NZZ Folio 08/07 - Thema: 13-jährig   Inhaltsverzeichnis

Kapitel 5: Der Vortrag

© Giorgio von Arb
Marc spielt sein Lieblingsgame «Fifa 07» ein bisschen zu oft. Seine Eltern wollen ein Gameverbot verhängen Linktext
Die Schule ist anstrengender als erwartet: Vorne zu stehen, ist «huere schlimm», Liberalismus hat irgendetwas mit Freiheit zu tun, und die Dampfmaschine darf nicht gestohlen werden.

Von Reto U. Schneider, Gudrun Sachse und Brigitte Hürlimann

Anika, Anja, Jonas und Marc wählen ein Thema

Klassenlehrer Antonio Parillo weiss: Wenn er seine Schüler die Vortragsthemen selber auswählen lässt, wird er etwas über Dinosaurier, Hip-Hop oder die Pussycat Dolls zu hören bekommen. Darauf hat er keine Lust, deshalb hängt er an diesem Morgen eine Liste mit Themen an die Wand im Klassenzimmer, in die sich die Schüler eintragen können.

In der Pause geht Jonas die Liste durch: «Landwirtschaft. Wie alles anfing», «Die unsichtbare Hand. Adam Smith», «Die Fabrik. James Watt und die Dampfmaschine». Die Dampfmaschine! Das ist es! Schon sieht er sich am grossen Pult referieren, vor sich seine ratternde Modelldampf­maschine, die ihm sein Götti geschenkt hat.

Jonas hat gute Erinnerungen an seine Vorträge in der Primarschule. Sein grösster Erfolg war der Vortrag über die Dinosaurier in der 6. Klasse; er wusste so viel mehr als der Lehrer, dass dieser ihm den Unterricht für zwei Stunden übergab. Zum Abschied aus der Primarschule verfasste der Lehrer für jeden Schüler ein Gedicht. Über Jonas schrieb er:

«De Jonas mit sim Wüssensdrang –
us im cha öppis werde!
De wird doch sicher Saurierforscher
und gosled i de Erde.»

Auch Marc und Anja tragen sich in die Liste ein. Anja beim Thema «Gewürze. Wege nach Indien», Marc wählt «Der Wechsel. Geschäfte mit dem Risiko». Anika begeistert die Aussicht, einen Vortrag zu halten, weit weniger als Jonas. Herr Parillo hält zwar zu jedem Thema Material bereit, will aber nicht, dass die Schüler einen vorbereiteten Text ab­lesen. Der Gedanke, sich vor die Klasse stellen und frei sprechen zu müssen, macht Anika nervös. Auch findet sie unter den Themen auf der Liste keines, das ihr vertraut vorkommt. Schliesslich landet sie bei «Die unsichtbare Hand. Adam Smith.»

Marc hat keine Lust, den Vortrag zu schreiben

Zu Beginn verläuft das Mittagessen noch harmonisch. Marc sitzt vor der zweiten Portion Kroketten mit Broccoli und einem Schnitzel. Seine 15-jährige Schwester Janine hat ihren Teller schon leergegessen, als ihre Mutter einen Versuch startet, die Regeln für das nächste Wochenende festzulegen. Sie und ihr Mann fahren von Freitag- bis Sonntagabend nach Österreich zum Skifahren – ohne Kinder.

«Ich dachte mir, dass ihr euch bei der Nachbarin zurückmeldet, wenn ihr abends weggeht. Ich möchte wissen, dass ihr zu Hause seid.»

Janine findet das unpraktisch: «Meinst du, ich gehe um zwölf zu ihr und sage: Ich bin dann im Fall jetzt daheim?»

«Du kannst sie ja anrufen oder ihr eine SMS schreiben. Ich sag dir noch genau, wie ich es gern hätte.»

Bei Marc versucht es die Mutter mit sanften Ermahnungen: «Es wäre schön, wenn du deine Hausaufgaben bis Freitagabend gemacht hättest, dann könnte ich beruhigt ins Wochenende.»

«Ich habe gar keine Aufgaben auf Montag.»

«Und der Vortrag?»

«Ja, ausser dem Vortrag.»

