«Wir wissen gar nicht, was die Slowenen gegen uns Serben haben, wir waren doch immer gut Freund mit ihnen!» Es war im Oktober 1991, als der serbische Metropolit Jovan im orthodoxen Patriarchat von Belgrad die Nationen und Nationalitäten Jugoslawiens Revue passieren liess, gegen Kroaten und Albaner mit Vorwürfen vom Leder zog, wogegen er die bosnischen Muslime sowie die Mazedonier als kommunistische Erfindungen bezeichnete und ihre Existenzberechtigung mit einem Fragezeichen versah. Wenige Tage zuvor, am 7. Oktober, war der Slowenien auferlegte Aufschub der staatlichen Unabhängigkeit zu Ende gegangen, die kleine Republik hatte die Kontrolle über Territorium und Luftraum übernommen, eigenes Geld in Umlauf gesetzt und sich wie ein vollwertiges Mitglied der Staatengemeinschaft zu gebärden begonnen. Über die Slowenen wusste der hochrangige Kirchenmann in Belgrad nicht viel Negatives anzuführen, ausser dass sie dem Vielvölkerstaat Jugoslawien den Rücken gekehrt hatten und die Verantwortung für den Austritt den Serben zuschoben. Diese vermeintliche Treulosigkeit erschien ihm und seinen Landsleuten allerdings von derselben Schwere zu sein wie jene, die Cäsar von Brutus hatte hinnehmen müssen.
Im Jugoslawien Titos war Slowenien dazu ausersehen gewesen, die nördliche Klammer um das unstete Kroatien herum zu bilden. Die Slowenen übernahmen damals die Aufgabe ohne grosses Aufbegehren; die Erfahrungen mit dem Vorkriegsjugoslawien waren zwar nicht gerade berauschend gewesen, aber jetzt, 1945, ging es ja um den Aufbau einer neuen Sache, und im übrigen zeichneten sich kaum Alternativen ab. Zwar begannen die Bewohner der altösterreichischen Gebiete Untersteiermark, Krain, Prekmurje und Görz recht bald zu merken, dass sie nach vielen Jahrhunderten Zugehörigkeit zum Habsburgerreich vom Leben etwas andere Vorstellungen hatten als etwa die Mazedonier oder die Altserben, doch diese Mentalitätsunterschiede erschütterten das Zusammengehörigkeitsgefühl noch nicht.
Ernsthafte Skepsis gegenüber serbischen Vormachtbestrebungen tauchte erst auf, als im Frühling 1981 die jugoslawische Bundesarmee zur Massregelung der aufmüpfigen Kosovo-Albaner eingesetzt wurde. Die (kommunistische) slowenische Führung verhehlte ihre Missbilligung dieser Militäraktion nicht. Die Folge war eine allmähliche Entfremdung zwischen der Zentrale und dem nördlichen Gliedstaat. Den Höhepunkt erreichte diese Entwicklung im Juni 1988, als das Militärkommando in Ljubljana die Journalisten Jansa und Tasic, die in der Jugendzeitschrift «Mladina» Missstände im Bundesheer gegeisselt hatten, wegen Verrats vor Militärgericht brachte. Die Art und Weise, wie sich die - serbischen - Militärs dabei über die zivilen slowenischen Instanzen hinwegsetzten, liess hier auch viele altgediente Kommunisten erschauern.
Ab Mitte der achtziger Jahre versuchte sodann die Zentralregierung, der serbischen Literatur in den Schulprogrammen Vorrang zu verschaffen, zum Missvergnügen der Bildungspolitiker der kleineren Nationen. Auf wirtschaftlichem Gebiet wollte Slowenien die privaten Kleinbetriebe fördern, erlitt aber in Belgrad Mal für Mal eine Abfuhr - oft mit der Bemerkung, im übrigen Jugoslawien hätten Kleinbetriebe keine Tradition. Zuletzt wurden der kleinen Teilrepublik zwischen Europa und dem Balkan die Neuerungen auf wirtschaftlichem Gebiet überhaupt streitig gemacht, obwohl diese laut jugoslawischer Verfassung von 1974 in ihre Kompetenz fielen.
