NZZ Folio 08/92 - Thema: USA Asheville   Inhaltsverzeichnis

Portfolio -- Borsalino: die Krone aller Hüte

Von  Erich Grasdorf

Was ein rechter Borsalino werden will, sieht erst einmal aus wie ein nasser Sack. Denn die feine Unterwolle europäischer Stallhasen und australischer Wildkaninchen wird, mit Wasserdampf vermischt, auf einen grossen, sich drehenden Metallzylinder gesprüht. Dessen messingglatte Oberfläche ist durchlöchert, so dass die Haare mittels Unterdruck angezogen werden, worauf sie leicht miteinander verfilzen. Aus der anfangs ziemlich lockeren Verbindung in der Grösse eines 35-Liter-Abfallsacks wird nach einigen Wasser- und Dampfbädern ein immer dickerer Filz von immer kleineren Ausmassen: im Prinzip so, als hätte man einen Angorapullover kochendheiss gewaschen und anschliessend im Tumbler getrocknet. Was am Ende der Bädertour herauskommt, sind spülwassergraue Schrumpfköpfe, reif fürs auch noch einmal leicht stringierende Farbbad. In dem Augenblick, in dem die zukünftigen Borsalinos eingefärbt sind, steht bereits fest, bei welchem Händler sie einmal landen. Auf ihrem weiteren Weg durch alle Stationen werden sie von einem Kärtchen begleitet, auf dem sämtliche zu leistenden Bearbeitungsschritte vom Ist- zum Soll-Zustand vermerkt sind. Die beginnen mit dem scharfen Rundumknick, der die vordem pilzförmige Stulpe zu einem optisch sauber in Kopf und Rand gegliederten Hut macht. Zum Formen gehört ferner, dass der Rand beschnitten und damit auf ein vertretbares Mass verkleinert und dann ein erstes Mal umgebogen wird. Zwischendurch werden mit Bürsten und Klebefolien immer wieder überflüssige Haare entfernt. Die werdenden Hüte werden wiederholt über dampfende Eisenhäupter gestülpt.

Nun wird die je nach Bestimmung mehr oder weniger breite Krempe - wenn das Modell es erfordert - mit einer Bordüre eingefasst, am nächsten Arbeitsplatz wird das Schweissband aus Maroquin-Leder eingesetzt. Es folgen das Futter und das äussere Hutband samt Masche. Das Alter der dafür eingesetzten Pfaff- und Singer-Nähmaschinen wird einzig von der Geschicklichkeit der Näherinnen übertroffen. Nachdem die Hüte einige Zeit von Sandsäcken beschwert ihre frisch erworbene Formtreue beweisen durften, kommen sie mittels Bügeleisen und feuchtem Tuch ein letztes Mal unter Dampf. Dann werden sie reisefertig gemacht.

Auf Reisen gehen Jahr für Jahr so um die 400 000 Exemplare. Gut die Hälfte davon bleibt in Europa, der Rest wird in Fernost, Nord- und Südamerika abgesetzt. Allerdings, vor hundert Jahren wurde noch wesentlich mehr vom feinen Filz produziert: 750 000 Stück im Jahr. Damals, als jeder, der etwas auf sich hielt und es sich leisten konnte, mit Hut durchs Leben ging, arbeiteten noch tausend Arbeiter und Angestellte in der Hutmacherei mitten im Zentrum der piemontesischen Stadt Alessandria.

Heute legen im Hauptwerk gerade noch 65 Personen Hand an den Borsalino. Sie arbeiten auch nicht mehr in der Stadt, sondern weit draussen, in einer kargen Fabrikhalle am Rande einer verkarsteten Industriezone, gleich neben einem Werk von Michelin. Noch einmal knapp hundert Angestellte sind bei den Zulieferanten in der Region beschäftigt, wobei anzumerken bleibt, dass nur rund 200 000 Borsalinos in Alessandria hergestellt werden. Noch einmal so viele stammen von Lizenznehmern und Lohnfirmen, die unter der Aufsicht des Mutterhauses arbeiten.