«Damit könntest du ja jetzt begi…»

«Nein, das eilt nicht. Ich will erst ein Game machen.»

«Nein, Marc!!!»

«Wieso nicht?»

«Zuerst arbeitest du am Vortrag!»

«Ich habe ja noch das ganze Wochenende Zeit.»

«Aber heute hast du erst spät Schule, da hast du Zeit.»

«Eben, darum spiele ich jetzt. Du hast doch gesagt, dass ich am Donnerstag über Mittag noch ein Game machen darf – und am Montag habe ich nur Kochen am Nachmittag.»

«Marc!!!»

«Dann setze ich mich halt hin und langweile mich.»

Marc geht ins Zimmer, nimmt Sweepy aus dem Käfig, setzt sich auf seinen Stuhl und lässt den Hamster auf seinen Oberschenkeln herumtippeln.

Marcs Mutter macht sich Sorgen wegen der Schulleistungen ihres Sohnes. Kürzlich hat er eine 2,6 in Mathematik nach Hause gebracht und eine 3 in Englisch. Über die Ursache für die schlechten Noten sind Mutter und Sohn unterschiedlicher Meinung. Marc macht Blackouts verantwortlich. «Vorher kann ich es noch, und dann, wenn die Prüfung beginnt, ist es weg», erklärte er seiner Mutter wiederholt. Dass so etwas hin und wieder vorkommen kann, will Frau Mischler nicht bestreiten, doch für sie gibt es letztlich wenig Zweifel, dass Marc nicht genug lernt.

Damit beginnt für sie der Hochseilakt vieler Eltern halbwüchsiger Kinder. Ständig versucht Marcs Mutter, das empfindliche Gleichgewicht aus Druck, Belohnung, Hilfe und Bestrafung stabil zu halten – selten gelingt es. Sie befürchtet, Marc könnte in die B versetzt werden, die leistungsschwächere Klasse, wenn er so weitermacht. Jeden Tag quält sie die Frage, welche Erfahrungen Marc selber machen muss und vor welchen sie ihn bewahren soll – oder kann.

Erfahrung ist ein guter Lehrer, das weiss Frau Mischler. «Irgendwie muss ich über meinen Schatten springen», sagt sie manchmal zu sich selbst, Marc einfach machen lassen. Doch dann denkt sie auch, wie leicht sich ein 13-Jähriger Chancen vergibt, die er morgen nicht mehr hat. Ein Abstieg in die B-Klasse würde sich sicher auf die Lehrstellensuche auswirken.

Marc nahm die schlechten Noten anfangs mit der Gelassenheit des Goalies entgegen, der ab und zu ein Tor kassiert, sich aber grundsätzlich nichts vorzuwerfen braucht. Als die Serie nicht abreissen wollte, waren mal die Lehrer schuld, die Stoff abfragten, der nicht behandelt worden sei, mal hatte er seiner Meinung nach einfach Pech. Die Diskussion um die Schulleistungen ist auch deshalb schwierig, weil Frau Mischler einen Grund für die schlechten Noten im Fernsehkonsum und in den Computerspielen von Marc ortet, eine Erklärung, die Marc für «extrem unwahrscheinlich» hält.

Marc und seine Schwester Janine haben ihre Computer von der Grossmutter geschenkt bekommen. Sie war der Meinung, die Kinder brauchten in der Sek einen Computer. Er benutzt ihn zum Chatten, Spielen und für die Schule. Ein Leben ohne Fernseher und Computer ist für ihn schwer vorstellbar. Als er kürzlich erfuhr, dass sein Klassenlehrer Antonio Parillo keinen Fernseher besitze, blieb ihm vor ­Erstaunen der Mund offen. Marc nimmt am liebsten alle elektronischen Geräte in seinem Zimmer gleichzeitig in Betrieb.

