Kürzlich habe ich erstaunt festgestellt, dass ich einer aussterbenden Gattung angehöre. Eine Umfrage unter Freunden ergab nämlich, dass ich weit und breit der Einzige bin, der seine Steuererklärung noch selber ausfüllt. Alle anderen nehmen mehr oder weniger professionelle Hilfe in Anspruch: die Arbeitskollegin aus der Buchhaltung, den Nachbarn, der immer schon gut kopfrechnen konnte, den pensionierten Steuerkommissär, den sie in der Sauna getroffen haben.
Obwohl ich nie in die Sauna gehe, würde es mir bestimmt auch gelingen, Beistand in Steuerfragen zu finden, doch bisher habe ich der Versuchung erfolgreich widerstanden. Ich bin nämlich der altmodischen Meinung, dass ein Mann in seinem Leben einen Baum pflanzen, ein Haus bauen, einen Sohn zeugen und jedes Jahr die Steuererklärung ausfüllen muss. Nicht nur, weil sich staatspolitische Pflichten eigentlich nicht delegieren lassen, sondern auch, weil hier eine Kulturtechnik verloren geht. Wenn ich ein Künstler wäre, würde ich dem unbekannten Steuerformularausfüller ein Denkmal setzen. Ein einsamer Mann mit ernster Miene über ein Pult gebeugt samt Lohnausweis und Vermögensverzeichnis in weissen Marmor gehauen.
Das Ausfüllen des Steuerformulars ist eine Erfahrung, die niemandem vorenthalten werden sollte. Wer je bei Ziffer 1.2 der Berufsauslagen «Fahrrad, Kleinmotorrad bis 50 cm3 (Kontrollschild auf gelbem Grund)» grübelte, kann die Parallelen zur Zen-Meditation nicht bestreiten: Die Wegpauschale ist das Ziel.
Natürlich ist die Arbeit beschwerlich. Aber das ist ein Marathon doch auch, und trotzdem laufen die Leute 42 Kilometer am Stück und sind sogar noch stolz darauf. Aus demselben Grund fülle ich meine Steuererklärung selber aus: Weil es so schön ist, wenn ich es hinter mir habe. Zudem ist die Arbeit am Formular wahre Lebensschule: Wo lernt man heute sonst noch, dass man nicht bei jedem Hindernis gleich aufgibt, bei jeder Schwierigkeit den Bettel hinschmeisst? Man braucht kein Ehetherapeut zu sein, um einzusehen, dass weniger Ehen geschieden würden, wenn mehr Leute ihre Steuererklärung selber ausfüllten.
Der frühere amerikanische Präsident John F. Kennedy hat einmal gesagt: «Wir tun all das nicht, weil es einfach ist, sondern weil es schwierig ist.» Kennedy meinte die Mondlandung – und was ist schon eine Mondlandung gegen die Steuererklärung.