NZZ Folio 06/96 - Thema: Vom Reisen   Inhaltsverzeichnis

Zahlen bitte -- Mit Hand und Fuss

Von Herbert Cerutti

WIR LEBEN im Zehnersystem. Schon als Kind lernen wir, dass 236 die Addition von 6 Einern, 3 Zehnern und 2 Hundertern darstellt, wobei ein Hunderter das Zehnfache eines Zehners ist. Dies ist uns so geläufig, dass wir uns andere Zahlensysteme kaum vorstellen können, geschweige denn das Rechnen mit ihnen.

Und doch machen auch wir immer wieder Abstecher in fremde Zahlenwelten. So benutzen wir die Zahlen 12 und 60 als Grundeinheiten der Zeit (Sekunden, Minuten, Stunden) oder in der Geometrie für die Winkelmessung (360 Grad). In der Computerwelt ist dagegen das binäre System, welches lediglich die Ziffern 0 und 1 kennt, Standard geworden.

Man kann vermuten, dass die Anzahl der menschlichen Finger unsere Vorfahren zum Zehnersystem brachte. Das Dezimalsystem hat sich schliesslich in der gesamten indogermanischen Sprachfamilie etabliert. In gewissen Gegenden Afrikas und Ozeaniens sowie bei Kaufleuten in Bombay dient jedoch 5 als Zählbasis. Dazu gibt es ebenfalls eine passende Fingertechnik, indem die linke Hand jeweils von 1 bis 5 zählt und mit den Fingern der rechten dann die Fünfer gespeichert werden: 5, 10, 15, 20, 25.

Andere Völker, etwa die Malinke in Westafrika, aber auch die Eskimo in Grönland, bevorzugen ein Zwanzigersystem - als Zählhilfen werden zu den Fingern noch die Zehen genommen. (Das altgermanische Wort «zehe» ist mit «Zeiger» und somit mit «Finger» verwandt; die Zehen sind also die «Finger der Füsse».) Weil für die Malinke die Hände und Füsse zusammen die Zählbasis sind, sagen sie für zwanzig «ein ganzer Mann». Und aus naheliegendem Grund nennen sie die Zahl Vierzig «ein Bett».

Doch auch bei uns in Europa finden sich Spuren eines früheren Zwanzigersystems: Im Englischen existiert für zwanzig das alte Wort «score»; in einer frühen Bibel wird die Lebenserwartung des Menschen mit «three score years and ten» angegeben. Auch im Französischen finden wir in «quatre-vingt» oder im «Hôpital des Quinze-Vingts» - das ist ein in Paris im dreizehnten Jahrhundert für 300 Kriegsveteranen gebautes Spital - die Wurzeln eines Zwanzigersystems.


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