Kürzlich kam er mit einer Robbie-Williams-CD und dem neuen Fussballgame «Fifa 07» aus der Stadt zurück. Eigentlich hatte er Schuhe kaufen wollen, sich aber in der Spieleabteilung des Warenhauses davon überzeugen lassen, dass «Fifa 07» die weit dringendere Investition sei. Das Game kostete 89 Franken 90. Seine Mutter hielt sich mit Kommentaren zurück, was Marc mit seinem Taschengeld macht, ist seine Angelegenheit. Zehn Minuten nachdem er sein Zimmer betreten hatte, klang aus den kleinen Boxen der Stereoanlage Robbie Williams, und auf dem Computerschirm war der Anfang einer zum Scheitern verurteilten Unterhaltung im Chatroom zu lesen:

«Ja du mit dem Pickelface.»
«Ja du mit de grosse Ohre.»
«Ejj du bisch voll chindisch.»

Marc selbst sass mit dem Joystick vor dem Fernseher und spielte mit GC gegen den FC Luzern. Und genau das würde er auch jetzt am liebsten tun. Das Problem ist bloss, dass seine Mutter neue Fernsehregeln an die Tür gehängt hat, die, anders als die alten, nicht mehr nur den Fernseher, sondern auch den Computer und die Xbox betreffen:

1. Kein Fernsehen am Morgen
2. Keine Games an PC/Xbox über Mittag
3. Aufgaben werden zuerst erledigt, dann max. 1,5 Stunden Games/Fernsehen
Nicht einhalten: 1 Woche kein Compi/Xbox/Fernsehen

Marc geht in die Küche zurück.

«Am Vortrag kann ich nicht arbeiten, weil ich für die Zusammenfassung Papi brauche.»

Peter Mischler ist Ingenieur und hilft Marc abends oft bei der Mathematik, der Geometrie und bei Vorträgen.

«Warum? Du kannst ja die Zusammenfassung selber machen.»

«Nein, ich muss ihn etwas fragen. Das kannst du nicht beantworten, weil du das nicht weisst.»

«Probier es einmal.»

«Nein, das weisst du nicht.»

«Marc!»

So geht es noch ein paar Mal hin und her, bis sich Marc wieder ins Zimmer zurückzieht und den Fernseher einschaltet.
«Marc, bitte!!!» tönt es aus der Küche.

Anika lässt sich helfen

Anika setzt sich im Bus auf einen Fensterplatz und stellt ihre Schultasche auf den Nachbarsitz. Sie lehnt den Kopf gegen die Scheibe, drei Stationen, dann muss sie ins Tram Richtung Klusplatz umsteigen. Den Weg durch die Stadt, auf die andere Seeseite, kennt sie auswendig. Seit zwei Jahren fährt sie jeden Mittwochnachmittag zu Anke Hees, zu Frau Anke, wie Anika sie nennt, obwohl die ihr längst das Du angeboten hat. Nur zwei, drei Mal brachte es Anika über die Lippen. In Bangladesh gilt es als respektlos, Erwachsene zu duzen. Lieber nennt sie Anke Hees kurz und höflich Frau Anke.

Anika lernte Frau Anke durch das Projekt «Mitten unter uns» des Roten Kreuzes kennen. «Mitten unter uns» bringt fremdsprachige Kinder und Jugendliche mit Schweizer ­Familien zusammen, die ihnen helfen, sich in der hiesigen Sprache und Kultur zurechtzufinden. Anfangs besuchte Anika Frau Anke, um ihr Deutsch zu verbessern. Inzwischen sind die beiden Freundinnen geworden. Anika kann jederzeit anrufen, wenn sie mit den Hausaufgaben nicht klarkommt oder wenn sie einfach jammern möchte.

Anke Hees ist Ende dreissig, verheiratet und kinderlos, sie arbeitet als Redaktorin für das «Deutsche Literaturlexikon», ihr Büro hat sie zu Hause. Von Freunden erfuhr sie vor fünf Jahren von dem Projekt, für das sie sich seither engagiert. Vor Anika half sie zwei tamilischen Mädchen bei den Hausaufgaben, die hielten sich allerdings oft nicht an die vereinbarten Zeiten oder erschienen erst gar nicht bei ihr. Anika fehlte noch nie, ohne sich vorher bei Anke Hees zu entschuldigen. Beim Roten Kreuz hat Anika selbst angerufen und darum gebeten, Hilfe zu bekommen.

