NZZ Folio 12/00 - Thema: Spielzeug   Inhaltsverzeichnis

Abenteuer Freizeit -- Vom Rubbellos zum Numinosen

Von Peter Haffner

SAMMLER sind glückliche Menschen. Sie haben ein Ziel vor Augen, leben länger und sterben gesünder. Immer sind sie in Bewegung, eilen von Börse zu Auktion und von da zum Sammlertreff auf der Jagd nach dem einen Stück, das die Sammlung zwar nicht komplettiert, aber der Vollkommenheit einen Schritt näher bringt - jener paradiesischen Hölle, wo der Sinn der Sammlung sich erfüllt und erschöpft.

Seien es der «Andechser Spanschachtelmarkt», die «Baden-Badener Steiff-Tage» oder die «50. Wormser Jubiläums-Spielzeug-Auktion» - Sammler wissen, was sie wo suchen müssen, und es gibt nichts auf dieser Welt, was ihres Triebes nicht würdig wäre, wie ein Blick in die Anzeigen der einschlägigen Magazine zeigt. Ob «bewegliche Missionsspardosen (<Nickneger>)» oder «militärische Ringkragen aus der Entstehung der Halsberge um 1630», ob «Kuhglocken mit Jahrzahl vor 1900» oder «Politiker als Gartenzwerge, Korkenköpfe, Spardosen» - Sammlungen erzählen Geschichten, komisch und tragisch wie das Leben selbst. Welches Schicksal verbirgt sich hinter der Anzeige: «Löse auf: 500 Barbies, Comic, Schlümpfe»? Und ist die «Barbie-Puppe von 1959 mit Zebra-Badeanzug», die ein anderer Inserent begehrt, wohl darunter?

Viele Sammlungen sind originell, doch keine, so behaupten wir, ist so originell wie die unsrige. Denn wir sammeln ausschliesslich Dinge, die uns ein Rätsel sind. Und da wir möchten, dass es auch so bleibt, sammeln wir statt der Dinge selbst bloss ihre Namen. Es begann mit «Reservistenkrügen» und einem «KPM-Weihnachtsteller», setzte sich fort mit ein paar «Hummel-Kindern», «Diddl-Figuren 1 bis 8», einigen «Ganzsachen über das Motiv Peter Paul Rubens» und den «Vereinigten Staaten von Amerika ohne Gummi». Und es erreichte einen vorläufigen Höhepunkt mit «Trading Cards von X-Files Fight the Future», «Orig. Mecki-Büchern 61» und dem «Arithmometer Tim» von 1907.

Doch mit der Erfahrung stiegen die Ansprüche. Heute geben wir uns nicht mehr mit allem zufrieden, was wir nicht kapieren. Es müssen schon «Belege aus Kiautschou» oder «1 Satz Wayang Kulit, 178 Stk.» sein, damit unsere Gier auf das Neue befriedigt wird. Denn was uns unterscheidet von Sammlern etwa von Rubbellosen, ist das Numinose - die Ahnung einer Welt, die sich hinter der sichtbaren verbirgt. Kürzlich stiessen wir auf «Kiloware von Australien, vor 1966»!


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