Dennoch schien bis weit ins Jahr 1990 hinein auch von Slowenien aus die Umwandlung Jugoslawiens in eine Konföderation möglich, sofern dieser Wandel den einzelnen Republiken die Kompetenz gegeben hätte, die Sozial- und die Wirtschaftsordnung nach eigenen Vorstellungen zu regeln. Im Herbst 1990 legte die von einem freigewählten Parlament eingesetzte, vom Christlichdemokraten Lojze Peterle geführte Regierung einen Plan für einen lockeren Staatenbund vor. Er fand in Belgrad keinerlei Gnade. Auf die negative Antwort gefasst, liess die Leibacher Regierung für alle Fälle schon einmal eigenes Geld drucken; dann ordnete sie für Weihnachten ein Referendum über das weitere Schicksal des Landes an. Über 80 Prozent der Bevölkerung stimmten für einen eigenen Staat. Am 26. Juni 1991, dem Tag nach der Ausrufung der Souveränität, versuchte die jugoslawische Armee mit Waffengewalt, die unbotmässigen Slowenen in den jugoslawischen Staatsverband zurückzuholen. 67 Menschen fanden in zwei Wochen Krieg den Tod. Nun war so ziemlich alles zerstört, was die besser entwickelte, etwas solidere nördliche Grenzrepublik noch im Geiste mit Jugoslawien verbunden hatte.
Dass sich die Slowenen durchsetzen konnten, dass ihr Blutzoll gering blieb verglichen mit den Strömen von Blut, die bei den Emanzipationsbewegungen in Kroatien und in Bosnien fliessen sollten, lag gewiss zunächst an der geographischen Randlage und an der einfacheren ethnischen Zusammensetzung. Ohne Entschlossenheit der Führung und Sicherheit in der Zielsetzung wäre die Unabhängigkeit jedoch nicht erreicht worden. Die Slowenen hielten es von Anfang an mit der auch in der Eidgenossenschaft bis vor kurzem wenig angefochtenen Devise, ein Staat müsse sich notfalls verteidigen können. Bei der Aufstellung von Milizen hatte man keine Mühe damit, Reserveoffiziere zu verpflichten, die in der jugoslawischen Volksarmee gedient und dem kommunistischen Bund angehört hatten, und auch nicht damit, auf die in den jugoslawischen, aber auf slowenischem Boden stehenden Zeughäusern lagernden Waffen und Ausrüstungen zurückzugreifen - wo hätte das im Entstehen begriffene Staatsgebilde sonst Waffen hernehmen sollen?
Darüber hinaus verfügte Slowenien über eine Führung, die trotz unterschiedlichen politischen Wurzeln - Präsident Milan Kucan kam von den Kommunisten, Regierungschef Peterle war Christdemokrat - nur ein Ziel kannte und dafür auf breite Unterstützung zählen konnte. Die katholische Kirche und ihr wichtigster Repräsentant, Erzbischof Sustar, unterstützten das Unternehmen, indem sie sich klugerweise im Hintergrund hielten. Entscheidende politische Impulse gingen vom gewandten Aussenminister Dimitrij Rupel sowie von drei Mittdreissigern aus: von Verteidigungsminister Janez Jansa, kurz zuvor als Landesverräter verrufen, von Innenminister Igor Bavcar und Informationsminister Jelko Kacin. Sie hatten den Ausweg aus dem Kommunismus und der Selbstverwaltung wesentlich schneller gefunden als etliche deutsche Intellektuelle, die bald einen slowenischen Nationalismus zu erkennen glaubten. Der von einer mittlerweile pluralistischen Gesellschaft getragene Patriotismus war jedoch bisher rein defensiv.