Sie fährt mit dem Lift in den vierten Stock und klingelt an der Wohnungstür. Über ihrer Schulter hängt die Tasche voller Schulbücher. Heute hat sie besonders viel Material mitgeschleppt, da sie zusätzlich zu den Hausaufgaben den Vortrag über Adam Smith vorbereiten soll. Die fünf Seiten Text, die der Lehrer ihr gegeben hat, seien «mega schwer zu verstehen», sagt Anika. «Aber Frau Anke kann das, die kann alles.»

Anke Hees öffnet die Tür, lächelt Anika an, gibt ihr die Hand. Wie üblich muss Anika ein paar Dinge los werden, bevor sie sich an den Wohnzimmertisch setzen und mit der Arbeit beginnen kann. In letzter Zeit fühlt sie sich oft ungerecht behandelt. Heute früh musste sie zum Beispiel in der Schule putzen. «Das war so eklig, dass ich mich nochmals zu Hause geduscht habe, bevor ich zu Ihnen kam», sagt sie und schüttelt sich.

Da sie am letzten Tag des Ramadan nicht zur Schule ging, sollte sie im Schulhaus aufräumen. «Ich musste den Boden wischen. Wir haben alte Turnschuhe gefunden, die waren voll von Spinnweben.» Anika sieht das als Strafe an, schliesslich habe sie den Lehrer doch gefragt, ob sie an jenem Tag freinehmen dürfe, und der habe Ja gesagt. «Gestern hiess es dann, ich müsse heute aufräumen. Warum ich? Warum nur die Muslime aus der 1. Sek A und B? Mein Bruder Anik musste nicht. Ich finde das total unfair.» Frau Anke hört aufmerksam zu. Als sie das Thema auf die Prüfungen der letzten Tage lenkt, ist Anikas Laune noch immer gedämpft. Biologie hat sie noch nicht zurückbekommen, und in Französisch wusste sie von keiner Prüfung, weshalb sie sich nicht vorbereiten konnte. Die Angst vor schlechten Leistungen hat sich bisher als unbegründet erwiesen, sie bringt kaum Noten unter einer 4,5 nach Hause. Trotzdem bekommt Anika immer mehr das Gefühl, dass das Leben nicht gerecht zu ihr sei.

Anika geht ins Wohnzimmer. Anke Hees hat Teller und Gläser auf den Tisch gestellt, dazu eine Flasche Orangensaft und in einer Glasschale verschiedene Kekse. Über dem Tisch hängt eine Designleuchte mit Perlen. Die Lampe gefällt Anika jeden Mittwoch aufs neue. «Frau Anke, Sie haben Geschmack», sagt Anika. Noch besser aber gefallen ihr die vielen Bücher. Sie hat sie mal zu zählen begonnen, aber bei 600 aufgehört.

Aus den Fenstern des Wohnzimmers schaut Anika über die Dächer der Stadt, die im Sonnenlicht des Nachmittags rötlich glänzen. Es ist so ganz anders als bei ihr zu Hause. Hier leben zwei Personen mit viel Platz, zu Hause leben sie zu sechst auf viel weniger Fläche. Bei Islams stehen im Wohnzimmer zwei Sofas mit bunten Betttüchern überzogen vor einem Couchtisch, auf dem Priyas Malbuch und Spielzeug liegen. In der Wohnwand steht der Fernseher, daneben verschiedene DVD – Bollywood, «Fluch der Karibik» –, eine Gondel aus Porzellan und die guten Gläser, für Festtage.

Auch wenn sie die Ruhe bei Frau Anke geniesst, tauschen möchte Anika trotzdem nicht. Zwar nervt es sie, dass sie auf ihre kleinen Geschwister aufpassen muss, wenn sie lieber mit ihren Kolleginnen etwas unternehmen möchte, andererseits vermisst sie ihre Geschwister schon nach wenigen Stunden. Es kommt sogar vor, dass sie im Schulzimmer sitzt und an Priya denkt, was die Kleine jetzt wohl gerade anstellt. Anika möchte später selber Kinder, am liebsten zwei, ein Mädchen und einen Buben. «Nur ein Kind zu haben, wäre doch traurig für das Kind.»

