NZZ Folio 09/93 - Thema: Arbeit   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Small talk

Von Manfred Papst

Ein gutbürgerliches Interieur. Kaminfeuer, Fauteuils, Beistelltischchen, Wanduhr, Tafelsilber. A und B, zwei nicht mehr ganz junge Damen - die eine eine Lady, die andere eine Mrs. - sitzen beim Tee. Die Platte mit den Gurkenbrötchen ist leider schon leer.

A: Es ist mein letzter Empfang, und man braucht etwas, um die Konversation in Gang zu bringen, zumal am Ende der Saison, wenn alle bereits gesagt haben, was sie zu sagen hatten; und das wird in den meisten Fällen auch nicht viel gewesen sein.

B: Nichts gedeiht! Es ist dieses Jahr überall dasselbe. Im Handel, in der Land- und Feuerwirtschaft: nichts gedeiht!

A: Man hat von seinem Grundbesitz weder Vergnügen noch Nutzen. Er verschafft einem eine Position und hindert einen, sie zu erhalten. Das ist alles, was sich über das Thema Grundbesitz sagen lässt. - Sie sind allein gekommen-

B: Wir haben uns gestritten, weil mein Mann behauptete, dass stets jemand vor der Tür sei, wenn es klingelt.

A: Ich hasse Auseinandersetzungen jeder Art. Sie sind immer vulgär und oft überzeugend.

B: (unbeirrt) Die Erfahrung zeigt, dass nie jemand vor der Tür steht, wenn es klingelt. Allenfalls beim vierten Mal. Und das vierte Mal zählt nicht. - Die Männer sind doch alle gleich. Den ganzen Tag haben sie die Zigarette im Mund, oder sie pudern sich und schminken sich die Lippen fünfzigmal, wenn sie sich nicht gerade betrinken.

A: Ich bin stets der Meinung gewesen, dass ein Mann, der gerne heiraten möchte, entweder alles oder nichts wissen sollte. - Und überhaupt! Ich habe gerade noch die liebe Lady Harbury besucht. Ich war seit dem Tod ihres armen Mannes nicht mehr dort gewesen. Ich habe noch nie eine Frau so verändert gesehen; sie sieht direkt zwanzig Jahre jünger aus.

B: Ich hingegen denke an Bobby Watsons Frau. Sie hiess wie er: Bobby Watson. Weil sie denselben Namen trugen, konnte man sie nicht unterscheiden, wenn man sie zusammen sah. Erst nach seinem Tod hat man wirklich gewusst, wer er war.

A: Erinnern Sie sich an General Moncrieff? Ich kann mich im Moment nicht an seinen Vornamen erinnern. Aber ich zweifle nicht daran, dass er einen hatte. Er war im Grunde ein Mann des Friedens, ausser im häuslichen Leben.

B: Sprechen wir doch von erfreulicheren Dingen! Mrs. Parker kennt einen rumänischen Krämer namens Popesco Rosenfeld, der eben aus Konstantinopel gekommen ist. Er ist Spezialist in Sachen Joghurt. Er hat ein Diplom der Fachschule für Joghurthersteller in Adrianopel.

A: (etwas spitz) Drei Adressen flössen stets Vertrauen ein, selbst bei Geschäftsleuten.

B: (versonnen) Man muss im Leben durchs Fenster schauen. Benjamin Franklin hatte recht: Sie sind nicht so ruhig wie er.

A: Ich habe auch allen Grund zur Aufregung! In einer Reisetasche geboren oder jedenfalls aufgezogen zu werden, das scheint mir eine Verachtung des normalen Familienanstands zu verraten, die an die übelsten Exzesse der Französischen Revolution erinnert.

B: (nimmt Handschuhe, Tasche und Schal, erhebt sich) Wenn ich ja sage, meine ich das nur so. Ich bitte, mich nun zu entschuldigen: Ich erwarte den Aquädukt zu Besuch in meiner Mühle. Der Tee ist kalt geworden. Die Wanduhr schlägt, sooft sie will.

Wer und wer? Belynda L.Ralck und M.S. Mihrts, natürlich!
Auflösung: A ist die Lady Bracknell aus Oscar Wildes "The Importance of Being Ernest" (1894); B ist Mrs. Smith aus Eugène Ionescos "La cantatrice chauve" (1948).


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