Ein häufiger Einwand, der gegen die Unabhängigkeit Sloweniens erhoben wurde, kristallisierte sich in der Frage, ob ein so kleiner Staat denn überhaupt lebensfähig sei. Als ob, gemessen an denselben wirtschaftlichen Kriterien, das kommunistische Jugoslawien je lebensfähig gewesen wäre. Zu den ersten, die sich so vor der Weltöffentlichkeit äusserten, gehörte der luxemburgische Aussenminister und zeitweilige EG-Ratsvorsitzende Jacques Poos. Luxemburg ist rund sechsmal kleiner als Slowenien. Dann schien es der Niederländer Hans van den Broek gar auf die Bestrafung der Sündenböcke, die das den Amtsstuben bequeme Idyll vom blockfreien Vielvölkerstaat zerstörten, abgesehen zu haben.
Doch mit Hartnäckigkeit und jener Prise von List, die im Umgang mit übermächtigen Gegnern unabdingbar und legitim ist (vgl. Erstes Buch Samuel über David und Goliath), setzte sich das von seiner gebirgigen Umgebung geprägte Volk durch. Ein Jahr nach der Ausrufung der Unabhängigkeit lagen auf der slowenischen Notenbank Devisenreserven von knapp einer Milliarde Dollar. Die eigene Währung, der Tolar, ist zwar noch ein Stück weit von der Konvertibilität entfernt. Bedenkt man aber, dass er bei der Einführung im vergangenen Oktober zunächst im Verhältnis 1:1 zum jugoslawischen Dinar getauscht wurde und dass man jetzt für einen Tolar längst zweistellige Dinarbeträge bekommt, wird man die Frage nach der Lebensfähigkeit anders beantworten.
Die Menschen hier heissen Kmecl, Stular, Grafenauer, Furlan, Sustar, Murko, Gajger, Drnovsek; da und dort ist die deutsche Wurzel offen oder in transkribierter Schreibweise sichtbar; seltener die italienisch/friaulische. Zungenbrecherische Konsonantenformationen sind selten, ebenso die südslawischen Endungen auf -vic, -cic, -ski und -ow. Die germanisch-westslawische Symbiose, die vor über tausend Jahren im Fürstentum Karantanien begann, hatte tiefere Spuren hinterlassen, als man bei oberflächlicher Betrachtung angenommen hätte. Die Slowenen haben ihr Sprungbein am Fusse der Karawanken, das Spielbein in Europa, ob nun in Österreich und im k. u. k. Raum, ob in Deutschland und Italien oder überhaupt in Westeuropa. Mit der Schweiz verbindet sie ein Zug zum Bäuerischen, die Lust, Grösseren ein Schnippchen zu schlagen, solide Beharrlichkeit und der umsichtige Umgang mit dem, was ihnen gehört. Die Staatsgrenzen werden genau bewacht, aber Volk und Politiker waren sich einig, dass man den Flüchtlingen aus Bosnien helfen müsse, und so wurden deren 60 000 zu zeitweiligem Verbleib aufgenommen.
Die Slowenier hoffen darauf, dass das gestrenge Brüssel ihr Land möglichst bald als Partner und Mitglied akzeptieren werde, wobei man sich bewusst ist, dass man erst am Beginn der gesellschaftlich-wirtschaftlichen Neuordnung steht. Doch aus dem Vorzimmer zur guten Stube, in dem man zurzeit steht, will man nicht in die rückwärtigen Gemächer zurückkehren. Der Enthusiasmus, mit dem von slowenischen Panslawisten 1918 der Zusammenschluss mit Serben und Kroaten begrüsst wurde, hat sich verflüchtigt. Schon in jener Zeit hatte der Nationaldichter Ivan Cankar davor gewarnt, die Probleme mit den Südslawen für geringer zu halten als jene mit den Germanen.
Rudolf Stamm ist Auslandkorrespondent der NZZ.