Frau Anke hat aus ihrem Arbeitszimmer einen Band des «Brockhaus» geholt und setzt sich zu Anika, sie liest vor: «Smith, Adam. Britischer Moralphilosoph und Volkswirtschafter … Der Freihandel ist für Smith eine der wichtigsten Voraussetzungen der wirtschaftlichen Entwicklung.» Anika stöhnt: «Ist das kompliziert.» – «Stimmt», sagt Anke Hees, «gib mir doch mal deine Blätter aus der Schule.» Anika legt sie auf den Tisch und markiert mit Leuchtstift: «Begründer der Volkswirtschaftslehre», «Schöpfer des Begriffs der unsichtbaren Hand», «Verfechter des Liberalismus».

«Sie, was bedeutet Liberalismus?» fragt Anika, sie reibt sich müde die Augen.

«Was ist mit deiner Brille?» fragt Anke Hees.

«Die ziehe ich nicht an», sagt Anika, die weder zu Hause noch in der Schule eine Brille trägt. Auch ihre Kolleginnen wissen nicht, dass Anika nicht mehr perfekt sieht.

«Du siehst aber ganz reizend damit aus.»

«Ja, wie ein Streber.»

«Ich kann meine Lesebrille auch holen», bietet Frau Anke solidarisch an, doch auch das zieht bei Anika nicht: «Ich habe die Brille gar nicht dabei», sagt sie und beendet damit das leidige Thema.

Zwei Stunden später ist der Vortrag in den Grundzügen erstellt. Anikas Kopf sinkt auf die Tischplatte: «Ich kann nicht mehr.» Eigentlich wollten sie nach den Hausaufgaben zusammen in die Stadt, um für Anika Winterstiefel zu kaufen. Anke Hees bezweifelt, dass dafür die Zeit ausreicht. «Nein, nein, das geht schon», sagt Anika rasch, als Anke Hees vorschlägt, den Einkaufsbummel auf nächsten Mittwoch zu verschieben. Sie hat schon seit Wochen genaue Vorstellungen von ihren neuen Schuhen: Aus Leder sollen sie sein, wasserabweisend und gross genug, damit sie auch nächstes Jahr noch passen.

Marc allein daheim

Am Freitagnachmittag, bevor Marcs Eltern nach Österreich abreisen, verteilt seine Mutter Zettel im Haus. Einen, auf dem gross «Partylife» steht, steckt sie in die Ecke eines Bilderrahmens im Wohnzimmer:

«Ausgang:

Janine bis 24 Uhr

Marc bis 22 Uhr

Bitte bei der Nachbarin zurückmelden vom Haustelefon aus.

Falls Marc nach 22 Uhr noch bei Patrick ist, bitte Janine Zettel schreiben.»

Einen anderen Zettel klebt sie an den Türrahmen vor Marcs Zimmer:

«Matheprüfung verbessern

Zusammenfassung schreiben u. Vortrag auswendig lernen»

Marc zu ermahnen, nicht stundenlang Computergames zu spielen, kann sie sich ersparen. Nach dem Streit am letzten Mittwochmittag befanden Marcs Eltern, dass die in den Fernsehregeln angedrohte Strafe nun fällig war: Marc hat Gameverbot. Sein Vater hat das Verbindungskabel zwischen Marcs Xbox und dem Fernseher entfernt und den Computer ausser Betrieb gesetzt. Einen Moment lang überlegte er sich sogar, die beiden anderen Fernseher im Wohnzimmer und im Dachstock lahmzulegen, aber dann befürchtete er, die Programme könnten rausfallen.

Marc nimmt das Spielverbot erstaunlich gelassen hin. In Ermangelung von Computergames spielt er am Freitagabend mit einem Freund Monopoly. Am Samstag stehen Shopping und Fussball auf dem Programm.

Als er sich am Sonntagnachmittag mit der Fernbedienung aufs Sofa wirft, zeugen einzig ein paar Brotkrümel auf dem Teppich davon, dass seine Eltern schon zwei Nächte weg sind. Nach einigem Rumzappen bleibt er bei einer amerikanischen Crime-Reality-Serie hängen: Ein Kamerateam begleitet Polizisten bei Einsätzen.

