NZZ Folio 12/91 - Thema: Verführungen   Inhaltsverzeichnis

Portrait -- Angelo Gaja, Weinkönig

Von Martin Kilchmann

Der Weg zu Angelo Gaja im Hügeldorf Barbaresco führt durch eine menschenleere Hauptstrasse, deren städtisch klingender Name Via Torino schlecht zum ländlich-verschlossenen Leben hier passt. Steht man endlich vor einem massiven, elektrisch betriebenen Eisentor und hat sich den Zutritt zum Weingut über eine Gegensprechanlage erbeten, wähnt man sich vollends im Bannkreis einer abweisenden Dorfgemeinschaft. Wenn dann allerdings Eintritt gewährt wird und der gesuchte Mann höchstpersönlich zur energischen Begrüssung herbeieilt und einen in sein Reich entführt, verflüchtigt sich die leise Beklemmung, macht neugierigem Staunen Platz: Staunen über die eigentümliche Diskrepanz zwischen Angelo Gajas weltberühmtem Namen - seine Weine gehören zu den renommiertesten Gewächsen Italiens, ja zu den teuersten überhaupt - und der in sich gekehrten Provinzialität, in der seine Erfolgsgeschichte wurzelt.

Die Gegend ist das stille Hügelland um Alba, die «Langhe», im südlichen Piemont gelegen. Reben, Trüffeln und Haselnüsse finden da den ihnen zusagenden fruchtbaren Boden. Das Piemont ist keine heitere, strahlende Landschaft wie etwa die Toscana. Einsamkeit und Melancholie sind hier zu Hause. Im Spätherbst, wenn der Nebel frühmorgens aus den Flussläufen die steilen Weinberge hochkriecht, die Gerüche von Erde, nassem Laub und Pilzen wie feuchte Tücher in der Luft hängen, hat die Langhe ihren besonderen Reiz; und im Winter, wenn die Hügelrücken wie von weissem Puder überzogen daliegen und sich im nachmittäglich blassen Sonnenlicht rasch erkennen lässt, welche Reblagen besonders süsse Trauben hervorbringen (diejenigen nämlich, in denen der Schnee am schnellsten wegschmilzt).

Die Weine des Piemont gleichen in ihrer Mannigfaltigkeit der opulenten Küche des Gebiets, die sich in einer fast unendlichen Reihe von Tafelfreuden verwirklicht. Die mächtigsten, aber auch anspruchsvollsten Provenienzen werden aus der Rebsorte Nebbiolo gekeltert. Barolo und Barbaresco stehen da dank ihrer Vielschichtigkeit und Begabung fürs Altern an der Spitze.

Angelo Gaja wurde 1940 in eine Familie hineingeboren, die bereits seit drei Generationen Wein erzeugte und sich damit weit übers Piemont hinaus einen Namen gemacht hatte. Ein Barbaresco von Gaja zählte schon 1961, als der junge Mann nach Abschluss seiner önologischen Studien sich anschickte, im elterlichen Betrieb mitzuarbeiten, zu den besonderen Weinen Italiens und löste auch damals schon einen höheren Preis als die Weine der Nachbarn. Die Retuschen und Veränderungen, die Angelo Gaja mit Bedacht und systematischer Zielstrebigkeit am väterlichen Wein vorzunehmen anfing, gingen jedoch mächtig über das bei einer Generationenablösung gewohnte Mass hinaus: Von seiner Idee gerade besessen, bereiste Angelo Gaja die grossen Weinbaugebiete Burgund und Kalifornien, liess sich von neuen Techniken inspirieren und scheute sich nicht, ehrwürdige Traditionen modernen Erkenntnissen der Kellertechnik anzupassen. Der Prozess des Übergangs vom Vater auf den Sohn zog sich über Jahre hin und riss - inzwischen allerdings längst verheilte - Wunden ins familiäre Zusammenleben. Denn eine stattliche Portion Eigensinn gehört ebenfalls zum Wesen Angelo Gajas.

Beobachtet man ihn im Gespräch - sofern einem dieses Abstandhalten angesichts der herausfordernden Präsenz des Mannes überhaupt gelingt -, verraten seine Ausdrucksweise, seine Körpersprache einiges von dieser scheinbar unerschöpflichen Energie. Es ist ein ewiges Gestikulieren. Ein Fingerschnippen bringt die Aussage auch optisch auf den Punkt. Ein gebärdenreiches, kraftvolles Untermalen der Argumente begleitet den Wörterfluss, die Stimme schwillt dramatisch an, wird sporadisch unterbrochen von einem leicht scheppernden Lachen. Alles vollzieht sich in einem atemraubenden Tempo, und obwohl man zu fühlen meint, wie den Mann tausend Dinge auf einmal umtreiben, verblüfft einen stets von neuem die Absolutheit, mit der er sich dem jeweiligen Gesprächsgegenstand widmet, der fast immer der Wein ist.