Augenblicklich wird die alte Borsalino-Fabrik zu einem Hutmuseum umgebaut. Daran beteiligt sich auch die Kommune. Denn Alessandria gehört nicht gerade zu den Orten, die man unbedingt gesehen haben muss; da kann eine Attraktion nicht schaden. Der Mann, der dafür gesorgt hat, dass sich mit Alessandria überhaupt etwas verbindet, hiess Giuseppe Borsalino. Er wurde 1834 in einem Dorf nahe Alessandria geboren, verliess sein Elternhaus mit zwölf Jahren, wanderte ohne Schulabschluss durch Italien und Frankreich, arbeitete als Lehrling - so die Firmenlegende - bei den besten Hutmachern beider Länder und kehrte im Besitz der entsprechenden Zertifikate und Zeugnisse in seine Heimat zurück. Im Alter von 24 Jahren eröffnete er eine Hinterhofwerkstatt in der Via Schiavina, kurz danach ein Geschäft in der Via Milano. Später kamen noch Fabriken in Genua und Verona dazu, aber Dreh- und Angelpunkt in Borsalinos Leben war und blieb Alessandria, wo Strassen und Institutionen nach ihm benannt sind.

Giuseppe Borsalino gilt heute als einer der industriellen Vorreiter Italiens, als eine der grossen Unternehmerfiguren der Gründerzeit. Und das, obwohl so vieles im Werdegang eines Hutes von der Klasse eines Borsalino rein handwerkliche Arbeit ist. Der Firmengründer importierte nicht nur die ersten englischen Dampfmaschinen, er sorgte auch vorbildlich für seine Leute, gründete bis 1885 nacheinander eine Pensionskasse, eine Kranken- und Unfallkasse, eine Werkschule für die Arbeiterkinder. Als er 1900 starb, hinterliess er ein blühendes Unternehmen und ein Denkmal in seiner Heimatgemeinde. Drei von fünf Borsalino-Hüten gingen in den Export. Und im Inland hatte man einen Marktanteil von 64 Prozent. Wie heute noch, bei allerdings geschrumpftem Markt.

Giuseppe Borsalinos Nachfahren konnten sein Erbe nicht halten. Seit ein paar Jahren gehört das Unternehmen einer Mailänder Finanzgruppe. Man plant, nach bewährtem Vorbild von Benetton und Sisley, Stefanel und Emporio Armani eine Franchising-Kette aufzubauen. In den Läden sollen nicht nur Hüte, sondern auch Accessoires und Herrenbekleidung angeboten werden. Den ersten Jeanshemden mit Borsalino-Tab kann man auf der Alpensüdseite bereits begegnen. Und auch bei den Hüten will man wesentlich modischer werden, pro Saison ein Dutzend neue Modelle entwickeln. Im Augenblick lässt man sich von Formen aus der Nachkriegszeit inspirieren. Aber die sichersten Absatzwerte sind natürlich die Klassiker.

Über Umsatz-, geschweige Gewinnzahlen lässt sich, wie oft in Italien, nur spekulieren. Ab Werk kostet ein feiner Borsalino durchschnittlich um die 90 Franken. In Schweizer Geschäften wird er je nach Kalkulation - und Modell - zwischen 200 und 300 Franken angeboten. An der Zürcher Bahnhofstrasse sind auch schon Modelle für knapp 600 Franken gesichtet worden. Borsalinos traditioneller Konkurrent Stetson macht es etwas billiger.

Einer, von dem man annehmen würde, er sei eingeschworener Stetson-Fan, reiste extra nach Alessandria, um sich den Kopf vermessen zu lassen: Robert Redford. So wie er lassen auch Michael Gorbatschew und Federico Fellini nichts anderes ihr schütteres Haupthaar bedecken. Zu den exquisitesten Ausstellungsstücken in Borsalinos unfertigem Hutmuseum zählt der Hut von Kaiser Hirohito. Ausserdem Pancho Villas enormer, goldbehangener Sombrero, etliche Kardinalshüte und einer der unzähligen Zylinder aus dem Fundus des verblichenen Schahs von Persien. Einen abendfüllenden, als Kinokrimi verkleideten Werbespot des Titels «Borsalino» mit Alain Delon in der Hauptrolle gab es bekanntlich auch schon. Wer daraus jedoch schliesst, die Unter- und Halbwelt mediterraner Prägung stelle die Hauptzielgruppe der Alessandriner Putzmacher dar, irrt. Grösste Abnehmervereinigung des schwarzen Filzes ist der Klerus.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.