Auf dem Bildschirm braust ein Polizeiwagen mit Blaulicht durch eine dichtbefahrene Strasse. «Auch deshalb will ich diesen Job. Da muss jeder zur Seite, wenn du kommst», sagt Marc. «Nicht gerade im Swat-Team, aber vielleicht Streifenpolizist, dann Abteilungsleiter, da hat man mehr zu sagen.»

Mit seinem Berufswunsch ist es ihm ernst. Vor zwei Wochen zog er am Abend von Halloween mit Gleichaltrigen durchs Quartier. Als die Gruppe Eier auf Busse zu werfen begann, verabschiedete er sich. Seine Mutter hatte ihm erklärt, dass ein Eintrag im Strafregister seiner Polizistenkarriere im Weg stehen würde. Das leuchtete ihm ein.

«Ich mache überhaupt nicht gern Mist», sagt er und meint damit Streiche, die ihn in Kontakt mit der Polizei bringen könnten. Wenn ihn andere deswegen für einen Angsthasen hielten, sei ihm das egal, sagt er selbstbewusst. Auch dass sich seine Mutter kürzlich in der Schule zeigte, um sich bei einer Lehrerin zu beschweren, die Marcs Klasse zur Strafe vor die Tür in die Kälte gestellt hatte, hat seinem Status nicht geschadet, obwohl es sehr unpopulär ist, in solchen Fällen die Eltern zu bemühen. «Dass meine Mutter kam, zeigt doch, dass ich Eltern habe, denen ich nicht egal bin», sagt er.

Um drei Uhr ist die Polizistenserie im Fernsehen zu Ende, und Marc weiss nicht so recht, was er mit dem Rest dieses Sonntagnachmittags anfangen soll. Ein Buch lesen ist nicht unbedingt seine Sache, auf dem Sportplatz, den er vom Fenster seines Zimmers aus überblicken kann, ist niemand zu sehen, und die SMS, die er vorhin an seine Kollegen geschrieben hat, sind ohne Antwort geblieben. Da trifft er eine ungewöhn­liche Entscheidung.

Als die Eltern am Abend nach ihrem Kurzurlaub das Haus betreten, hat Marc neue Zettel aufgehängt. Auf dem in der Küche kann man lesen:

«Boden aufgenommen

Staubgesaugt

Chromstahl geputzt

Neue Tüchli»

Anika hat Lampenfieber

Marina massiert Anika den Nacken. Eben hat Klassenlehrer Parillo die Namen derjenigen vorgelesen, die heute ihren Vortrag halten: «Christian, Tanja, Anika.» Anika ist nervös. Alle, die schon dran waren, sagten ihr, dass es vorne «huere schlimm» sei. Zum Glück hat sie heute um fünf in der Früh den Vortrag repetiert. Sie weiss alles – oder doch nicht? Was ist Liberalismus? Letzten Samstag war sie noch einmal bei Frau Anke, hat dort den fünfminütigen Text auswendig gelernt und sich nochmals erklären lassen, dass ­Liberalismus etwas mit Freiheit zu tun hat, das sollte ­reichen.

Anika konzentriert sich, atmet tief ein und wieder aus. Vorne steht Tanja und beendet gerade ihren Vortrag über den Leibarzt der Madame Pompadour. «Na ja», sagt Herr Parillo, «noch Fragen? Sonst kannst du dich setzen.» Tanja setzt sich. «Die nächste wäre dann Anika.»

Anika trägt die Winterstiefel, die sie mit Frau Anke gekauft hat. Sie liebt die neuen Stiefel mit dem Pelzbesatz auf der Seite. Frau Anke hat sie ihr geschenkt, da es den Stiefel, den Anika sich vorstellte, nicht für ihr Budget von 100 Franken gab. Sie trägt die Jeans in den Stiefeln wie alle ihre Klassenkameradinnen, auch wenn draussen die Sonne scheint und nirgends Schnee liegt. Anika geht nach vorne und beginnt zu referieren: «Adam Smith, die unsichtbare Hand. Adam Smith war für Freihandel und wollte keine Zölle.» Sie spricht schnell, als wolle sie die fünf Minuten in zwei hinter sich bringen. Es läuft gut. Jeder Satz passt. Gleich hat sie es geschafft, doch plötzlich stockt sie. Wie ging bloss dieser Satz mit dem Liberalismus? Ah, da ist er wieder: «Heute leben wir im Wirtschaftsliberalismus.» Bloss rasch fertig werden.