Will man Gajas Arbeit an seinem Paradewein Barbaresco in ein Bild fassen, drängt sich ein häufig gebrauchter Vergleich auf: das Bild vom Ingenieur und seiner Maschine. Die Maschine ist der Wein. Zwar durchaus funktionstüchtig, erscheint sie dem neu die Stelle antretenden Ingenieur renovationsbedürftig. Element für Element baut er sie auseinander, reinigt und poliert, ersetzt schadhafte Teile. Schliesslich fügt er alles wieder zusammen. Die neue Maschine gleicht in ihrem Ebenmass der alten, traditionellen. Nur strahlt und glänzt alles wie an ihrem ersten Tag. Die einzelnen Teile greifen glatt und geschmiert ineinander.

Gleich am Anfang seiner Tätigkeit auf der väterlichen Domäne hatte der junge Angelo Gaja zwei entscheidende Neuerungen eingeführt: Die Reben wurden kürzer geschnitten, was den Ertrag zwar sinken, die Fruchtkonzentration indes steigen liess, und man verzichtete auf die Produktion von Weinen aus zugekauften Trauben, beschränkte sich auf die Ernte aus den eigenen Rebbergen.

In den Jahren 1966, 1970 und 1978 kamen die Trauben der drei besonders exquisiten Weinberge des Gutes, Sori San Lorenzo, Sori Tildin und Costa Russi, erstmals gesondert in die Kelter. Die Idee des Cru wurde in die Praxis umgesetzt - und vermochte auf Anhieb zu überzeugen: Die Nebbiolo-Rebsorte lässt die Eigenart des spezifischen Bodens im fertigen Wein nämlich durchaus erkennen.

Im Verlaufe der sechziger und siebziger Jahre, eine weitere Etappe in der Erfolgsgeschichte Angelo Gajas, wurden die Experimente mit dem kleinen französischen Eichenholzfass («barrique») perfektioniert: Damit der Wein vom frischen Eichenholz nicht entstellt wird, lässt Gaja die gröbsten Holztannine zunächst mittels Wasserdampf auslaugen; dann kommt der Barbaresco für einige Monate in die dergestalt präparierten Eichenfässchen, bevor er, etwas weicher und geschmeidiger geworden, in den traditionellen slowenischen Holzfässern und in der Flasche ausreift.

Der Gärung schliesslich, erzählt Angelo Gaja, wird kontinuierlich grössere Aufmerksamkeit geschenkt. Fermentation im Stahltank, Temperaturkontrolle, regelmässiges Umwälzen der Maische - all das dient dazu, eine intensivere Farbe und Frucht und weniger hartes, aggressives Tannin zu erhalten. Seit dem Jahrgang 1985 holt hier Gaja, der von seiner Ehefrau Lucia bei seiner Arbeit tatkräftig unterstützt wird, wohl das Maximum heraus.

All diese Veränderungen haben Angelo Gajas Weine zum Funkeln verholfen. Teuer wie Preziosen werden sie auch gehandelt. Gaja vergleicht das Qualitätspotential der besten Lagen des Piemont, aber auch seine skrupulöse Hingabe an jedes noch so kleine Detail im Rebberg und im Keller selbstbewusst mit dem Renommee der grossen Gewächse des Bordelais. Bei vergleichbarem Aufwand besteht er, der begnadete Verkäufer, der auch über ein Diplom der Wirtschaftswissenschaften verfügt, auf gleichem Ertrag.

Die Zeiten, in denen italienischer Wein mit billigem Wein gleichgesetzt wurde, gehören der Vergangenheit an. Die grossen Weine Italiens finden sich heute bestens placiert auf der Weinkarte der Welt. Das ist auch Angelo Gajas Verdienst. Er zeichnet dafür mit der Brillanz seiner eigenen Weine verantwortlich. Und mit seinem Auftreten rund um den Erdball, stets in grosszügiger und verschwenderischer Manier: Als begnadeter Kommunikator, der immer wieder auf dem Vernünftigen und Guten insistiert, hat er ein breites Weinpublikum nicht nur zu seinen, sondern auch zu den Spitzencrus anderer Italiener verführt. Seine - nicht unumstrittene - Preispolitik ebnete vielen anderen den Weg zu gerechteren Preisen. Ist das der Grund, dass man im Piemont, im Winzerkreis, nur Gutes über ihn hört? Manch ein Piemonteser sieht dies weit weniger weltlich und führt Gajas Beliebtheit ganz einfach auf den Vornamen zurück - Angelo, der Engel.


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