jahre nach der Geburt von Avichai bekam sie die Zwillinge. Das kleine Mädchen Naama war von Geburt an auf einem Auge blind, es bedurfte vieler Untersuchungen und Krankenhausaufenthalte. Nebenbei musste Dvori ein Kleinkind und einen Säugling versorgen, ihren Job und den Haushalt bewältigen. Dennoch zögerte sie, als von der anderen Seite des Atlantiks die Anfrage kam, ob sie ihre restlichen Gläschen Sperma freigeben wolle; ein Jahr brauchte sie, um sich dazu durchzuringen.

Dvori ist eines von sieben Geschwistern, und die Gläschen, die da in der Kühlbank lagerten, bargen immerhin die Option auf jene Kinderschar, die sie sich eigentlich unter Familie vorstellte. «Im jüdischen Glauben legen wir den Schwerpunkt sehr auf die Kinder; die traditionellen Familienstrukturen sind nicht ganz so wichtig wie im Christentum», sagt Dvori. Sie habe einen Rabbiner aufgesucht, bevor sie allein Mutter geworden sei, und der habe ihr zu verstehen gegeben, dass ihre Entscheidung im Einklang mit dem jüdischen Gesetz stehe: Sex ausserhalb der Ehe ist ein Tabu, ein Kind ohne Sex ist es nicht. Das ist allerdings eine Position, die unter den Autoritäten der jüdischen Gemeinde umstritten ist.

«Für meine Eltern war die Entscheidung schlimm», sagt Dvori. Zwei Wochen lang gab es viele Tränen, die Brüder wurden geschickt, um Dvori von ihrem Plan abzubringen, alle möglichen Hebel in Bewegung gesetzt, um doch noch einen Ehemann für die Tochter aufzutreiben. Doch Dvori hatte sich entschieden, auch sie ist eine Single Mother by Choice. Und als sich acht Tage nach Avichais Geburt Freunde und Familie zu Brit Mila, der Beschneidung, versammelten und die Eltern sahen, wie glücklich Dvori war und dass ihre Freunde und Glaubensbrüder von der Synagoge sie keineswegs ablehnten, waren auch sie versöhnt.

Was die anderen denken könnten, ob die Kinder in der Schule gehänselt würden – das war auch die grösste Sorge von Karen und Lisa. Die beiden Frauen sind ein Paar, seit sie sich vor 13 Jahren begegnet sind. Heute leben sie mit ihren Zwillingen Aidan und Luca in einem Vorort von Boulder, einer Universitätsstadt. «Hier ist es so liberal, wie es in den USA nur sein kann», sagt Lisa, aber nur anderthalb Stunden entfernt, in Colorado Springs, sei die Hochburg der fundamentalen Christen, die Lesben für Ausgeburten des Teufels hielten. Manchmal macht ihnen das Angst. Lisa und Karen haben sich für Boulder entschieden, weil sich hier auch Lisa, die keine biologische Verbindung zu den Jungs hat, als Mutter in die Geburtsurkunden eintragen lassen konnte. Welch immense Bedeutung das tatsächlich für sie haben würde, ahnten die beiden damals nicht.

Ihre Zwillinge kamen krank zur Welt. Aidan hat einen Herzfehler, musste sich mit dreieinhalb Monaten einer lebensgefährlichen Operation unterziehen, bei der er eine Hirnblutung erlitt, die nachhaltige Schäden verursacht hat. Luca entwickelte sich zunächst normal, bis er im Alter von zwei Jahren plötzlich sein Besteck nicht mehr halten konnte, kaum noch sprach; die Ursachen sind unklar. Aidan wird bis heute künstlich ernährt, beide Kinder besuchen diverse Therapien, um Feinmotorik, Sprache und Bewegung zu erlernen. Stünde Lisa nicht im Geburtsregister, würde ihre Krankenkasse – und sie hat als Verdienerin die bessere – die Kosten für die Kinder nicht übernehmen.

«Die Krankheiten haben alles andere in den Hintergrund gestellt», sagt Karen. «Von anderen Schulkindern gehänselt zu werden, erscheint uns heute als ein grossartiges Problem.» Das Paar lebt die klassische Rollenverteilung: Lisa arbeitet als Juristin in der Raumfahrtindustrie, Karen kümmert sich rund um die Uhr um die Jungs, bereitet ihre spezielle Kost, fährt sie zu den Therapien. «Das war so nicht geplant», sagt Karen, «aber nun tun wir, was zu tun ist.»

Die Jungs wurden auf eine ganze Batterie genetischer Marker hin untersucht, aber es gibt keine Hinweise, dass ihre Krankheiten vererbt sind. «Es würde auch keinen Unterschied machen», sagt Karen, «die Frage, ob wir den falschen Spender ausgesucht haben oder ob ich als Mutter schuld bin, führt nirgendwo hin.»

Julia ist inzwischen von Manhattan aufs Land nach New Jersey gezogen. Sie hat mit ihren Eltern ein Doppelhaus gekauft, weil sie die Hausaufgabenaufsicht für Amelia nicht einer vietnamesischen Nanny anvertrauen möchte. Den Wunsch nach einem zweiten Kind hat sie aufgegeben; nach der Tortur von sieben IVF-Versuchen (künstlicher Befruchtung im Reagenzglas) und zwei Fehlgeburten hat sie beschlossen, zufrieden zu sein mit dem, was sie hat.

