NZZ Folio 04/98 - Thema: Boomtown Moskau   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Christian Menns Horizont

© Christian Känzig, Zürich
Christian Menn, Professor emeritus für Baustatik und Konstruktionen an der ETH Zürich und Brückenbauer von internationalem Ruf, wohnt mit seiner Frau in Chur. Linktext
Von Lilli Binzegger

«DAS IST DER RAUM, in dem wir, meine Frau und ich, uns normalerweise aufhalten, wenn wir zu Hause sind. Auch wenn wir Gäste haben. Hier lese ich gern, hier denke ich gerne nach. Manchmal auch nachts, wenn ich nicht schlafen kann, was oft der Fall ist. Nachts ist es besonders schön, ins Tal hinunterzuschauen. Vor allem im Winter, wenn die Bäume laublos sind.

Es gibt zwei Dinge, die mir an den Orten, an denen ich lebe, wichtig sind: das Licht und ein weiter Horizont. Nach meinem Studium war ich für ungefähr ein Jahr in Paris. Alles war wunderbar, nur eines hat mich bedrückt: dass der Horizont immer so eng war. In einer Stadt sieht man immer höchstens ein paar hundert Meter weit. Das Weiteste, was ich von unserer Kantine aus sah, war die Sacré-C?ur, und die war vielleicht zwei Kilometer entfernt. Hier kann man an schönen Tagen bis zum Finsteraarhorn sehen, das sind 120 Kilometer. Weite erlebt man ja letztlich nur durch ihre Begrenzung, am Meer sieht man nicht weiter als ein paar Kilometer.

Unser Haus steht am Hang oberhalb der Stadt Chur. Lürlibad heisst es hier. Etwas weiter unten ist das Frauenspital, das früher einmal die Sommerresidenz der Familie von Planta war. Gewohnt haben die von Plantas in Chur. Wenn sie im Sommer aufs Land zogen, waren das also gerade ein paar hundert Meter Distanz und knapp hundert Meter Höhendifferenz! Aber einen guten Blick dafür, wo es schön ist, hatten sie schon.

Das Haus hat mein Bruder, der Architekt ist, vor 35 Jahren gebaut. Es war sein erstes. Ich denke, es hat seine Zeit überdauert, ohne dass es veraltet ist. Den Granit für den Boden in diesem Raum habe ich seinerzeit selber im Steinbruch ausgesucht. Er stammt aus dem Calancatal, wo ich einmal eine Brücke gebaut habe. Für den Kamin wurde er gebrochen, für den Boden gesägt und geschliffen. Es freut mich, wie meine Frau das Haus eingerichtet hat und dass es ihr hier gefällt.

Ich bin wahnsinnig gern hier. Nur bleibt mir vielleicht nicht mehr so viel Zeit. Ich hatte immer zu wenig Zeit, das ist auch jetzt so. Einmal haben mir meine Assistenten eine Sanduhr und einen Sack voll Sand geschenkt, damit ich mehr Zeit habe. Aber es nützte nicht viel. Im Zeitraum sieht man nicht weit, und jetzt geht alles so rasch.

Das Haus ist eigentlich viel zu gross. Zwölf Zimmer, wenn man alle dazuzählen will, das Wohnzimmer nebenan und zur anderen Seite das Esszimmer, in dem wir nur mit Gästen sind. Wenn wir allein sind, essen wir in einem kleinen Raum mit Eckbank neben der Küche. Unten gibt es zwei Zimmer, oben weitere Schlafzimmer und Büros. Meines kann ich Ihnen nicht zeigen, es ist ein rechtes Tohuwabohu dort drin. Früher waren wir hier einmal eine Familie mit vier Kindern.

Das Licht ist einzigartig. Wenn ich am späten Nachmittag von Landquart im Schatten des Calanda nach Chur fahre, bin ich immer wieder beeindruckt vom Licht, das durchs Bündner Oberland auf Chur und ganz besonders aufs Lürlibad fällt. Für mich beginnt Graubünden erst in Chur. Und dann jeweils diese einzigartigen Stimmungen, wie es sie nur gegen Westen gibt. Gerade bei Föhn, wie heute. Mit Bergen wie Kulissen: ein Bergrücken hinter dem anderen.

Als ich an der ETH arbeitete, hatte ich eine kleine Dachwohnung zuoberst am Zürichberg, auch mit grossartigem Ausblick nach Westen. Ich war damals nur an den Wochenenden in Chur. Gearbeitet habe ich am Hönggerberg. Mein Büro war an sich ein angenehmer, aber dunkler Raum. Die Sonne fand nur gerade Ende Juni um acht Uhr abends herein.

Geboren worden bin ich in Meiringen. Mein Vater war auch Ingenieur; er musste den Baustellen nachreisen. Wir zogen oft um, und ich wechselte mehrmals die Schule. Als mein Vater zwei Jahre in Persien arbeitete, kam ich zu einem Onkel in ein sehr bescheidenes Bergbauernhaus im Rheinwald. Während der Studienzeit hatte ich, wie fast alle Studenten, ein möbliertes Zimmer. Später, als Assistent, hatte ich dann in einem Abbruchhaus an der Plattenstrasse eine fröhliche Bude. Vorne ein -Living Room? mit Eisenofen, den ich selber mit Briketts heizen musste, und hinter dem Vorhang das Schlafzimmer mit einem winzigen Trögli mit fliessendem kaltem Wasser.

Unser Hund ist noch jung und ganz verspielt. Ich gehe gerne mit ihm wandern. Dann kann ich jeweils ungestört über meine Projekte nachdenken. Ich befasse mich immer noch mit Ideen für Brückenentwürfe, zurzeit für die Charles River Bridge in Boston, eine Potomac-Brücke bei Washington D. C., die Bay Bridge in San Francisco und, eher zufällig, die Sunnibergbrücke bei Klosters. Ich weiss nicht, ob alle meine Ideen realisiert werden, und wenn, dann werde ich die Fertigstellung dieser Brücken kaum mehr erleben. Das ist ein merkwürdiges, aber keineswegs bedrückendes Gefühl.

Oft denke ich auch darüber nach, was ich hätte besser machen können. Mir ist zum Beispiel zu spät bewusst geworden, wie gross das architektonische Potential im Ingenieurwesen und besonders im Brückenbau ist. Die Ausbildung zum Ingenieur läuft da nicht gerade gut, da ist zuviel Wissenschaft und zuwenig Kunst. Mit einer Brücke verändert man ja Landschaftsräume, und zwar massiv und auf lange Zeit; da sind hohe Anforderungen an die ästhetische Qualität gerechtfertigt. Die Sunnibergbrücke etwa, die als Teil der Umfahrung Klosters bei Serneus in 60 m Höhe über das Tal führt, sollte eine elegante Brückenplastik werden und dennoch nicht viel teurer als eine normale Standardbrücke. Ich glaube, sie wird gut.»


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