Die Klasse klatscht. Anika steht in leicht gebeugter Haltung da. Ihr ist es peinlich, Applaus entgegenzunehmen. Als sie zurück an ihren Platz geht, ruft Herr Parillo: «Nicht so schnell. Hat noch jemand eine Frage?» Bitte nicht, denkt Anika und fixiert den Linoleumboden in der Hoffnung, so kein Interesse auf Fragen zu wecken. Jonas versteht ihre Körpersprache offenbar nicht. Und selbst wenn – er hat eine Frage. «Du hast Wirtschaftsliberalismus erwähnt, was ist das?» Ausgerechnet dieses Wort, sie könnte Jonas hier auf der Stelle … – «Ich hab das gewusst, aber jetzt weiss ich es nicht mehr so genau.»

Als Anika ihre Note erfährt, ist sie enttäuscht. Nur eine 5,5. Herr Parillo begründet seinen Entscheid, keine 6 gegeben zu haben, mit den Fallfehlern, die sich bei Anika einschleichen. Er weiss, dass Anika ins Gymnasium möchte. Dafür sei sie noch nicht gut genug, sagt er. Doch Anika will die Prüfung nächstes Jahr trotzdem versuchen.

Jonas Dampfmaschine

Es ist kein Geheimnis, dass im Schulhaus Döltschi gestohlen wird. Handys, MP3-Spieler, Marcs Jacke mit dem Tarnmuster, Cayus Rucksack: Alles mögliche ist hier schon weggekommen. Und die Gefahr, die Handys, MP3-Spielern, Jacken und Rucksäcken droht, droht natürlich auch einer Dampfmaschine. Deshalb hat Jonas den wertvollen Besitz im Lehrerzimmer deponiert, als er heute Mittag zur Schule kam. Jetzt, da ihr Auftritt naht, geht er sie holen und stellt sie aufs Pult vor der Wandtafel.

In Betrieb nehmen kann er sie leider nicht. Herr Parillo fand, das dauere zu lange, aber mit ihrem kupfernen Kessel, den Leitungen und dem Schwungrad unterstreicht sie immerhin die Kompetenz des Vortragenden: Jonas Blum, Experte für Maschinen und Motörchen aller Art. Seine Eltern finden manchmal, der Batterienverbrauch im Haus bewege sich an der oberen Grenze.

Hinter dem Kamin der Dampfmaschine stützt sich Jonas mit beiden Händen aufs Pult und wartet. Die Klasse ist nervös, wie immer während der Vorträge. Nach Jonas sind Dominik, Kevin und Naemi an der Reihe. Hin und wieder tauchen Satzfetzen aus dem Stimmengewirr auf.

«O nein, o nein, o nein, o nein.»

«1818, 1842, 1914.»

«Wladimir Lill…, Wladimir Iljl…, Wladimir Iljitsch Lenin.»

«Psssst.» Herr Parillo steht von seinem Pult auf und nickt Jonas zu.

«Ich mache einen Vortrag über die Entstehung der Fabriken und in diesem Zusammenhang die Erfindung der Dampfmaschine.»

Im zweiten Teil des Satzes senkt Jonas die Sprechgeschwindigkeit. Seine Eltern haben ihm gestern Abend eingeschärft, er solle langsam und deutlich sprechen. Darüber hinaus haben sie ihm empfohlen, ein bisschen weniger über die Industriestädte zu erzählen und ein bisschen mehr über Friedrich Engels. Den Vortrag vorzubereiten, machte Jonas wenig Probleme. Das mag daher kommen, dass er in seiner Freizeit Bücher geradezu verschlingt. Von seinem letzten Besuch in der Pestalozzibibliothek kam er mit zehn Comics, einem Dinosaurierlexikon, zwei Hörkassetten, einer CD und dem Schocker «Schokolade des Schreckens» zurück. Wenn der Rückgabetermin naht und er noch nicht mit allem durch ist, kann man ihn sogar in der langen Schulpause um zehn Uhr lesen sehen. Den Vortrag hat er weitgehend ohne Hilfe geschrieben, die Eltern haben einzig die wenigen Fehler korrigiert, die darin auftauchten.