Ganz in ihrer Nähe wohnt Anne-Marie mit ihren Söhnen Pierre und Henri, auch sie ist eine Single Mother by Choice. Pierre ist auch von 5010, Henri leider nicht, Anne-Marie konnte keinen Samen mehr von 5010 auftreiben. Manchmal sorgt sie sich, dass der Spender eines Sohnes sich zugänglicher zeigen werde als der andere. Zumal Pierre schon heute eine ganze Halbgeschwister-Gemeinde hat, während bei Henri erst eine Halbschwester aufgetaucht ist. Julia und Anne-Marie sehen sich häufig, sie haben ein Verhältnis zueinander wie «Schwägerinnen, die sich mögen», und Amelia bezeichnet Pierre als ihren Bruder.

Von aussen gleichen ihre schönen weissen Einfamilienhäuser all den anderen in der Stadt; mit Schaukel im Garten. Und je mehr Zeit vergeht, desto mehr scheinen sie den anderen auch tatsächlich zu gleichen. «Als Pierre ein Baby war, fragten mich die Leute ständig: Und wo ist der Papa? Heute ist Pierre fünf, und niemand fragt mehr. Vermutlich, weil es oft vorkommt, dass die Beziehung der Eltern in dem Alter längst zerbrochen ist.» Die Entscheidung, es allein zu tun, sei ihr nicht leicht gefallen, sagt Anne-Marie, nächtelang habe sie wach gelegen, «aber wenn ich 50 geworden wäre und kein Kind gehabt hätte, wäre das für mein Leben die grösste Katastrophe gewesen».

Ungewollte Kinderlosigkeit, sagen Experten, führt vor allem Frauen oft in eine existentielle Krise. Zu biblischen Zeiten galt Unfruchtbarkeit als eine der härtesten Strafen, die Gott für Männer und Frauen vorgesehen hatte; in vielen Kulturen ist sie ein Scheidungsgrund. Die eigene Spezies nicht erhalten zu können, rührt an Archaisches und wird auch von unfruchtbaren Männern als Demütigung empfunden. Krankenkassen erkennen ungewollte Kinderlosigkeit bei Paaren als etwas Therapiebedürftiges an und finanzieren die Behandlung zumindest in gewissem Umfang. Alleinstehende Frauen und Lesben hingegen sind davon ausgenommen, was viele als doppelte Strafe empfinden.

«Natürlich hätte ich mir gewünscht, einen Kameraden zu finden», sagt Anne-Marie, «und ich wünsche es mir immer noch.» Julia fügt hinzu: « Ich sage nicht, dass unser Weg optimal ist, aber mein Kind ist gewollt, geliebt und bestens versorgt. Und es hat ein friedliches Zuhause.» Tatsächlich zeigt eine erste Studie, dass die Kinder der Single Mothers weniger Probleme in der Pubertät haben als Scheidungskinder. Doch die Vater-Frage wird sie natürlich ein Leben lang begleiten. «Mir ist vor kurzem aufgefallen, dass ich Amelia einmal erklären muss, wie Babies eigentlich normalerweise entstehen», sagt Julia. Sie tat es, und die Sechsjährige antwortete empört: «Das kann ja wohl nicht wahr sein.»

Alles, was es über 5010 zu wissen gibt, findet sich für seine Kinder auf einem 15-seitigen Fragebogen. Bei Amelia liegt er in einem blauen Ordner im Wohnzimmerregal, abgeheftet unter «New England Cryogenic Center». Irgendwann 1997 oder 1998 hat 5010 ihn ausgefüllt: Geboren 1970, braune Augen, glattes blondes Haar, 1,86 Meter gross, 77 Kilo schwer, Student der Geschichte auf Lehramt. Vater: Doktor, Professor und publizierter Autor. Mutter: Doktorin, Professorin und publizierte Autorin. Beide französischer Abstammung. Bruder und Schwester: Hochschulabschluss im Medienbereich.

Sämtliche Fragen nach Erbkrankheiten in der Familie hat 5010 mit Nein beantwortet, Kurzsichtigkeit mit Ja und die bizarre Frage «Tragen Sie jockeyartige Unterwäsche?» wiederum mit Nein. (Jockeyartige Unterhosen hemmen die Spermienbildung.) Ausserdem sei er gut in Mathematik und Sport. «Ich mag Basketball, Tennis, Karate, Schreiben, Gemeindearbeit, Bücher sowie diverse Formen intellektueller Aktivität.» Er sei ein freundlicher, offener, umgänglicher Mensch. Auf der letzten Seite seines Profils, gewissermassen als Gruss, hat 5010 handschriftlich notiert: «Ich hoffe, dass ich Männern mit Fortpflanzungsproblemen dienlich sein kann.» Dass er auch Frauen mit dem gravierenden Fortpflanzungsproblem, keinen Mann zu haben, dienlich sein würde, ist ihm offensichtlich nicht in den Sinn gekommen.

Doch eines nicht so fernen Tages, wenn sein erstes Spenderkind volljährig wird – vermutlich Avichai –, wird 5010 es erfahren. Er wird den Telefonhörer abnehmen, und ein junger Mann wird sagen: «Hi, ich bin dein Sohn. Und übrigens, da sind noch zehn andere Kinder.» Mindestens.

Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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Garp und wie er die Welt sah


Titelheld Garp ist der Sohn eines Samenspenders - gezeugt lange vor den Errungenschaften der Reproduktionsmedizin. Irvings skurrile Geschichte legt gleichermassen Zeugnis ab von der Entschlossenheit und dem Einfallsreichtum einer alleinstehenden Frau, die sich nichts sehnlicher wünscht als ein Kind.


"Garp und wie er die Welt sah" von John Irving, Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Ich will ein Kind, und zwar allein


Jane Mattes, die Gründerin der Organisation "Single Mothers by Choice" erörtert in dem Sachbuch, was es bedeutet, allein ein Kind zu haben - sei es, das Kind mit Hilfe einer Samenspende selbst zu bekommen oder zu adoptieren.

"Ich will ein Kind, und zwar allein" von Jane Mattes, Three Rivers Press, New York.