NZZ Folio 04/03 - Thema: Der Fotograf   Inhaltsverzeichnis

Adieu Alchimie

© Alberto Venzago, Zürich
Patrick Rohner mit der digitalen Sinar in seinem Zürcher Studio, das nicht einmal halb so gross ist wie sein früheres. Linktext
Früher tüftelte er allein für einen ungewöhnlichen Schatten komplizierte Installationen aus. Heute nutzt Patrick Rohner virtuos die Möglichkeiten der Digitalfotografie.

Von Daniel Weber

Schale, Entwickler, Fotopapier: Die Zutaten für das Bild auf dem Titelblatt dieses Hefts musste er sich erst besorgen. Denn Patrick Rohner, der seit der ersten Nummer die NZZ-Folio-Titel fotografiert, arbeitet heute digital. Seine analoge Vergangenheit hat er letzten Herbst auf dem Fotoflohmarkt im toggenburgischen Lichtensteig verhökert. Auch die Stapel von selbstgemalten Hintergründen, die Glasplatten, Filterfolien und Werkzeuge, mit denen er seine komplizierten Aufnahmen inszenierte – weg damit. Sein neues Studio ist nicht einmal mehr halb so gross wie das alte.

Patrick Rohner war nach der Fotografenlehre in die Modefotografie eingestiegen – wie alle Fotografen seiner Generation, die Michelangelo Antonionis Film «Blow up» gesehen hatten. Er merkte aber bald, dass Objekte ihn mehr inspirierten als Models, und spezialisierte sich mit 23 als Werbefotograf auf Stillleben. Technische Probleme faszinierten ihn, vor allem die Geheimnisse des Lichts; manchmal verwendete er Taschenlampen und Kerzen, um seine Objekte auszuleuchten. Für den Tüftler war es das grösste Kompliment, wenn man ihn fragte: Wie hast du das gemacht?

Wie hat er es gemacht, das Foto, auf dem elf Kerzenflammen in verschiedene Richtungen züngeln? Er kleidete einen Staubsauger schwarz ein, saugte die Flammen eine um die andere in die gewünschte Richtung und belichtete das Foto nacheinander elfmal je eineinhalb Sekunden lang. Für ein anderes Bild strich er den Studioboden blau, montierte darüber eine Glasplatte, auf die er eine Schweppes-Flasche legte, darüber eine zweite Glasplatte, auf der ein mit Wasser gefülltes Glasbecken stand, das er rhythmisch bewegte, während der Assistent den Auslöser drückte. Nach zwanzig Bildern ab mit dem Film ins Labor: die Aufnahmen genügten nicht. Nächster Film, ab ins Labor: wieder nichts. Die 83. Aufnahme war es dann: ein Schweppes-Fläschchen, das durch die Brechung des Wassers wie eine Skulptur aussieht.

An einem ungewöhnlichen Schatten konnte er stundenlang herumbasteln. Und weil er mehr Kontrolle wollte, begann er, die Bilder selber zu entwickeln und zu vergrössern. Genau das hatte ihn überhaupt zu seinem Beruf gebracht. Als Kind hatte er manche Nacht mit dem Vater, einem Hobbyfotografen, in der zum Fotolabor umgebauten Küche zugebracht und war der Magie des Moments erlegen, in dem ein Foto im Entwickler «kommt». Tags darauf schmeckte das Essen dann nach Fixierbad.

Vor zwei Jahren verabschiedete sich Patrick Rohner von der Alchimie im Labor. Er kaufte einen Scanner für Negative und liess seine Bilder fortan auf dem Bildschirm «kommen». Ein Jahr später schaffte er sich eine digitale Kamera an. Er hatte lange gezögert, die frühen Digitalbilder kamen ihm minderwertig vor, ihm schien, dem «gerechneten Look» fehle der Schmelz, die Weichheit des Films. Bei seiner digitalen Sinar, einer in Schaffhausen hergestellten Kamera, die mit Chip und Software 75 000 Franken kostet, vermisst er den Film nun nicht mehr.

Sein Studio ähnelt einer modernen Zahnarztpraxis: funktionale schwarze Möbel, Computerbildschirme, Regale, in denen alles seine Ordnung hat, es riecht aufgeräumt. Im Zentrum des Raums das massive Stativ mit der Sinar. Beim Fotografieren steht Patrick Rohner neben der Kamera; was sie sieht, erscheint auf dem Bildschirm eines Notebooks, auf dem er – den Finger auf dem Trackpad – den Bildausschnitt bestimmt. Früher machte er zur Kontrolle ein Polaroid-Bild, jetzt klickt er dazu auf «Vorschau». Er korrigiert nun noch Blende und Farbe und tippt mit dem Zeigefinger auf den Trackpad: das Foto ist geschossen. Mit dem Bildbearbeitungsprogramm bearbeitet er es darauf am Bildschirm, bis es seinen Vorstellungen entspricht.

«Heute ist der Fotograf Hersteller von Halbfabrikaten», sagt Patrick Rohner achselzuckend. Vieles ist bequemer geworden. Campierte früher der Art-Director bei einem wichtigen Auftrag eine Nacht lang vor Rohners Labortür und riss ihm jede neue Vergrösserung aus der Hand, sitzt er heute eine halbe Stunde neben ihm am Computer und schaut zu, wie das Bild seine endgültige Gestalt bekommt. Auch bei Rohner ist die Anspannung weg, die Ungnade des Zufalls gibt es nicht mehr, die Gnade allerdings auch nicht.

Die komplizierten Installationen, die er früher austüftelte, haben für Patrick Rohner den Reiz verloren, seit jeder sie am Computer simulieren kann. Aus dem Tüftler ist einer geworden, der kühl und virtuos die Möglichkeiten der Digitalfotografie nutzt, der wirklichkeitsgetreue Fotos abliefert, die er aus fünfzig Bildern aufgebaut hat. So hat er auch für das Folio-Titelblatt schliesslich keinen Entwickler gekauft: Die Schale ist gefüllt mit Wasser, das Foto hat er am Computer in das weisse Fotopapier kopiert und dann elektronisch verblassen lassen. Aber die Reflexe auf dem Wasser, sagt er, die sind echt.




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