Eine Bekannte der Familie hat einmal gesagt, das Kind zweier Lehrer zu sein, sei das Schlimmste, was einem passieren könne. «Die haben den ganzen Tag Kinder um sich, da haben sie am Abend genug von Kindern und wollen nur noch ihre Ruhe.» Auch Gleichaltrige finden es zuweilen «voll krass», wenn sie erfahren, dass Jonas gleich zwei Lehrer als Eltern hat.

Er sieht nur wenige Nachteile im Beruf seiner Eltern. Dass sie manchmal etwas ungeduldig sind, wenn er die Endungen von Französischwörtern nicht sofort versteht, sieht er ihnen nach: «Sie meinen es ja nur gut.» Und dann gibt es ja auch die kleinen Freuden eines Lehrerssohns: Schulmaterial gibt es in Hülle und Fülle, er braucht nie einem Zirkel oder einem Notizheft nachzurennen, und er kann auch am Sonntag in die Turnhalle.

Auch sonst ist Jonas zufrieden. Als einziger Nachteil, den sein Leben als 13-Jähriger mit sich bringt, fällt ihm nach einigem Überlegen ein, dass er zu jung ist, um sich den neuen «James Bond» im Kino ansehen zu dürfen. Und selbst diese Enttäuschung wird gemildert, nachdem er die Kritiken gelesen hat: Seine Lieblingsfigur Q, die James Bond normalerweise mit technischen Spielereien versorgt, kommt im neuen Film nicht vor.

Im Döltschischulhaus mischen sich seine Eltern bewusst nicht ein. Kürzlich hat Jonas ihnen das vorgeworfen. Als eine überforderte Lehrerin seine Klasse ohne Jacken vor die Tür in die Kälte gestellt hat, haben sich andere Eltern beschwert. Seine nicht. Jonas fand, sie setzten sich nicht für ihn ein. Doch sein Vater ist der Meinung, dass die Schüler versuchen sollten, solche Situationen zuerst selbst zu ­klären.

Guido Blum unterrichtete im letzten Jahr eine extrem schwierige Klasse. «Die Schüler wollten einfach nicht lernen.» Anstatt Druck zu machen, fuhr er den Unterricht auf ein Minimum zurück und wartete. «Jetzt kommen sie alle und wollen wieder.» Ob er es schaffen würde, diese Methode auch bei Jonas anzuwenden? Da ist er nicht sicher. «Bei den eigenen Kindern ist man emotional natürlich ganz anders beteiligt.» Zwar finden Jonas’ Eltern, man dürfe Kinder in diesem Alter nicht zu stark unter Druck setzen, sie nicht sofort ins Lernstudio schicken, wenn es mal nicht so gut klappt. Andererseits sagt Guido Blum: «Es gibt für Eltern wohl nichts Schwierigeres, als ertragen zu müssen, dass sich das eigene Kind unter seinem Wert verkauft.»

Diese Gefahr besteht bei Jonas kaum. Nach zwei Minuten des Vortrags haben seine Zuhörer bereits erfahren, wer Friedrich Engels ist, was der Begriff Manufaktur bedeutet und wie viele Ventile seine Dampfmaschine hat. Noch einmal zwei Minuten später hat er den Bogen zum «grossen Anfang der Verschmutzung der Umwelt durch die Abgase der Dampfmaschine» geschlagen und beendet seinen Vortrag. Die Klasse klatscht. Einer fragt noch: «Was ist eine Manufaktur?» Etwas gelangweilt sagt Jonas: «Eine Manufaktur ist der Vorläufer der Fabrik. Aber das habe ich eigentlich schon erklärt.»




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