NZZ Folio 02/08 - Thema: Steuern   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Die Wegpauschale ist das Ziel

© Ruedi Widmer
Der Mond lacht auch nur so blöd, weil er meinen Himmel benützt, aber keine Steuern bezahlt! Linktext

Von Reto U. Schneider


Kürzlich habe ich erstaunt festgestellt, dass ich einer aussterbenden Gattung angehöre. Eine Umfrage unter Freunden ergab nämlich, dass ich weit und breit der Einzige bin, der seine Steuererklärung noch selber ausfüllt. Alle anderen nehmen mehr oder weniger professionelle Hilfe in Anspruch: die Arbeitskollegin aus der Buchhaltung, den Nachbarn, der immer schon gut kopfrechnen konnte, den pensionierten Steuerkommissär, den sie in der Sauna getroffen haben.

Obwohl ich nie in die Sauna gehe, würde es mir bestimmt auch gelingen, Beistand in Steuerfragen zu finden, doch bisher habe ich der Versuchung erfolgreich widerstanden. Ich bin nämlich der altmodischen Meinung, dass ein Mann in seinem Leben einen Baum pflanzen, ein Haus bauen, einen Sohn zeugen und jedes Jahr die Steuererklärung ausfüllen muss. Nicht nur, weil sich staatspolitische Pflichten eigentlich nicht delegieren lassen, sondern auch, weil hier eine Kulturtechnik verloren geht. Wenn ich ein Künstler wäre, würde ich dem unbekannten Steuerformularausfüller ein Denkmal setzen. Ein einsamer Mann mit ernster Miene über ein Pult gebeugt samt Lohnausweis und Vermögensverzeichnis in weissen Marmor gehauen.

Das Ausfüllen des Steuerformulars ist eine Erfahrung, die niemandem vorenthalten werden sollte. Wer je bei Ziffer 1.2 der Berufsauslagen «Fahrrad, Kleinmotorrad bis 50 cm3 (Kontrollschild auf gelbem Grund)» grübelte, kann die Parallelen zur Zen-Meditation nicht bestreiten: Die Wegpauschale ist das Ziel.

Natürlich ist die Arbeit beschwerlich. Aber das ist ein Marathon doch auch, und trotzdem laufen die Leute 42 Kilometer am Stück und sind sogar noch stolz darauf. Aus demselben Grund fülle ich meine Steuererklärung selber aus: Weil es so schön ist, wenn ich es hinter mir habe. Zudem ist die Arbeit am Formular wahre Lebensschule: Wo lernt man heute sonst noch, dass man nicht bei jedem Hindernis gleich aufgibt, bei jeder Schwierigkeit den Bettel hinschmeisst? Man braucht kein Ehetherapeut zu sein, um einzusehen, dass weniger Ehen geschieden würden, wenn mehr Leute ihre Steuererklärung selber ausfüllten.

Der frühere amerikanische Präsident John F. Kennedy hat einmal gesagt: «Wir tun all das nicht, weil es einfach ist, sondern weil es schwierig ist.» Kennedy meinte die Mondlandung – und was ist schon eine Mondlandung gegen die Steuererklärung.





Leserbriefe:

Zu Editorial -- Die Wegpauschale ist das Ziel - NZZ-Folio Steuern (02/08)

"Das schöne an den Steuern ist, dass sie nicht süchtig machen!" Grosses Werbeplakat am Haus eines Steuerberaters irgendwo im Thurgau. Gratulation zu einem gut gemachten und interessanten Heft.
H. Rohrer, Tscherlach



Zu Editorial -- Die Wegpauschale ist das Ziel - NZZ-Folio Steuern (02/08)

Nicht einmal dem Folio ist es möglich, ein Thema rundum abzudecken, das ist mir klar. In der vorliegenden Nummer über Steuern haben Sie aber eine grosse Chance verpasst: Wir Leser und Leserinnen wissen alle, dass Steuern bezahlt werden müssen, nicht alle aber sind im Bilde, was der Staat mit diesem Geld dann macht? So hätte ich mir z. B. ein Streitgespräch zwischen zwei Politiker/innen mit einem rigorosen Sparer und einer Person, die für die grosse Umverteilung durch echte Steuerprogression eintritt gewünscht. Mir fällt nämlich auf, dass es stets die selben Leute aus der grössten Partei der Schweiz sind, die sich sowohl für Erhaltung der Randregionen und damit für die grossen Geldströme aus den Städten und Agglomarationen in diese dünn besiedelten Gebiete einsetzen, zugleich aber den Staat mit Steuersenkungen klein halten und ihm die Mittel kürzen wollen. Diesen Widerspruch hätte ich gerne mal erklärt bekommen! Ebenso wenig sehe ich ein, wieso in der Schweiz, zählt man die Ausgaben des Bundes, der Kantone und der Gemeinden für die Bildung zusammen, trotz dieser vielen Milliarden Steuergelder kein effizienteres Schulsystem möglich ist. Und überhaupt hätte ich gerne mehr Klarheit gewonnen, wo überall unser geliebter Föderalismus nur kostet und wenig bringt. Vielleicht haben Sie ja im Sinne, bald einmal ein Folio über Grenzen und Leistungen des Service Public zu bringen? Ich freue mich bereits darauf.
Urs Graf, Bolligen



Zu Editorial -- Die Wegpauschale ist das Ziel - NZZ-Folio Steuern (02/08)

So ist es doch beim Zeitunglesen: am liebsten lese ich, was über mich geschrieben steht und worin ich mich wiedererkenne. Nicht ganz zwar, weil das Heft - aus der sicht des Staates durchaus nachvollziehbar - das Diktum "Geben ist seeliger denn nehmen" sehr stiefväterlich behandelt. Der Steuerpflicht kann ich mich nicht entziehen, sie stört mich daher auch nicht wirklich. Störend ist hingegen, dass der Staat bei der Bestimmung der Beitragshöhe schamlos davon profitiert, wenn ich mich zu wenig auskenne. Im Grunde sollte es nicht möglich sein, einen Steuerberater mit durch sein Wissen ermöglichten Abzügen entlöhnen zu können und dabei netto auch noch zu sparen. Da muss die Frage hochkommen, ob der Staat allen Ernstes interessiert ist, seine Bürger zu schützen.
Ulrich Ineichen, Muri



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